I-Dosing – Bewusstseinsänderung durch Klang?

idosingIn den vergangenen Monaten tauchten auf YouTube Videos von überwiegend jungen Menschen auf, welche sich durch bloßes Hören eines Audiosignals in eine Art Rauschzustand zu versetzen scheinen. „I-Dosing“ nennt sich der neue Trend, welcher sich unter den Heranwachsenden aus den Vereinigten Staaten offensichtlich großer Beliebtheit erfreut, und dort die üblichen bewahrpädagogischen Gegenmaßnahmen auf den Plan ruft.

In Deutschland geisterten Meldungen über den Trend zunächst durch die Blog-Landschaft und fanden schließlich auch ihren Weg in die etablierten Medien. So machte z.B. „You-FM“ Redakteur Martin Härtel im Nachmittagsprogramm der Jugendsparte des Hessischen Rundfunks einen Selbstversuch (und Audiobeitrag von HR-Redakteur Mischa Ehrhardt) und auch „Jetzt“, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, titelt „Spürst du schon was?“.

Erklärt wird die Möglichkeit der Bewusstseinsänderung durch eine Entdeckung des deutschen Physikers Heinrich Wilhelm Dove aus dem Jahre 1839. „Binaurale Beats“ sind Klänge, die im Hirn entstehen, wenn beide Ohren mit einer geringfügig zueinander verschobenen Welle beschallt werden. Es tritt eine akustische Schwebung auf und das Hirn generiert daraus oszillierende Klänge (Schläge) im unteren Frequenzspektrum, die normalerweise nicht wahrgenommen werden könnten (Frequenzspektrum des menschlichen Gehörs ca. 20hz-22.000 hz).

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.


Hier ein Beispiel mit 440hz auf dem linken und 430hz auf dem rechten Kanal, also einer resultierenden Frequenz von 10hz. Um den Effekt hören zu können, müssen Kopfhörer verwendet werden.

EEG-Messungen ermöglichen es, Bewusstseinszustände verschiedenen Frequenzen von Gehirnaktivität zu zuordnen. Deshalb ist es theoretisch denkbar, dass binaurale Schläge, welche ihrerseits nur im Hirn erzeugt werden, durchaus einen Einfluß auf Areale des Hirns haben, die nicht direkt mit dem Hörsinn in Verbindung gebracht werden können.

Ob sich aber Rauschzustände ähnlich denen von Opiaten, Cannabinoiden oder sogar synthetisierten Substanzen wie Lysergsäurediethylamid (kurz LSD) erzeugen lassen, ist doch sehr in Frage zu stellen. Wissenschaftler gehen hier eher von einem Placebo-Effekt aus.

Die Soundbits, welche sich obengenannte „I-Doser“ zu Gemüte führen, sind aber oft nicht nur nach reellen Rauschmitteln benannt, es wird auch eine ähnliche Wirkung versprochen. Außerdem stehen neue Schöpfungen, wie „Gates of Hades“ oder „Hands of God“ im Angebot, welchen eine besonders starke Wirkung nachgesagt wird. Wie Probanden während und vor allem nach Gebrauch des vermeintlichen akustischen Rauschmittels reagieren, kann man in diversen, auf YouTube dokumentierten Selbstversuchen sehen.

Wer aber selbst in den mitunter zweifelhaften Genuss der „binauralen Beats“ kommen möchte, wird auf YouTube allerdings weniger Glück haben, denn die Clips verschwinden zunehmend von der Videoplattform. Längst haben findige Unternehmer den Trend erkannt und so lassen sich Seiten wie etwa I-doser.com bis zu 16 Euro für eine CD mit verschiedenen akustischen Stimulanzien bezahlen. Die beiden Dateien „Hands of God“ und „Gates of Hades“ kosten im Online-Shop sogar knapp 200 Dollar. Hier sind allerdings die „binauralen Schläge“ z.B. in beruhigende Ambient-Musik oder Naturgeräusche eingebettet. Denn wie man in obigem Beispiel wahrscheinlich schon bemerkt hat, empfinden die meisten Menschen eine reine Sinus-Schwingung auf Dauer mitunter als unangenehm.