Verbindung von Kunst und Musik – 1. Teil

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky I

Das Museum ist ein Ort der Stille und der Kunst? Von wegen!

In dieser dreiteiligen Blogserie möchte ich zeigen, dass Kunstwerke keine statischen, leblosen und ruhigen Gebilde sind. Die Kunst hat viel mit Musik gemeinsam. Sie kann Ausdrucksmittel der Gefühle sein und unmittelbar Einfluss auf Zuschauer beziehungsweise Zuhörer nehmen. Meine ausgewählten Beispiele zeigen, dass sich vor allem Künstler mit diesem Thema theoretisch und praktisch auseinandersetzen und die zwei Kunstarten symbiotisch miteinander verbinden.

Im ersten und zweiten Teil der Blogserie werde ich Wassily Kandinskys (1866-1944) Buch Über das Geistige in der Kunst (1910) vorstellen. Der russische Künstler stellt in diesem Werk eine Verbindung zwischen Musik und Farbe dar. Im dritten Teil der Blogserie wird die Installation als spezielles Bindeglied zwischen Bildender Kunst und Musik vorgestellt. Dies erfolgt beispielhaft anhand von Ilya Kabakovs rotem Wagen.

Über das Geistige in der Kunst entsteht während einer Zeitdauer von mindestens zehn Jahren und beinhaltet Kandinskys Gedanken zu Kunst, Farbe, Musik und Gesellschaft. Im Vorwort schreibt er: „Die Gedanken, die ich hier entwickelte, sind Resultate von Beobachtungen und Gefühlserfahrungen, die sich allmählich im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre sammelten. […] Ich bin also gezwungen, in den Grenzen eines einfachen Schemas zu bleiben und mich mit der Weisung auf das große Problem zu begnügen“ (Kandinsky 1970: 17). Das Buch erscheint kurz bevor Kandinsky sein erstes abstraktes Aquarell malt. Er nimmt in diesem Werk den neuen Schaffensschritt theoretisch vorweg.

Die vollständige Lösung vom Naturvorbild, wie sie im Jahr 1913 von Malewitsch und Piet Mondrian erreicht wird, ist möglicherweise auf Kandinskys Buch zurückzuführen.

Kandinsky zufolge, liegt in allen Kunstrichtungen ein Streben zum Nichtnaturellen, Abstrakten und ‚zu innerer Natur’. Es kommt also weniger darauf an, etwas naturgetreu abzubilden, als vielmehr etwas Einzigartiges zu erschaffen. Der Künstler fordert eine Loslösung von realistischen Abbildungen zugunsten der Formen und Farben. Am deutlichsten zeigt sich diese These in seinen nachfolgenden Bildern. Im Gegensatz zu populären Fernsehmalern wie beispielsweise Bob Ross (The Joy of painting) und seinen klassischen Landschaftsdarstellungen, die jeder zu Hause nachbilden kann, malt Kandinsky autonome Gebilde. Seine Hände erschaffen Figuren und Konstellationen frei nach Gefühl. So entstehen neue Formen, die es in der Realität nicht gibt:

Kandinsky zufolge, entsprechen naturgetreue Abbildungen – à la Bob Ross – kaum den ästhetischen Ansprüchen wahrer Künstler. Er möchte, dass jedes Kunstwerk aus sich selbst heraus entsteht und nicht bloße Nachahmung ist.

Aus seinem Streben zum Nichtnaturellen folgt ein Vergleichen der eigenen Elemente mit denen einer anderen Kunst. Kandinsky behauptet, dass die unterschiedlichen Künste voneinander lernen müssen, um etwas Neues zu erschaffen. Als ein Beispiel des gegenseitigen Lernens führt er die Musik im Vergleich zur Malerei auf. Musik hat die Zeit beziehungsweise die Ausdehnung der Zeit zur Verfügung, während die Malerei in einem Augenblick den gesamten Inhalt des Werkes ihrem Betrachter offenbaren kann. Durch das Vergleichen beider Künste sollen sie einander näher kommen und voneinander lernen.

Für Kandinsky ist die Musik in gewisser Weise eine Vorreiterin der Malerei. Ihr großer Vorteil besteht darin, dass sie losgelöst und frei von einem Vorbild erschaffen werden kann. Das Gleiche wünscht er sich auch für die Malerei, sie soll frei und aus sich selbst heraus entstehen. Mithilfe dieser Loslösung von vorgegebenen Formen und Mustern rückt die Farbe als wesentliches Element in den Betrachtungsfokus. So sollen auch die Eigenschaften und der Klang jeder einzelnen Farbe besser zur Geltung kommen. Kandinsky enthebt die Farbe ihrer bloßen Funktion als Mittel. Er stellt fest, dass sie einen direkten Einfluss auf die Seele des Betrachters nehmen kann. „Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten“(Kandinsky 1970: 64) und der Künstler ist die Hand, welche durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt.

Doch welche Farbe versetzt die Seele am meisten in Vibration und wieso sind einige Farben klanglos und dumpf? Die Fragen nach den jeweiligen Eigenschaften und Klängen der einzelnen Farben werden im zweiten Teil der Blogserie beantwortet.

Kandinskys These von Farbe und Musik greift er sehr stark in seinen abstrakten Bildern auf. So entstehen beeindruckende Werke, die selbst nach 100 Jahren ihre Zuschauer in den Bann ziehen und eine unglaubliche Farbintensität aufweisen:

Quellen:

Kandinsky, Wassily (9 1970[1952]): Über das Geistige in der Kunst. Bern.