Verbindung von Kunst und Musik – 3. Teil

'Roter Wagen' von Ilja Kobakov

‚Roter Wagen’ von Ilja Kobakov

Einsatz von Musik in der Kunst

Die ersten zwei Teile dieser Serie handeln von Kandinskys Buch Über das Geistige in der Kunst. In diesem Werk vergleicht er Musik und Kunst miteinander und fordert Autonomie für beide Künste. Kandinsky bleibt in seinem Werk auf der deskriptiven Ebene und nennt keine Beispiele für reale Verbindungen beider Künste. Doch die Verbindung von Kunst und Musik findet nicht nur im wörtlichen Sprachgebrauch statt, wenn wir beispielsweise über Komposition, Klangfarbe oder Farbton sprechen. Eine fachübergreifende Verbindung findet vor allem in der Installationskunst statt. Hier dient die Musik oft als fester Bestandteil des Kunstwerks und ist ausschlaggebend für die Gesamtwirkung des Gegenstandes. Teilweise werden zu diesem Zweck extra Musikstücke komponiert.

Als ein Beispiel möchte ich hier Ilya Kabakovs roten Wagen kurz vorstellen. Kabakov ist ein bekannter Installationskünstler und seine Werke werden in zahlreichen Teilen der Welt ausgestellt. In seiner Kunst reflektiert er oft seine russische Herkunft und die Mentalität seiner Landsleute. Die Idee zum Bau des Wagens hat er im Sommer 1989 in Westberlin. Diese Installation ist ein Versuch die historischen Entwicklungen der vergangenen 70 Jahre in einer Arbeit darzustellen.

Die Installation ist ein Medium mit ausgedehnten Möglichkeiten für Ausdruck und Ermittlungen. Es gibt keinen Rahmen, der die Kunst vom Betrachter trennt. Das Werk und der Raum schmelzen zur Annäherung an eine Lebenserfahrung zusammen und die Musik dient als wichtiges Verbindungselement. Ilya Kabakovs roter Wagen ist eine totale Installation. Das Kunstwerk selbst stellt den Raum der Ausstellung dar. Nach seinem mittleren Teil benannt, bildet der rote Wagen eine geschlossene Einheit mit einer Gesamtlänge von 17 Metern, einer Breite von 3,5 Meter und einer Höhe von 7 Metern.

Eines der wichtigsten Elemente in dieser Installation ist die Musik. Sie nimmt nicht nur eine ergänzende, sondern eine zentrale und konstitutive Rolle in der Installation ein. Für den roten Wagen hat Kabakov ursprünglich ein paar von Mischa Gulkos, in russisch gesungenen Liedern, vorgesehen. Doch die kleine Emigranten-Auswahl (Kabakov 1999), welche ursprünglich für ein Brooklyner Restaurant gedacht war, hat in der Installation nicht funktioniert. Die Musik verfehlt ihre erwünschte Wirkung. Statt Erinnerungen zu wecken, hat sie den Wagen in eine Art ‚Schaubude’ verwandelt.

Erst als Musiker Vladimir Tarrassow, ein guter Freund von Ilya Kabakov, dazu kommt und seine Verbesserungsvorschläge macht, fängt der Wagen an zu ‚funktionieren’. Er hat zufällig eine Kassette mit Aufzeichnungen seines Musikstücks Drumtheater dabei. Im roten Wagen kommt eine Komponente dieses Stücks zum Einsatz, ein Zyklus sowjetischer Lieder der 30er und 40er Jahre. Es sind Überspielungen von alten Platten mit entsprechender Wiedergabequalität. Der Besucher hört unter anderem das Nadelkratzen und Knistern des Plattenspielers, obwohl die Wiedergabe durch eine Kassette erfolgt. Um jedoch den Nostalgiecharakter zu stärken, sind diese Elemente zusätzlich hervorgehoben worden. Auf der Homepage Kabakovs ist eine Komponente dieses Stückt zu hören, sobald die Seite aufgerufen wird.

Die Lieder von Glück, Liebe und Freundschaft wirken im Wagen sehr stark. Sie haben eine erstaunliche Anziehungskraft. Der Betrachter hört die Musik aus dem Wageninneren und folgt ihr. Da die Vordertür jedoch verschlossen ist, muss der Besucher weiter um die ‚Skulptur’ gehen, bis zum Ende des Wagens, wo die Musik immer lauter wird. Durch die offene Hintertür gelangt der Betrachter ins Innere und kann dort seine Neugier befriedigen. Der Innenraum ist klein, dunkel und wird vollkommen durch die Musik eingenommen. Begleitet von fröhlichen Melodien kann der Besucher in die Dunkelheit eintauchen und in Erinnerungen schwelgen. Vor sich, auf einem Gemälde, sieht er einen schönen Traum, eine utopische Zukunft.

Der rote Wagen stellt nicht nur das Imitat einer denkmalhaften Erinnerung an eine vergangene Zeit dar, sondern ist zugleich der Ort ihres Geschehens. Der Betrachter wird dazu verleitet, die Vergangenheit räumlich und gedanklich zu durchschreiten, um die Geschichte der Sowjetunion zu verstehen. Bereits die rote Farbe des Wagens erinnert an das Rot der damaligen Flaggen und Plakate. „Das Bild eines sowjetischen Wagens ohne Räder wird überdeckt von der Utopie seiner Vergangenheit und das macht den ganzen Reiz, den ganzen Effekt dieser Installation aus“(Kabakov 1999). Die Musik wirkt in der Installation wie Leim, der die einzelnen Elemente miteinander verbindet und den Betrachter ins Innere lockt.

So scheinen beide Künste – die Musik und die Bildende Kunst – unmittelbar miteinander verbunden zu sein. Sie ergänzen sich und schaffen es durch ihre Vielfalt den Betrachter beziehungsweise Zuhörer zu begeistern und seine Seele zum Vibrieren zu bringen.

Quellen:

  • Kabakov, Ilya: Der rote Wagen; Verlag für moderne Kunst Nürnberg 1999.
  • Kabakov, Ilya/Kabakov, Emilia/Groys, Boris/Ross, David A./Blazwich, Iwona [Hrsg.]: Ilya Kabakov; Ohiaadon Press Limited 1998.
  • Kabakov, Ilya und Emilia: http://www.ilya-emilia-kabakov.com/index.php/installations/the-red-wagon/interactive-installation.