music goes digital (1/3) Die CD und das Aufkommen eines popkulturellen Cyberfeelings

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Manche Ereignisse verändern die Welt. Das gilt nicht nur für atomare Super-GAUs und einstürzende Zwillingstürme, sondern auch für vergleichsweise harmlose Phänomene wie technische Innovationen. Neben so großen Weltneuheiten der Moderne – wie dem Telefon oder dem Vollwaschautomaten – finden wir auch im auditiven Bereich bahnbrechende Erfindungen, die die Hör- und Konsumgewohnheiten der Musikliebhaber grundlegend wandeln ließen. In der folgenden Serie soll versucht werden, diesen Wandel von digitalen Tonträgern aufzuzeigen; immer in Hinblick auf den marktwirtschaftlichen genauso wie kulturellen Wandel, der mit der Emergenz vermeintlich neuer Tonträger einherging.

Jedem einzelnen Tonträger ist gemeinsam, dass auf ihm auditives Material gespeichert wird, welches entfesselt von Raum und Zeit wahrgenommen werden kann. Musik kann also nicht mehr nur unmittelbar – z.B. in Form von Konzerten – erlebt werden, sondern genauso vom heimischen Sofa aus oder kann noch viele Jahrzehnte nach der eigentlichen Aufnahme angehört werden. Eine weitere Gemeinsamkeit aller Tonträger liegt in der schlichten Begebenheit, dass sie von ihren Besitzern emotional angeeignet werden. So wird aus einem erst einmal relativ neutralen Gegenstand, wie einem Rolling Stones Album, ein Lieblingsalbum. Außerdem kommt ein Tonträger in der Regel nicht allein einher, sondern weckt – mitunter höchst exzessive – Sammelgelüste bei seinen Besitzern.

30 Jahre lang besetzte die Schallplatte die Position des Nonplusultra-Tonträgers in der Welt, doch in den 1980ern sollten auch an ihrer Beliebtheit erste Kratzer entstehen.

 

So sollte ein neuer Tonträger auf den Markt gebracht werden, der die Nachteile von Vinylplatten ausgleichen konnte. Dazu gehörte die Tendenz zu Kratzerbildung nach längerem Gebrauch, aber auch die mühselige Tatsache, dass man nach relativ kurzer Spieldauer traditionelle Vinylplatten wenden muss. Der neue Tonträger sollte ganze Alben und Sinfonien ohne weiteres Zutun des Hörers abspielen und gleichzeitig mit vollem Klang überzeugen. Das analoge Zeitalter erlebt hier seinen Herbst, denn alle Zeichen der Zeit stehen inzwischen auf digital. Mit der Erfindung der Compact Disc, war dann auch die Digitalisierung der Musikbranche besiegelt. Welche selbstzerstörerischen Ausmaße gerade diese digitale Revolution noch Jahrzehnte später annehmen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Nein, eifrig arbeitet man an neuen Verfahren um auditive Daten in den – zu dieser Zeit so heiß begehrten – 1/0-Codes zu speichern.

Will man einen neuen Tonträger in die Welt setzen, braucht man auch ein adäquates Abspielgerät. Sony und Philipps teilten sich hier die Arbeit: Während Sony den ersten Compact-Disc-Player Sony CDP-101 entwickelte, kam die erste CD aus keinem geringeren als dem Qualitätsstandort Germany. Schließlich wurde am 1. Oktober 1982 die erste Compact Disc von der Phillips Tochterfirma PolyGram tatsächlich in Hannover-Langenhagen hergestellt. Uneinigkeit bleibt bei der Frage, welches denn nun genau der erste futuristische Silberling war, der vom hannoveranischen Fließband ging. Zumindest so viel weiß man heute noch: Der erste Produktionslauf enthielt die Alpensinfonie von Richard Strauss, den Walzer von Frédéric Chopin sowie das Album The Visitors der Popband ABBA.

Bei dem anfänglich eher überschaubaren Musikangebot für das neue Audioformat zogen schnell alle großen Plattenlabel mit der Produktion nach. Bald gab es alles was zuvor auf Vinyl gepresst wurde auch in der digitalen CD-Version. Viele passionierte Schallplattenfreunde kauften sich ihre ganze Sammlung neu auf Compact Disc. Dieser Umstand sorgte für die größten Einnahmen in der Geschichte der Musikindustrie. Mit dem nun digitalen Tonträger Compact Disc in den 1980ern kam auch das Prestigeobjekt der Stereoanlage einher. In Form von individuell erweiterbaren Blöcken – meist mattschwarz, selten cyberartig silbern –  konnte so gesellschaftliche Zugehörigkeit und Innovationspartizipation inszeniert werden. Von der Stereoanlage ging ein neues ästhetisches Empfinden aus, das rückblickend modisch sicherlich fragwürdig anmutet, aber in Zeiten von Falco und Miami Vice dennoch geschmacklicher state of the art war.

Die changierende, silberne Scheibe und ihre nur in Ansätzen schnittigen Abspielgeräte, passten perfekt in den durchdesignten Zeitgeist. Hippie war letztes Jahrzehnt. Jetzt ist man Popper und zeigt das auch. Doch nicht nur zu Hause, in der neuen sündhaft teuren Stereoanlage, dreht sich die Compact Disc unentwegt weiter, sondern auch unterwegs will man spätestens in den 1990er Jahren die CD immer einsatzbereit bei sich haben. Längst hat sich durch Sonys Walkman eine mobile Klangkultur etabliert. Doch Bandsalat und ewiges Spulen bis zum gewünschten Zeitpunkt machten ihn für die CD-sozialisierte Jugend unattraktiv. Es folgte der Discman. Ebenfalls ein Sony-Produkt. Zwar war hier einwandfreies Skippen der Musiktitel möglich, aber kleinste Erschütterungen reichten aus um das Laufwerk vor technische Höchstherausforderungen zu stellen.

Erfolgsversprechender für den mobilen Musikgenuss schien in den letzten Jahren des alten Jahrtausends das Mini-Disc Format. Ähnlich wie bei den Magnettonband-Kassetten, konnte man hier mit einen speziellen Endgerät Musikstücke aufzeichnen. Neu war, dass sich diese einzelnen Tracks jetzt bequem, dank digitaler Verschlüsselung und recht überschaubarem Display auf dem Endgerät, selektieren ließen. Genauso, wie man es nun schon seit Jahren von der CD kannte.

Die Lebensdauer der Mini Disc  war -trotz überzeugender Klangqualität –  nur sehr begrenzt, denn sie sollte gegen einen Giganten antreten, dessen Schöpfer sich selbst niemals eine solche Tragweite für die Musikbranche hätten vorzustellen vermögen. Die Rede ist hier – und vor allem im nächsten Teil – von der MP3.