Dreifache Klangsynästhesien: Mit den Ohren riechen (Teil I)

Wozu gebrauchen wir unser Gehör? Zur Wahrnehmung von Geräuschen und Klängen lautet die naheliegende Antwort. Beim Nachdenken darüber, wozu die Ohren nutzen, fallen spontan Dinge wie Musik genießen, Mitmenschen zuhören und durch Alarmsignale gewarnt werden ein. Jedoch gehört weitaus mehr zum Gehör als uns bewusst in den Sinn kommt. Auch bei anderen Sinneseindrücken, die auf den ‚ersten Blick‘ nichts mit Lauschen zu tun haben, schwingt das Auditive mit. Auch die Art, wie wir riechen, schmecken und fühlen gehorcht teilweise ebenso akustischen Reizen. In den folgenden drei Beiträgen soll diesem Zusammenwirken von Sinneswahrnehmungen und deren Vermischung zu synästhetischen Eindrücken auf den Grund(ton) gegangen werden.

Teil I) Mit den Ohren riechen

Duft ist Geschmackssache. Ob man ein bestimmtes Parfum gut riechen kann, hängt zu einem hohen Anteil von persönlichen olfaktorischen Vorlieben ab. Deshalb ist anzunehmen, dass so gut wie niemand ein Parfum kaufen würde, ohne einmal daran testend geschnuppert zu haben. Wie also einen Duft online oder per Teleshop an die Frau oder den Mann bringen? Analysiert man die Verkaufsstrategien der medialen Dufthändler, fällt auf, dass sie sich des Gehörsinns bedienen, um ihren potentiellen Kunden die angepriesenen Gerüche näher zu bringen. Wie in romantischen Gedichten werden die Düfte mit Höreindrücken be- und umschrieben. So bewirbt beispielsweise  eine große Parfumeriekette auf ihrer Homepage die Geruchscharakteristika der fast schon legendären Chanel Damendüfte als „harmonischen Einklang“, „sanftes Flüstern“, „unerwarteten Akkord“, „raffinierten Akzent“ und „lebhafte Symphonie“.

Obwohl der Duftinteressent vor dem Bildschirm weder etwas riecht noch etwas hört, sondern nur etwas liest, wird ihm synästhetisch über den doppelten Umweg der Sprache und des Gehörs eine Idee davon vermittelt, wie die teuren Eau de Parfums und Eau des Toilettes wohl duften könnten. In diesem bei genauer Überlegung kuriosen Fakt offenbart sich zum einen die Schwierigkeit, olfaktorische Aromen eindeutig in Worte zu fassen, und zum anderen die enge (gedankliche) Verbindung zwischen Hör- und Geruchseindrücken.

Ein Parfüm wird in unserer Sprachvorstellung wortwörtlich komponiert, indem es aus bestimmten Duftnoten zusammengesetzt wird. Ein ansprechendes Parfum entsteht genau wie ein Wohlklang aus dem Zusammenspiel von Basis-, Herz- und Kopfnote und entfaltet sich wie eine liebliche Melodie. Der Parfumeur ist Duftkomponist.

Als ein solcher versteht sich auch der in die Jahre gekommene Parfumeriebesitzer Giuseppe Baldini aus Patrick Süskinds berühmt gewordenem Roman über das Leben des olfaktorisch Hochbegabten Jean-Baptiste Grenouille. In „Das Parfum“ lässt Süskind seine Leser zusammen mit dem Protagonisten in die Welt der Gerüche eintauchen, indem diese den Weg Grenouilles aus dem Gestank der Gosse hin zum nur mit Sinn aber ohne Verstand arbeitenden Duftmischer bei Baldini und schließlich zu einem von der Idee, ein absolutes unwiderstehliche Parfum zu komponieren, besessenen Mörder mitverfolgen. Dabei erfolgt die sprachliche Vermittlung der Geruchseindrücke an die Leser wiederum oftmals über Vokabular aus dem Bereich der Klangwahrnehmung. So katalysiert Süskind die olfaktorische Vorstellungskraft durch die auditive und bleibt gleichzeitig in der Fachsprache der Duftexperten, wenn er Baldini von Grenouilles erster sinnesbetörender Duftkomposition als einer „herrlichen Sinfonie“ sprechen lässt.

Wahrhaft synfonisch erlebt jedoch nur der Zuschauer und Zuhörer der Verfilmung des „Parfumes“ die Geruchswelt Grenouilles, denn hier werden Gestank und Düfte im übertragenen Sinne auditiv vermittelt. Soundtrack und Tonspur übersetzen den zum auf der Bildebene Gezeigten passenden, medial aber nicht übertragbaren Geruch direkt in ein Klang- und Geräuscherlebnis, ohne dabei den ‚Umweg‘ der im Buch vorgegebenen sprachlichen Beschreibungen explizit mitvollziehen zu müssen. So wird z.B. die Kulisse Grenouilles Geburt, ein dreckiger, übelriechender Pariser Marktplatz des 18. Jahrhunderts, mit einer Kakophonie aus Matschstampfen, Ungezieferkrabbeln und Würgelauten hinterlegt sowie den gesamten Film über jeder markante Gestank durch eine Dissonanz auf der Tonspur ausgedrückt. Im Kontrast dazu ressonieren liebliche Düfte in hohen Harmonien, sphärischen Obertönen und zartem Soprangesang. Stets begleitet sind die Geruchsklänge dabei von Geräuschen des Einatmens, des Windes oder eines Lufthauchs, der als Überträgermedium von sowohl olfaktorischen wie auch auditiven Botschaften ohnehin ‚sinnbildlich‘ für die synästhetische Verbindung von Geruchs- und Gehörsinn steht. Denn nicht nur im Film ist eine Geruchsquelle oftmals zugleich eine Geräuschquelle.

Ebenso wie Geruch geht aber auch Geschmack durch die Ohren; mehr dazu in Teil II der Klangsynästhesien.