Der Stummfilm und die Musik

super 8 stummfilmSind Stummfilme wirklich stumm? Viele Texte besagen, dass Stummfilme nie stumm sind, und begründen dies damit, dass solche Filme von Musik, oder einem Erzähler bzw. Erklärer begleitet werden, von dem Summen und Rattern des Projektors gar nicht zu sprechen. Aber es gibt auch eine oppositionelle Meinung, laut der Stummfilme immer stumm sind, auch dann wenn eine akustische Ebene hinzugefügt wird, denn diese ist nicht in den Film involviert. Die Antwort auf die gestellte Frage kann nur schwer gefunden werden, da sie von der Einstellung des Betrachters abhängig ist. Ich möchte mich hier mit der Rolle der Musik in Stummfilmen beschäftigen.

Drehen wir die Zeit ein bisschen  zurück: Die erste öffentliche Stummfilmaufführung findet im November 1895 statt. Die Brüder Skladanowsky entwickeln das Bioskop und zeigen mit diesem Projektionsapparat bewegte Bilder, begleitet von Musik. Kurz darauf, im Dezember des selben Jahres, zeigen die Brüder Lumière ihre Kurzfilme mit ihrem Kinematograph, jedoch ohne musikalische Untermalung.
Es gibt also zu dieser Zeit zwei Aufführungsformen des Stummfilmes: entweder mit oder ohne Musik. Es ist zwar berechtigt zu sagen, dass die Musik von Anfang an bei Stummfilmen präsent ist, jedoch bedienen sich nicht alle Filmemacher dieser Option. Obwohl es reichlich Versuche gibt den Stummfilm zu vertonen, streben die Stummfilmkünstler nicht gezielt nach einer Kombination des Auditiven und Visuellen. Der Stummfilm ist nämlich so konzipiert, dass er ohne jegliche akustische Hilfsmitteln auskommt. Er kommuniziert auf einer visuellen Ebene, durch übertriebene Gestik und Mimik. Geräusche und Musik sind grundsätzlich bei solchen Produktionen nicht inhärent, sie sind ersetzbar durch  Geräusche oder andere Musikstückeoder können vollständig fehlen.
Wieso wird trotzdem Musik eingesetz?
Oft wird so argumentiert, dass das Rattern des Projektionsgerärtes übertönt werden muss. Jedoch wird festgestellt, dass dieses meistens in einem separaten Raum aufgestellt ist – vor allem aus Brandschutzgründen –  und somit im Zuschauerraum gar nicht zu hören ist. Die Antwort auf die Frage muss also irgendwo anders gesucht werden. Weitere Erklärungsmöglichkieten sind entweder, dass die filmische Stille überwunden werden muss, oder, dass durch die Musik die narrative Ebene unterstützt wird. Dies ist jedoch fraglich, da Stummfilme – wie schon erwähnt – keiner musikalischen Ebene bedürfen. Der wahre Grund ist aber vermutlich, wie auch Corinna Müller in „Vom Stummfilm zum Tonfilm“ schreibt, kulturhistorisch bedingt.
Im Gegensatz zum rein visuellen Stummfilm, der sich auf die Beobachtung und Entwicklung der Authentizität von bewegten Bildern und der Leistungsfähigkeit des neuen Mediums konzentriert, hat sich der Stummfilm mit Musikbegleitung die Unterhaltung des Publikums als Ziel gesetzt, und greift somit auf die Laterna-magica-Tradition zurück.
Ab dem 17. Jh. – also schon ab den Anfängen des Mediums, – werden Laterna-magica-Aufführungen überwiegend von Musik begleitet. Also wurde die Musik hauptsächlich als unterhaltungssteigernder Faktor eingeführt. Die Sensation, der Unterhaltungs- und Erlebniswert werden durch die Musik gesteigert.
Zu vermerken ist dabei, dass die Musikstücke der ersten Stummfilme auf die gezeigten Bilder nicht abgestimmt sind, sodass die Wirkung des Gesamten von der Improvisationsfähigkeit des Musikers abhängt. Erst später werden klischeehafte Musikthemen weltbekannter Musikstücke den verschiedenen Handlungen zugeordndet, so dass Bilder und Musik harmonieren – diese Begleitungsform nennt man Kompilat. Eine dritte Art der Begleitung ist die Originalmusik, die spezifisch für den Film komponiert wird – was allerdings in den seltensten Fällen zutrifft. Diese drei Begleitformen –  Improvisation, Kompilat und Originalmusik – beeinflussen  die Rezeption zwar unterschiedlich, aber festzuhalten ist das jede dieser Formen dem Vergnügen des Publikums dient.

Für diesen Beitrag wurden folgende Quellen verwendet:

Gronemeyer, Andrea (2004), Schnellkurs Film, Köln: DuMont.

Müller, Corinna (2003), Vom Stummfilm zum Tonfilm, München: Fink.

Schlingensiepen, Mark Andreas (1995), Der künstlerische Stellenwert der Musik zum Stummfilm, in: Forum Musikbibliothek, Nr. 1, S. 19-24.