Der Sound der Subkultur Teil 3- Auf den Spuren des Rock in der BRD

Auf den Spuren des Rock tobi.rottenkolber/aboutpixel.de

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Josef Kloppenburg betont in seinem Text „Musikpräferenzen. Einstellungen, Vorurteile, Einstellungsänderung“ (2005), dass die Rock- Musik nicht nur unterschiedliche soziale Schichten, sondern auch Geschlechter und vielleicht auch Generationen zusammen bringt. Es ist also etwas besonderes mit der Rock- Kultur. Aus diesem Grund widme ich dieser Bewegung den letzten Teil meiner Blog- Serie und begebe mich auf Spurensuche in die BRD.

Der Rock’n Roll bricht in den 50er und 60er Jahren gänzlich mit den prüden und verklemmten Konventionen der Zeit und bringt eine ganze Generation in Bewegung, die gegen die Norm- und Moralvorstellungen der Eltern aufbegehrt: „Die erste Nachkriegsgeneration begehrte gegen die Erwachsenenwelt auf, und der Rock’n Roll war ihre Stimme“ (Lindner 2005: 13). Doch die Rockmusik ist zunächst nicht deutsch, sondern steht mit Elvis als ihrem ‚Paten’ vor allem für den „American Way of Life“ (Lindner 2005: 25). Durch die zunehmende Amerikanisierung Deutschlands mit „Bravo“ (Lindner 2005: 16) und Co und dem Einfluss der Rockmusik bilden sich im 20. Jahrhundert zahlreiche neue Jugendkulturen, die mit ihrer Musik und ihrer Kleidung provozieren wollen: „Musik und Outfit gingen in der Jugendkultur schon früh eine untrennbare Einheit ein“ (Lindner 2005: 18). So trifft die Hippie- Generation mit ihren langen Haaren und Bärten auf die Punks mit ihren bunten Frisuren und zerfransten Lederjacken. Parallel zu dieser Entwicklung wächst auch das Wirtschaftinteresse an diesen Gruppierungen und so steigt in dieser Zeit der Absatz von Vinylscheiben, Jeansjacken oder Punk- Kleidung (Lindner 2005: 16).

In den 60ern entstehen, von der amerikanischen Rockmusik inspiriert, während der sogenannten „Beatwelle“ (Lindner 2005: 18), zahlreiche deutsche Gitarrenbands. Doch lässt der Durchbruch der ersten Deutschrocker nach wie vor auf sich warten. Der amerikanische bzw. britische Rock ist nach wie vor vorherrschend, sodass 1966 die Tournee der Beatles und der Rolling Stones stattfindet. Ein zweites zentrales Ereignis in den 70er Jahren ist natürlich das Woodstock- Festival 1969 (Lindner 2005: 16-17), das die Rockmusik zur Legende gemacht hat und seitdem Kultstatus besitzt: „Woodstock symbolisierte die Gemeinschaft der Gegenkultur, die sich durch Toleranz, Offenheit, freie Sexualität und gegenseitige Hilfe auszeichnete“ (Siegfried 2005: 53).

Ende der 60er Jahre schaffen aber auch die ersten deutschen Rockmusiker, wie beispielsweise „Kraftwerk“ mit dem Titel „Autobahn“ oder „Roboter“ (Lindner 2005: 22) den Durchbruch. Geht der Deutschrock sonst eher in die Richtung Blues, Rock’n Roll oder Hardrock, integrieren die Düsseldorfer Musikstudenten Ralf Hütter und Florian Schneider- Esleben in ihr „Kunstprojekt Kraftwerk“ (Stark 2005: 63) vor allem elektronische Elemente. Doch schreiben Deutschrocker, wie Udo Lindenberg mit seinem Album „Daumen im Wind“ oder Herbert Grönemeyer und Marius Müller Westernhagen in den ersten Jahren vor allem deutsche und häufig auch sozialkritische und politisch motivierte Texte gegen die Nachrüstung oder den Vietnam Krieg (Rauhut 2005: 73). Erfolgreich sind außerdem die Kölner Bands „Bläack Föös“ oder „BAP“, die „Spider Murphey Gang“ oder der österreichische Export Falco (Stark 2005: 66). Peter Maffay rückt mit seinen Rock- Schnulzen mehr in Richtung Schlager und Nina Hagen läutet mit ihrem Titel „Du hast den Farbfilm vergessen“ die „Neue Deutsche Welle“ ein (Stark 2005: 68). Ihr folgen Nena, Peter Schilling und Bands, wie „Extrabreit“, „Ideal“, und Rio Reiser als „König von Deutschland“ (ebd.). Ab den 70ern verfassen die Künstler jedoch in erster Linie englische Text für den internationalen Erfolg (ebd.). 1989 bieten die „Scorpions“ mit ihrem „Wind of change“ oder Westernhagen mit „Freiheit“ den passenden Soundtrack für den Mauerfall (Lindner 2005: 23).

Natürlich ist der Rock nicht bei allen willkommen und so fürchtet vor allem die ältere Generation den Verlust ihrer Werte und Normen. So reduziert die ARD 1971 zahlreiche Jugendprogramme mit „‚progressiver’ Ausrichtung“ (Peters 2005: 60). Doch die Musik und damit eine ganze Generation macht keinen Halt vor Sanktionen oder Verboten und setzt sich durch: Es „ging für die Jugendlichen um Ernstgenommenwerden, Respekt und Toleranz, um Autonomie und das Recht auf eine selbstbestimmte Lebenssphäre” (Maase 2005: 18). So bildet sich innerhalb von zehn Jahren eine eigenständige Jugendkultur, die ihre Musik aus Kofferradios, Plattenspielern oder Musikboxen bezieht (Peters 2005: 36) und zudem politisch, in erster Linie linksintellektuell, orientiert ist und gegen die zunehmende Kommerzialisierung ihrer Kultur angeht (Peters 2005: 56-58).

Doch bleibt Rock nicht gleich Rock und so differenzieren sich im Laufe der Zeit zahlreiche kleinere Subkulturen dieser Richtung aus, sodass in den 80er Jahren eine große Vielfalt an vielen verschiedenen Jugendkulturen besteht. Dabei differenzieren sich beispielsweise die Punk-, Heavy Metal- oder Gothic- Szene jedoch selbst immer weiter aus. (Lobmeier 2005: 107). In der Punk- Szene werden vor allem „Die Toten Hosen“ (Galenza In: BPB 2005: 97) und die „Ärzte“ (Galenza 2005: 99) bekannt. Außerdem kommen Ende der 70er Jahre mit der Hip- Hop Kultur und der damit einhergenden Graffiti- und Breakdance- Bewegung sowie der Techno- und House- Kultur zwei neue Subkulturen aus den USA nach Deutschland (Breyvogel 2005: 95). Dabei läuft die Entstehung einer Subkultur häufig nach demselben Muster ab: Es gibt Trendsetter, die am Anfang eine neue Subkultur entwickeln, die Öffentlichkeit wird darauf aufmerksam, auch medial, und damit einher geht meist die industrielle Kommerzialisierung der Bewegung. Dies missfällt jedoch den meisten Anhängern der Jugendkultur, sodass sie sich wieder von ihr abwenden und eine neue Subkultur entwickeln (Lobmeier 2005: 105).

Die Rockmusik hat sich bis heute durchgesetzt, wenngleich sie nicht mehr diegleiche Wirkung hat, wie zu Beginn ihrer Karriere: Rock ist „heute ein bloßer Farbtupfer in der vielstimmigen Kakophonie urbaner Klangwelten geworden“ (Wicke 2005: 131). Grund dafür ist zum einen die Entwicklung der großen Major- Studios, wie „EMI“, „Sony Music Entertainment“ oder „BMG“, die Entstehung neuer Radioformate und die Gründung des Musikfernsehsenders „MTV“ sowie die Digitalisierung der Klangtechnik, sodass alle Musikrichtungen in Konkurrenz treten (Wicke 2005: 135-138). Doch splittet sich die Rock- Musik nach wie vor weiter auf. Neuere Jugendbewegungen heute sind zum Beispiel die Indie Rock- Szene oder die Emos (Wicke 2005: 137). Des Weiteren wird die Provokation mit einer Band wie „Rammstein“ von der textuellen Ebene zusätzlich auf die visuelle Ebene verlagert, sind sie doch bekannt für ihre eindrucksvollen und einmaligen Bühnen- Shows und legen ihren Fokus damit auf die Gesamtinszenierung (Wicke 2005: 132).

Doch hat die Rockmusik heute nicht mehr ihre Hörergemeinschaft und „den Rockmusiker von einst, den Folk Hero […], der getragen von der Begeisterung seiner Anhänger auszog, die Welt zu verändern“ (Wicke 2005: 138). Seit den 90ern wird sie zunehmend entpolitisiert und lebt dennoch weiter und zählt seine Anhänger: „Keine andere Musikform ist so demokratisch, braucht nicht mehr als Enthusiasmus und die Kenntnis von ein paar Griffen auf der Gitarre“ (Wicke 2005: 139). Doch laufen dabei Idealismus und Kommerz nach wie vor Hand in Hand: „Rockmusik war nämlich immer schon beides, vom ersten Tag an- Verkaufsveranstaltung in den Händen der einen und eine Klangmaschine zum Generieren von Sinn in den Händen der anderen“ (ebd.).

Quellen:

Breyvogel, Wilfried 2005. „Bunte Vielfalt und Anarchie: Jugendkultur und Rockmusik der 1980er Jahre“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 86- 96

Galenza, Ronald 2005. „Zwischen ‚Plan‘ und ‚Planlos‘: Punk in Deutschland“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 96- 104

Grabowsky, Ingo 2005. „Wie John, Paul, Georg und Ringo“: Die „Beat- Ära“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 42- 52

Kloppenburg, Josef 2005. „Musikpräferenzen. Einstellungen, Vorurteile, Einstellungsänderung“ In: Helga de la Motte- Haber und Günther Rötter (Hrsg.) Musikpsychologie. Kiel: Laaber- Verlag. S. 358- 393

Lindner, Bernd 2005. „Rock und Revolte: Ein Rhythmus verändert die Welt“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S.12- 24

Lobmeier, Kornelia 2005. „Forever young: Jugend als Anreger und Zielgruppe des Marktes“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 104- 110

Maase, Kasper 2005. „Rock rund um die Uhr? Anfänge einer Jugendkultur“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag.S. 24- 34

Peters, Christian 2005. „Halbstark mit Musik: Der Rock’n Roll erobert Deutschland“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 34- 42

Rauhut, Michael 2005. „Am Fenster: Rockmusik und Jugendkultur in der DDR“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 70- 78

Reiche, Jürgen 2005. „Die fetten Jahre sind vorbei: Politik und Rockmusik“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 154- 160

Siegfried, Detlef 2005. „Unsere Woodstocks: Jugendkultur, Rockmusik und gesellschaftlicher Wandel um 1968“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 52- 62

Stark, Jürgen 2005. „Tief im Westen: Vom Krautrock bis zur Neuen Deutschen Welle“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 62- 70

Wicke, Peter 2005. „Still Crazy After All These Years: Rockmusik im Zeitalter der Eventkultur“ In: Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) (Hrsg.) Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin: Ch. Links Verlag. S. 130- 140