Dreifache Klangsynästhesien: Mit den Ohren schmecken (Teil II)

1905 konditionierte Iwan Petrowitsch Pawlow einen Hund darauf, das Erklingen einer Glocke unwillkürlich mit Futter in Verbindung zu bringen, so dass diesem buchstäblich das Wasser im Maul zusammenlief, sobald er den Glockenton hörte. Genauso kann der Mensch darauf trainiert sein, schon beim Pausenklingeln das bevorstehende Mittagessen bereits förmlich schmecken zu können. Doch auch ohne derartige klassische Konditionierungen besteht eine Verquickung zwischen Gehör- und Geschmackssinn, die nun zu Wort kommen soll.

Ob uns etwas mundet, hängt nicht nur davon ab, ob unsere Geschmacksnerven bei der Verkostung dessen angenehm stimuliert werden, sondern manchmal auch davon, welcher Reiz für die Ohren beim Essen entsteht. Denn zur Gaumenfreude werden viele Speisen erst, wenn das Geräusch beim Reinbeißen auch ein Schmaus für die Ohren ist. Was wäre beispielsweise Popkorn ohne Knuspern oder ein Butterkeks ohne Knacken. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht zu hören, dass auch die Lebensmittelindustrie sich zu Marketingzwecken mit dem Sounddesign ihrer Produkte befasst, was im Blockbeitrag von Kerstin Hagemeister detailliert nachzulesen ist. Die Hersteller des mächtigen Eises am Stil mit Schokoladenkruste werben sogar explizit damit, dass ihr „Magnum“ einen multisensuellen Genuss bietet. Das in den Werbespots hyperreal verstärkte Knacken der Schokoummantelung beim ersten Biss ist zum Markenzeichen des Eises geworden und bietet einen Vorgeschmack auf die eigentliche Gaumenfreude.

Auch die Genussfähigkeit bestimmter Obst- und Gemüsesorten kann auditiv überprüft werden, denn es ist der Klang von Melone, Spargel und Co., der anzeigt, ob diese überhaupt schon oder noch essbar sind. Tönt erstere beim Klopf- und quietscht letzterer beim Reibetest, ist dies ein akustischer Indikator für einen gustatorischen Genuss. Wer dabei jetzt hellhörig wird, kann Genaueres in einem amüsanten Artikel der Bild online nachlesen.

Neben solchem auditiven Vorkosten gibt es während der Verkostung jedoch auch häufig ein Nachklingen des Geschmackserlebnisses in Form von  lautlichen Bekundungen der Gaumenfreude, wie etwa einem ausgedehnten „Hhmmm“ oder einem deutlichen Schmatzen. Hingegen äußert sich geschmackliches Unbehagen zumeist in höflichem Schweigen, weshalb wohl im Mittelalter Stille bei Tisch auch als Beleidigung aufgefasst werden konnte.

In diesem Sinne sei wohl jedem kulinarischen Gastgeber geraten, das Essen möglichst für sich ‚sprechen‘ zu lassen und jedem Gast sei empfohlen, seine Zunge auch lautlich nicht unbedingt in Zurückhaltung zu üben, damit das Essen zum synästhetischen Erfolgserlebnis für alle Beteiligten gerät, auch wenn Knigge dabei wohl gehörig Bauschmerzen bekommen würde.

Wie sich Empfindungen wie z.B. Schmerz akustisch manifestieren, ist in Teil III der Klangsynästhesien zu lesen.