Vom Hören zum Sehen (2/3) – Bahnbrechende Hörspiele

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Bahnbrechende Hörspiele (2/3) (www.pixelio.de)

Im ersten Teil dieser Blogserie ging es um Theaterstücke, die auditive Mittel nutzen, um den Seh- und den Hörsinn  zu verbinden. In diesem und im nächsten Teil der Blogserie drehen wir das Ganze einmal um: Während Theater ein zu einem großen Teil visuell geprägtes Medium ist, das sich aber auch Hörbares zu Nutzen macht, soll es nun um besondere und bahnbrechende Hörspiele gehen, die in ihrer Form theoretisch auch auf die Theaterbühne hätten gebracht werden können. Mit welchen Mitteln werden über das Hören Bilder vor unserem inneren Auge erzeugt und warum sind die angesprochenen Beispiele als Hörspiele und nicht als Theaterstücke konzipiert worden?

Da es im ersten Teil um Beckett ging, knüpfen wir bei ihm noch einmal an. Eines seiner Hörspiele ist beispielsweise  All That Fall (Alle, die da fallen, 1957).  Beckett arbeitet besonders in diesem Fall sehr viel mit Tönen um erstens eine bestimmte Stimmung zu erzeugen und um zweitens eine gelenkte Visualisierung des Geschehens entstehen zu lassen. Der Inhalt des Hörspiels ist schnell erzählt: Maddy, die im Original wieder von Billie Whitelaw (die auch, wie im ersten Teil dieser Serie beschrieben, die einizige Rolle in Not I gespielt hat) gesprochen wird, macht sich auf den Weg zum Bahnhof, um ihren blinden Mann Dan abzuholen. Auf dem Weg dorthin trifft sie einige Leute aus dem Dorf und nach und nach ergibt sich ein Bild; man fängt an, sich Maddy und ihre Lebensgeschichte vorstellen zu können.

Allerdings ist es nicht so einfach, nur der Geschichte zu folgen. Die Töne, die wir hören, scheinen oftmals nicht zu der jeweils beschriebenen Handlung zu passen. So steigt Maddy beispielsweise bei einem früheren Verehrer ein, der sie ein Stück weit mitnimmt. Er hilft ihr beim Einsteigen und die Geräusche, zum Beispiel ihr Stöhnen und hektisches Atmen, die dann erklingen, erinnern eher an gewisse Schlafzimmeraktivitäten. Beckett nutzt also Töne, Musik, Geräusche und erzählt somit eine Geschichte auf zwei Ebenen. Die Worte erzählen etwas anderes als die Geräusche und wir visualisieren somit zwei verschiedene Versionen. Obwohl das Stück an sich also in Hinsicht auf Aufbau und Charaktere einem Theaterstück gleicht, kann es seine ganze Vieldeutigkeit aber nur entfalten, wenn wir uns die Bilder selbst denken müssen. 

Fazit: All That Fall auf der Bühne wäre viel zu eindeutig , würde keine Imaginationsleistung mehr vom Publikum fordern und würde somit schließlich einiges an Reiz verlieren.

Im nächsten Teil der Blogserie wird es um ein weiteres wichtiges Hörspiel gehen, das aber auf ganz andere Mittel zurückgreift, um die Fantasie des Hörers anzuregen. Worum es genau gehen wird, soll aber hier noch nicht verraten werden!