Verbindung von Kunst und Musik – 2. Teil

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky

Der Klang von Farben nach Wassily Kandinsky II

Im ersten Teil der Blogserie haben wir erfahren, dass der russische Künstler Wassily Kandinsky (1866-1944) die Musik mit der Malerei vergleicht. In seinem Streben nach Autonomie und zum Nichtnaturellen erhebt er die Musik zum Vorbild für die Malerei. Die Kunstwerke sollen aus sich selbst heraus entstehen, ohne auf naturgegebenen Formen angewiesen zu sein. Dabei ist die Farbe besonders wichtig, da sie die Seele des Betrachters zum Vibrieren bringen kann. Sie nimmt also die gleiche Funktion ein, wie der Klang in der Musik.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Kandinsky eine Theorie zu den unterschiedlichen Klängen jeweiliger Farben aufstellt. In seinem Buch Über das Geistige in der Kunst entwirft er eine Farb-Instrument-These. Hierbei ordnet er jeder Farbe eine bestimmte Eigenschaft und Klagfarbe zu:

Gelb

  • Eigenschaften: warm, frech, aufregend, beunruhigt den Menschen, verglichen mit dem Gemütszustand des Menschen könnte es als farbige Darstellung des Wahnsinns, eines Wutanfalls, der blinden Tollheit oder der Tobsucht wirken
  • Klangfarbe: wie eine lauter geblasene, scharfe Trompete oder ein in die Höhe gebrachter Fanfarenton

Blau

  • Eigenschaften: innerlich, übersinnlich, ruhig, sehr tiefgehend wirkt es beruhigend, zum Schwarzen sinkend bekommt es den Beiklang einer nicht menschlichen Trauer, ins helle übergehend – wozu das Blau weniger geeignet ist – wird es von gleichgültigem Charakter
  • Klangfarbe: helles Blau ähnelt einer Flöte, dunkles Blau dem Cello, tiefer gehend der Bassgeige und schließlich ist das tiefe Blau mit den Orgelklang vergleichbar

Grün

  • Eigenschaften: ruhigste Farbe die es gibt, es wirkt langweilig und passiv
  • „Das Grün ist wie eine dicke, sehr gesunde, unbeweglich liegende Kuh, die nur zum Wiederkauen fähig mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet“(Kandinsky 1970: 94f.).
  • Klangfarbe: ruhige, gedehnte, mitteltiefe Töne einer Geige

Weiß

  • Eigenschaften: wie ein Schweigen, welches nicht tot ist, sondern voller Möglichkeiten
  • Klangfarbe: Weiß klingt wie Schweigen, welches plötzlich verstanden werden kann, ein Nichtklang, eine Pause ohne definitiven Abschluss

Schwarz

  • Eigenschaften: wie ein Nichts ohne Möglichkeiten, wie ein ewiges Schweigen ohne Zukunft und Hoffnung
  • Klangfarbe: eine vollständig abschließende Pause ohne Fortsetzung

Grau

  • Eigenschaften: es ist klanglos und unbeweglich
  • Klangfarbe: Klanglos

Rot

  • Eigenschaften: eine lebendige, lebhafte, zielbewusst strebende, glühende und unruhige Farbe es hat eine ‚männliche Reife’
  • Klangfarbe: Zinnoberrot klingt wie eine Tuba und helles, kaltes Rot klingt wie eine hohe, klare Geige

Orange

  • Eigenschaften: erweckt ein gesundes Gefühl, hat aber einen Beiklang des Ernsten
  • Klangfarbe: klingt wie eine mittlere Kirchenglocke, oder wie eine starke Altstimme

Violett

  • Eigenschaften: es hat etwas Krankhaftes, Erlöschtes, etwas Trauriges in sich
  • Klangfarbe: ähnlich wie das englische Horn

Wenn wir also das nächste Mal ein Museum besuchen, sollten wir versuchen die unterschiedlichen Kunstwerke – vor allem die abstrakten Gemälde– mit diesem Vorwissen zu betrachten. Jede Farbe und Form entspricht einer Note und einem Ton in der Musik. In jedem Bild steckt quasi auch ein Musikstück in dem ein ganzes Orchester mitspielt. Stehen wir also vor einem abstrakten Bild Kandinskys haben wir eine Komposition im doppelten Sinne vor uns: bildlich und musikalisch. So werden die positiven Eigenschaften beider Künste miteinander verbunden und die Seele des Betrachters zum ‚Vibrieren’ gebracht.

Mittlerweile ist das Leben des Künstlers verfilmt und thematisiert auch Kandinskys ständige Auseinandersetzung mit der Malerei, ihren Mitteln und seiner eigenen Heimatkultur:

Jedoch erfolgt die Verbindung von Musik und Kunst nicht nur in theoretischer sondern auch in praktischer Form. Darüber erfahren wir mehr im dritten Teil der Serie, in dem die Installationskunst näher betrachtet wird.

Quellen:

Kandinsky, Wassily (9 1970[1952]): Über das Geistige in der Kunst. Bern.