Vom Hören zum Sehen (1/3) – Das Theater mit der auditiven Medienkultur

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Krapp's Last Tape http://casandralungu.wordpress.com

Was haben Literatur und Theater mit auditiver Medienkultur zu tun? Eine Verbindung besteht tatsächlich – und sie ist gar nicht mal so klein und unbedeutend. Genau darum soll es in dieser Blogserie gehen – auditive Medienkultur steckt in Literatur und Theater und  natürlich auch in Hörspielproduktionen und keines schließt das andere aus. Einfach weiterlesen und eine neue Perspektive kennenlernen!

Im ersten Teil dieser Blogserie soll es um Samuel Beckett gehen – Autor von Romanen, Kurzgeschichten und Theaterstücken, Drehbuchautor für Radio und Fernsehen, Querdenker und Genie, wenn es um den Umgang mit Medien ging.

Wie lässt sich nun der Autor Beckett mit auditiver Medienkultur in Verbindung bringen? Ganz einfach – und doch recht kompliziert. Beckett hat sich nie auf ein Medium beschränkt; vielmehr war ihm daran gelegen, Grenzen auszuloten und schließlich zu überschreiten. So entstanden beispielsweise interessante Verbindungen zwischen Theater, Roman und Radio.

Für alle, die noch nicht viel von Beckett gehört haben: Er wurde am 13.04.1906 in der Nähe von Dublin, Irland geboren und verstarb am 22.12.1989 in Paris. Beckett schrieb erst auf englisch und dann, nachdem er nach Frankreich ausgewandert war, auf französisch. Eines seiner berühmtesten Stücke ist En attendant Godot (Warten auf Godot, 1953), das allgemein zum absurden Theater gezählt wird. Generell hat Beckett Zeit seines Lebens nach neuen Möglichkeiten, sich auszudrücken gesucht und jedes verfügbare Medium genutzt.

In Becketts Werken ist die Stimme nicht nur Teil eines Charakters, die Stimme selbst wird zu einem Charakter oder auch zum Gegenspieler des Protagonisten. Die Stimme zeigt, dass man existiert – sobald sie verstummt, gibt es keinen Beweis für die eigene Existenz mehr- das Auditive wird also essentiell. Diese Idee findet man zum Beispiel in L’innomable (Der Namenlose, 1953), dem dritten Teil seiner Prosatrilogie. Dieses Buch hört man eher, als das man es liest – so paradox das auch klingen mag. Dies kommt daher, dass die Worte scheinbar einfach so heraussprudeln, ohne eine einheitliche Geschichte zu erzählen. Bei Beckett hieß das Ausschöpfen eines Mediums immer die fortschreitende Reduzierung auf das, was er als wesentlich ansah. So gibt es in Der Namenlose keine Handlung und keine Charaktere, sondern nur eine Stimme. Was die Stimme sagt, ist nicht strukturiert und, oberflächlich betrachtet, nicht schriftsprachlich ausgefeilt. Die Stimme erzählt einfach und zwar immer und immer weiter, sie denkt sich Geschichten aus, bricht diese wieder ab, hört aber nie auf zu reden – denn der Klang der Stimme bedeutet Existenz, Schweigen und Stille bedeuten den Tod, beziehungsweise die „Nicht-Existenz“.

Klingt komisch, ist aber so.

Die Stimme spielt allerdings auch in Becketts Theaterstücken eine große Rolle. Besonders auffällig ist hier Not I (Nicht Ich, 1972). Dieses Stück schrieb Beckett speziell für seine Lieblingsschauspielerin Billie Whitelaw, die komplett in schwarz gekleidet auf der Bühne stand und deren Mund das Einzige war, das das Publikum sehen konnte. Obwohl Theater ein hochgradig visuelles Medium ist, kann das Auditive nicht unbeachtet bleiben. Beckett lotete mit diesem Stück wieder Grenzen aus. Er reduzierte die Bilder auf das Wesentliche, nämlich den Mund, der der Vermittler der Stimme ist.

Auch ein anderes seiner Theaterstücke spielt sehr gekonnt mit auditiven Mitteln. In Krapp’s Last Tape  (Das letzte Band, 1958) spielt Krapp, der einzige Charakter des Stücks, mit einem Tonbandgerät alte Bänder ab, die er selbst besprochen hat. Seine Stimme wird mit Hilfe der Technik zu einer zweiten Präsenz auf der Bühne und wird zum Träger von Erinnerungen. Es mag dem Zuschauer/ Zuhörer seltsam vorkommen, dass der Darsteller auf der Bühne nicht nur redet und spielt sondern auch selbst zuhört. Das Anhören von Erinnerungen, von vergangenem Leben und von Gefühlen wird ein Erlebnis, dass Darsteller und Publikum gemeinsam teilen. Krapp’s Last Tape ist somit ein Wechselspiel und eine Kombination aus Visuellem und Auditivem, wie es sie bis heute nur selten gab und gibt.

Zum Abschluss noch etwas Lustiges und Interessantes: In seinem Fernsehstück Quad I + II (1981) schlurfen 4 vermummte Gestalten durch ein Rechteck. Die schweren Füße und der schleppende Gang im zweiten Teil sollten nicht nur seh- sondern auch hörbar werden. Becketts Lösung: Den Darstellern wurde einfach eine Schicht Schmiergelpapier unter die Schuhsohlen geklebt!

Der zweite Teil dieser Serie erscheint am 20. März 2011!