Ich höre, also bin ich

 Ich höre, also bin ich	aboutpixel.de © Christoph Ruhland

Ich höre, also bin ich aboutpixel.de © Christoph Ruhland

Wer von uns kennt sie nicht? Verunsicherte Pubertierende, aus deren Kinderzimmer oder wahlweise Handylautsprecher, erst Shakira und Britney Spears ertönen und wenig später Buschido zur Nr. Eins der spätkindlichen iTunes-Mediathek avanciert. Diese Jugendlichen loten bei solch merkwürdigen Anwandlungen oft ihre – meist nur bedingt individuellen – Wertevorstellungen und Selbstbilder aus. Eine manchmal quälende, aber zumindest fast immer elementare Lebensfrage ist dann oft: „Wer sind meine Freunde und wer denn vor allem NICHT?“ Auffällig oft findet man hier oberflächliche Bewertungsschablonen. Zumindest auf den ersten Blick. Denn dahinter stehen vielmehr tiefgreifende, psychologische Prozesse der Identitätsfindung.

Außerdem dominieren oft negative genauso wie positive Erfahrungen der Gemeinsamkeit mit Anderen das persönliche Selbstbild. Neben der Kleidung und den oralen Expressionen auf dem Schulhof, ist hier der kollektiv erlebte Musikgeschmack von maßgeblicher Bedeutung. Das was man gerne hört, kommt nicht von Ungefähr, sondern ist  zum größten Teil davon abhängig, was die coolen Mitmenschen tun, wie sie aussehen und welchen Lebensstil sie verkörpern. Fast noch wichtiger, ist hier jedoch die Frage, was denn dann die total „Uncoolen“, die „Nerds“, die „Opfer“ hören? Dies wird schließlich zum ultimativen Feindbild erklärt. Jugendliche definieren sich also oft über die Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppierungen und genauso ist es zum größten Teil beim – als eigens erlebten – Musikgeschmack. Die Sozialpsychologie verbindet dabei Prozesse der Abgrenzung und der eigenen Identitätsfindung immer auch mit dem aktuellen Musik- und Kulturangebot einer Gemeinschaft. So werden die juvenilen Musikpräferenzen zu entscheidenden Determinaten der Identitäts- und Habitusenstwicklung. Dabei sind solche habituellen Gruppenzugehörigkeiten keinesfalls festgeschrieben, sondern im höchsten Maße wandelbar. Die Identitätsbildung anhand von sozialen peer-groups und deren internen musikalischen Vorlieben, lässt sich also oftmals als phasenartig verstehen.

Keinem von uns muss es also retrospektiv peinlich sein, wenn  aus der mit Konfirmationsgeld erwirtschafteten Stereoanlage Tic Tac Toe und Scooter erklangen und nur wenig später Dynamite Deluxe oder Sven Väth die Eltern zum Wahnsinn trieben. Wir alle brauchten schließlich eine Zeit zum Ausprobieren, um zu so eigenständigen Individuen mit starker Selbstdefinition und fabelhaften Musikgeschmack heranzureifen, die wir heute sind. Ist doch irgendwie auch beruhigend.