Blauer Regen, ovaler Montag

Bild-Designer: Francesco Marino

Wäre es nicht interessant zu wissen welche Form das Singen eines Vogels hat? Oder welche Farbe das Rauschen der Bäume? Unsere Fantasie kann sich sicher so manche dieser Fragen beantworten.

Aber es gibt tatsächlich Menschen, die in der Lage sind Musik als Farben und Formen zu erleben. Für sie ist eine sinnliche Erfahrung weit mehr als das, was andere Menschen wahrnehmen können. Diese Fähigkeit nennt man Synästhesie und es gibt sie in unzähligen Varianten.

Die am häufigsten vorkommende ist das Farbenhören. Töne erscheinen dabei vor dem inneren Auge als Farben, Symbole oder sogar beides. Eine bestimmte Tonlage beim Singen einer Frau im Radio könnte als lila Streifen erscheinen und das von draußen hereinkommende Hundegebell als blaue Kreise. Noch ein bisschen ausgefallener sind dann andere Wahrnehmungskombinationen. Gefühle oder Gerüche können ebenfalls gesehen werden. Sogar bestimmte Begriffe oder selbst einzelne Buchstaben können durch die Synästhesie mehr als nur ihre innewohnende Bedeutung besitzen. Eine Synästhetikerin in einem Forum beschreibt, wie sie den Buchstaben A als blau wahrnimmt und das Wort Arie für sie einen Übergang von Blau zu Weiß ergibt. Für diesen Synnie, wie sich Synästhetiker selbst manchmal nennen, ist der Montag gelb und ein Jahr eine ovale Form. Der Begriff der Synästhesie ergibt sich aus dem griechischen Wort syn (= zusammen) und dem aisthesis (griech. = Empfindung) und kann als Sinnesverschmelzung übersetzt werden. Die Synästhesie passiert im Kopf. Eine sensorische Information aktiviert dabei Gehirnregionen, welche normalerweise für eine ganz andere Sinneswahrnehmung Verwendung findet und erzeugt so den mehrsinnlichen Eindruck. So ein Effekt tritt häufig ebenfalls kurzzeitig beim Konsumieren von halluzinogenen Drogen auf, da diese ebenfalls dazu führen, dass Empfindungen Gehirnregionen aktivieren, die sie unter normalen Bedingungen eigentlich nicht ansprechen würden. Auch Alkohol kann synästhetische Eindrücke kurzzeitig verstärken.

Die Möglichkeit Töne zu sehen findet man aber auch in der Medienlandschaft. Der Zeichentrickfilm Fantasia begleitet die gehörte Musik mit einer Vielzahl an Visualisierungen. Ein heller Ton wird zum Beispiel als kleiner gelber hüpfender Ball dargestellt oder an anderer Stelle als oszyloskopischer zum Leben erwachter Graph. Dadurch wird die Musik zum audiovisuellen Erlebnis. Zusammen mit der legendären Kurzgeschichte über Mickey Mouse als Zauberlehrling ist Fantasia ein Filmerlebnis, dass man mal gesehen haben sollte. Leider erwies sich der Film als finanzielles Desaster. Interessant ist jedoch, dass Jugendliche begannen, den Film unter dem Einfluss halozinogener Drogen zu konsumieren. Disney erkannte die Zeichen der Zeit und brachte den Film ein weiteres Mal als „Trip Film“ heraus. Unter dem Einfluss der Drogen kann in der Kombination aus visuellem und auditivem Erlebnis sicherlich einer verstärkten, synästhetischen Erfahrung gesprochen werden. Von Nachahmung wird an dieser Stelle selbstverständlich ausdrücklich abgeraten! In den Jahrzehnten zwischen 1920 und 1940 wurde synästhetische Wahrnehmung außerdem zunehmend für die Kunst interessant. In der Literatur der Romantik wurden gerne Metaphern verwendet, um beschriebenen Tönen ein deutliches, visuelles Aussehen zu geben. Nicht wenige Kompositionen wurden von der Farbwahrnehmung inspiriert: 1725 entwickelte der französische Mathematiker Louis-Bertrand Castel ein sogenanntes Farben- oder Augenklavier. Das Spielen einer bestimmten Note hatte den Effekt, dass eine bestimmte, der Taste zugeordnete Farbe zu sehen war. Hohe Töne besaßen dabei helle Farbtöne, tiefe Töne entsprechend Dunkle. Der russische Komponist und Synästhetiker Alexander Nikolajewitsch Skrjabin schuf 1910 mit seiner Komposition Prometheus ein musikalisches Werk, von dem ein Part für das genannte Farbenklavier komponiert worden war. Für dieses Stück komponierte man zusätzlich den ‚Prometheischen Akkord‘, einen sechstönigen Quartenakkord. 1922 ließ Alexander László seine Zuschauer an seiner Erfindung des Farbenlichts teilhaben. Mehrere Projektoren warfen einen Grundfarbton auf eine Leinwand, zu dem sich weitere Farben in verschiedenen, geometrischen Formen mischten, wenn entsprechende Töne erklangen. Aber auch die gegenteilige Kunstschaffung hat es in der Geschichte der Musik gegeben. Franz Liszt vertonte 1857 das von Wilhelm von Kaulbachs gemalte Gemälde „Die Hunnenschlacht“ und gab dem Visuellen des Kunstwerks damit eine angemessene, auditive Ebene hinzu. Der Kunstpädagoge und Maler Oskar Rainer betrachtete die direkte Kombination von Kunst und Musik erstmals wissenschaftlich um 1880 . Er untersuchte Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung von Musik- und Farbwahrnehmung und entwickelte daraufhin das Prinzip der musikalischen Graphik, in der gehörte Musik in einer Malerei festgehalten werden sollte. Seine Beobachtungen bildeten die Basis für eine pädagogische Kombination von Musikerleben und einer dazu entwickelten bild-künstlerischer Formgebung. Die dabei entstehende Kunst ist häufig ein Zusammenspiel von abstrakten Formen und Farben. Heute können wir synästhetische Kunst in der vom WDR 3 jedes Jahr aufs neue abgehaltenen Vergabe des Klangkunst-Preises innerhalb der SoundArt-Veranstaltung erleben. Nicht alle Kunstwerke drehen sich dabei um die Kombination von Visuellem und Auditivem, es sind jedoch häufig Künstler vertreten, welche genau dies thematisieren. Dass auch in unserem Alltag Farben gerne mit Tönen kombiniert werden, zeigt die Lichtgestaltung während eines Musikkonzertes oder einfach die Kopplung von Musik an Lichtorgeln in den Clubs und Diskos oder den Soundlogos von Firmen, in denen die virtuellen Bilder mit einem musikalischen Jingle kombiniert werden, um einen möglichst einprägsamen Wiedererkennungseffekt zu generieren. Gehen wir von der direkten Kombination von Ton und Farbe weg hin zu einer allgemeineren Betrachtungsweise, ist die Kombination von Ton und Visualität in unserer Kultur allgegenwärtig, ohne, dass wir uns dessen bewusst sind. Einen Schritt zurück zum Stummfilm wird es nicht geben und ein stiller Theaterbesuch würde höchst befremdlich, wenn nicht sogar unangenehm wirken, wie es uns der Komponist JOHN CAGE mit seinem Stück „4,33“ bewiesen hat.

Quellen:

http://www.synaesthesie.net/

http://www.onmeda.de/krankheiten/synaesthesie-definition-1540-2.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,670045,00.html

http://www.michaelhaverkamp.de/Synaesthesia_MHH_Haverkamp_LQ_2003.pdf

http://www.synaesthesiewerkstatt.de/synaesthesie.htm

http://www.sterneck.net/john-cage/sterneck/index.php

http://www.medienkunstnetz.de/werke/augenklavier/

http://www.atelier-knorr-kleine.de/klangbilder.htm

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