Vom Hören zum Sehen (3/3) – Bahnbrechende Hörspiele

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Vom Hören zum Sehen (3/3) - Bahnbrechende Hörspiele (www.pixelio.de)

Im vorigen Teil dieser Serie ging es wieder um Samuel Beckett; dieses Mal besonders um sein Hörspiel All That Fall.  Dieser letzte Beitrag der Serie beschäftigt sich nun mit einem ganz anderen aber nicht weniger wichtigen und besonderen Hörspiel: Berthold Brechts und Kurt Weills Ozeanflugwelches man etwas theoretischer als Becketts All That Fall angehen kann.

 Zwischen 1927 und 1932 hat Brecht verschiedene Aufsätze veröffentlicht, die sich zu seiner Radiotheorie zusammensetzen lassen. Diese ist keine vollständige Theorie, sondern ein Versuch, seine Vorstellungen bezüglich des Mediums Radio theoretisch zu erfassen. Brecht sah den Hörfunk in seiner damaligen Form als nicht besonders nützlich an, da er seiner Meinung nach nichts Neues zu sagen hatte. Ginge es nach ihm, sollte das Radio zur Kommunikation, also zum Austausch, dienen. Mit einem Experiment wollte er die Hörer zu Aktivität bewegen. Dieses Experiment trug zuerst den Titel Der Lindberghflug, weil es um die Ozeanüberquerung Lindberghs ging. Weil Brecht nicht nur die Identifikation mit Lindbergh anregen wollte, änderte er den Titel in Der Flug der Lindberghs, und später, um das Kollektiv zu betonen und Abstand von dem Nazisympathisanten Lindbergh zu nehmen, nannte er das Stück nur noch Ozeanflug.

Ozeanflug ist ein sogenanntes “musikalisches Hörbild” (nicht zu verwechseln mit dem “Soundscape“). Ein Hörbild “ist eine kurze Sequenz, die aus einem lyrischen Text und spezifischen Geräuschen zusammengesetzt ist.” Der lyrische Text stammt in diesem Fall von Brecht, die Musik von Kurt Weill. Das Stück wurde von Weill vertont und in dieser Fassung 1929 uraufgeführt. Da Weill Brechts komplette Überarbeitung des Textes nicht mehr erlebte, blieben einige Textteile unvertont. Wer sich Ozeanflug heute anhört, dem erscheint diese Produktion wahrscheinlich eher altmodisch und es ist nicht ganz so einfach, sich darauf einzulassen. Dennoch lohnt es sich- die Musik und der Gesang, so gewöhnungsbedürftig beide auch sein mögen, transportieren Bilder und Emotionen.

In Ozeanflug gibt es, wie bei Beckett, einige recht unkonventionelle Charaktere. Natürlich gibt es den Flieger aber zusätzlich kommen zum Beispiel der Wind und der Schlaf, Amerika und Europa zu Wort. Heute wird der Ozeanflug auch als Theaterstück auf der Bühne aufgeführt. Hier stellt sich aber doch, abermals wie bei Beckett, die Frage, ob das dem Stück wirklich entgegenkommt.

Unsere Welt ist durch Fernsehen, Kino und Internet zu einem großen Teil bestimmt durch visuelle Reize und vielleicht geht dadurch auch  die eigene Vorstellungskraft ein bisschen verloren. Hörspiele oder -bilder wie All That Fall und Ozeanflug mögen dem entgegenwirken, denn sie geben dem Hörbaren nur den Rahmen; die Bilder lassen wir, ganz individuell, in unseren Köpfen entstehen.

Kopfkino der besonderen Art.