Das Spiel mit der Musik (1/3) – Karaoke

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"Mädchen mit Mikrofon" von http://www.publicdomainpictures.net

Nehmen wir in unserem Zeitalter multimedialer Konvergenz Musik eigentlich noch so wahr, wie es unsere Eltern einst taten? Oder ist unser Umgang mit der Musik heute ein völlig anderer? Haben wir damals einfach den Schallplattenspieler/Kassettenrekorder/MP3-Player angeschmissen, ist es heute möglich Musik in einer interaktiven Weise zu konsumieren, an die früher noch nie Jemand gedacht hatte. Dass sich dadurch der Umgang mit der Musikkultur verändert, bleibt nicht aus. In dieser Serie von Blogeinträgen sollen ein paar der gängigsten, aber auch der neumodischsten und somit auch noch ungewöhnlicheren Arten vorgestellt werden, Musik zu konsumieren. Nämlich in der Form von Videospielen.

Von der Karaoke zu Singstar

Beginnen wir mit einem Blick auf die wohl offensichtlichste und älteste Form der Musik als Spiel: Der Karaoke. Der Ursprung dieses Zeitvertreibs ist das Land, dass für seine Technikbegeisterung bekannt ist, nämlich Japan. Der dort äusserst beliebten Freizeitbeschäftigung wird in speziell dafür ausgerichteten Karaoke-Bars nachgegangen. Karaoke gibt es in Japan seit den 70ern und ist bis heute ein fester Bestandteil der Unterhaltungskultur. Sie besteht aus dem Worten Kara und oke, was übersetzt so viel bedeutet wie „Leeres Orchester“. Die Begriffserklärung gestaltet sich dabei sehr einfach, wenn man bedenkt, wie so eine Karaokeperformance abläuft. Denn beginnt die instrumentale Musik, füllt der jeweilige Sänger einfach mit seiner Performance die fehlenden Elemente, also die leeren Stellen des Stücks, aus. Nicht selten zur Freude oder noch besser zur Schadenfreude des Publikums. Um ein leeres Orchester zu veranstalten werden unterschiedlich große Kabinen gemietet, in denen je nach Gesellschaft und Größe der Gruppe dem privaten Singen und Performen nachgegangen wird. Seit den 90ern ist mit dem Einzug der Casting-Showssingstar1 Karaoke flächendeckend auch in die westliche Welt übergewechselt und erfreut sich seitdem großer Beliebtheit. Auch wenn die Veranstaltung nicht in speziell dafür eingerichteten Bars, sondern in einem kleinen, irischen Pub, in einer großräumigen Disko oder im privaten Kreis stattfindeen, bleibt das Rezept immer das gleiche: Zu einem bekannten Song wird die Musik möglichst ohne die Vocals, also den Gesang, abgespielt. Ein bis zwei Personen singen nun in möglichst authentischer oder belustigender Weise passend zur Musik die Lyrics, die normalerweise auf einer Leinwand eingeblendet werden, nach. Anschliessend belohnt das Publikum die dargestellte Performance je nach Unterhaltungsgrad mit Gelächter oder Applaus. Das ganze sieht dann ungefähr so aus.

Zuletzt hat aber auch die digitale Unterhaltungsindustrie das Thema Karaoke für sich entdeckt. Den Anfang machte das Spiel Singstar für die Playstation 2, das die Elemente des Karaoke um einen spielerischen Wettbewerbscharakter erweiterte. Je nachdem wie gut dabei das Lied mitgesungen wird, vergibt das Programm Punkte für die korrekte Wiedergabe. Im Gegensatz zum klassischen Karaoke, bei dem höchstens das Publikum subjektiv entschied, wer der Gewinner ist, entscheidet dort eine unparteiische Maschine über korrekte Betonung und Stimmlage. Durch den Erfolg von Sonys Spiel folgte einige Jahre später ein Ableger für die Xbox namens Lips. Das Besondere ist, dass sich, ähnlich wie bei moderner Musikdistribution über Programme wie iTunes, weitere Songs singstar-gkostenpflichtig herunterladen lassen, um so die Songbibliothek nach eigenem Geschmack einzurichten. Inzwischen umfasst das Angebot mehrere hundert spielbare Lieder und jede Woche gibt es dutzende Neuerscheinungen aller Genres, welche unter anderem auch parallel zur Veröffentlichung neuer Alben herausgebracht werden. Dadurch hat die Musikindustrie einen weiteren Distributionskanal aufgedeckt, was der durch Raubkopien gebeutelten Industrie teilweise wieder auf die Sprünge hilft. Denn Musiktracks für Singstar lassen sich nicht so einfach kopieren wie gewöhnliche Songs.
Aber warum ist das Prinzip so beliebt? Wahrscheinlich weil angeregt durch ‚Deutschland sucht den Superstar‘ und ähnliche Formate die Vorstellung von einer Karriere im Rampenlicht eine ganz neue Popularität bekommen hat. Die schnelle Karriere von der Aldi-Kassiererin zum Popsternchen mit goldener Schallplatte an der Wand schien nie so einfach zu sein wie heute. Und ist einem die Karriere durch fehlendes Talent verwehrt, bleibt immer noch der erste Platz bei der gemeinschaftlichen Karaoke. Welch Glamour, welch Glorie.

Wer Karaoke gerne mal selbst ausprobieren möchte, muss nur bei youtube das Stichword Karaoke eingeben. Dort gibt es viele Songvideos ohne Gesang aber mit Texteinblendung. So wie zum Beispiel Stand by me von Ben E. King.

Weiter geht’s mit ausgefallenen Musikspielen im zweiten Teil.

Quellen:

http://www.stern.de/digital/computer/musikspiele-rock-around-the-wohnzimmer-647081.html