Der Sound der großen Emotionen

Der Sound der großen Emotionen - aboutpixel.de liebeskummer © Sven Brentrup

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Musik hat viele Gesichter. Egal, ob als mit blauer Tinte sauber ausgeschriebene Note, nicht ganz legale digitale Kopie auf der Festplatte oder in Form von akustischen Wellen, die sich  zielgerichtet an das menschliche Ohr heranpirschen: Alles ist Musik und doch wieder nicht. Schließlich macht ein Datenträger voller akustischer Symbole noch keine Musik aus, so wie wir sie kennen. Diese entsteht erst im Zusammenspiel mit einem subjektiven Hörer bzw. Produzenten. Erst seine kognitive Aufnahme, Verarbeitung und Interpretation der akustischen Information macht aus physikalischen, akustischen Größen, erlebte, erschaffene und insbesondere gefühlte Musik.

Sie ist also ein gefühlter, subjektiv erlebt- und verarbeiteter Moment im Individuum und ist damit unzertrennlich mit menschlichen Emotionen verzahnt. Sie lässt uns tanzen, lachen und manchmal müssen wir sogar wegen ihr das ein oder andere Tränchen verdrücken. Doch woher kommt dieses dialektische Zusammenspiel zwischen Mensch und (mehr oder weniger) rhythmischer Schallwelle? Die Antworten darauf sind vielfältig. Je nachdem welche Wissenschaft man fragt, findet man verschiedene Antworten auf ein Phänomen, das so allgegenwärtig ist, dass man es schon fast schon als Naturgesetz versteht. So hören wir aus manch musikwissenschaftlichen Lager, dass emotional-erlebte Musik erlernt ist. Sie wird in dieser Vorstellung mit vergangenen positiven oder negativen Ereignissen verknüpft.

So kommt es beispielsweise dass viele Paare „ihr“ Lied haben. Ein Moment in dem sie glücklich waren, wird dann mit Mariah Carey oder schlimmer noch mit den Scorpions verbunden. Während andere Menschen betreten die Fusseln am Boden zählen, springen solche Paare dann oft auf und wiegen sich in einem Gefühl der Liebe und Behaglichkeit, das außerhalb des Liedes in vielen Fällen schon längst verklungen ist. Wind of Change bekommt dann pötzlich eine ziemlich ironische Konnotation. So oder so: Gefühlte Musik ist damit erst erlebbar, wenn das menschliche Individuum positive oder negative Ereignisse aus der Vergangenheit mit den dargebotenen Klängen verbindet. Diese kognitive Verknüpfung ist dabei in höchsten Grade subjektiv und weist (glücklicherweise) keine universell geltenden Reiz-Reaktionsprozesse auf.

Ganz anders argumentiert dabei das evolutionspsychologische Lager der Musikwissenschaft. Hier sind Reaktionen auf bestimmte Klänge, schon seit Jahrtausenden in unseren noch steinzeitlichen Gehirnen verankert. Und obwohl Mammut und Säbelzahntiger, schon längst nicht mehr ernstzunehmende Gefahren in unserer postmodernen Lebenswirklichkeit darstellen, schrecken wir bei lauten, unerwarteten Lauten auf und empfinden tiefe und dröhnende Musik oft als unangenehm. Ob nun erlernt oder angeboren: Musik und Emotion sind nicht einfach da. Sie entstehen vielmehr aus etwas dahinter liegendem, einer metaphysischen Kraft, die Musik und Klängen erst emotionale Bedeutung schenkt.

Dabei betont die Musikwissenschaftlerin Karin Weske der Universität Halle: „Die Verbindung eines Gefühls mit einem Ereignis erfolgt teilweise spontan, teilweise ist sie erlernt. Ein Individuum kann jedoch keine neuen, noch nie aufgetretenen Gefühlsqualitäten ausbilden. Musikalischer Ausdruck ist daher nur innerhalb gesteckter Grenzen nuancierbar. Der emotionalen Bedeutung von Musik haftet Nicht-Beliebiges und Nicht-Willkürliches an, sie verweist auf fundamentale, universelle, vor der Musik liegende Strukturen.“ Letztendlich bleibt es eine wissenschaftliche Glaubensfrage, wie wir diese metaphysischen Strukturen definieren und welche Erklärungsmodelle wir aus ihnen ableiten. Ein Fakt besteht aber weiterhin: Wer auf den Scorpions seine Partnerschaft aufgebaut hat, hat ernstzunehmende Beziehungsprobleme.