music goes digital (2/3) Die MP3 und ihre ersten Gehversuche auf kriminellen Wegen

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Im digitalen Bereich gilt bis auf wenige Ausnahmen, wie beispielsweise bei TV-Screens , die einfache Gleichung klein=gut. Das war auch bei den digitalen Tonträgern der Fall und so wurde genauso die, eben noch so futuristisch schillernde, Compact Disc schnell zu sperrig für den aktuellen Zeitgeist. Eine CD konnte nur 74 Minuten Audiomaterial speichern. Aus der heutigen digitalisierten Weltsicht waren das nur läppische 650 Megabyte. Und so war in den Anfängen der 1990er Jahre das Gebot der Stunde Musikdateien zu verkleinern. Oder feiner gesagt: zu komprimieren. Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen nahm sich bereits 1987 der Aufgabe an. Eigentlich bastelten die Mitarbeiter des Institutes nur an einem Verfahren um die Tonspur von digitalen Filmdateien zu komprimieren als sie schließlich eine der größten technologischen und kulturellen Neuerfindungen des sich langsam verabschiedenden Jahrhunderts hervorbrachten: Die MP3.

Der größte Gegner der MP3 sollte die Musikindustrie werden. Schon seit Jahrzehnten hat sie eine Gatekeeper-Funktion eingenommen, wenn es um die Vermittlung von musikalischen Gut und dem Publikum ging. Im ständigen Zusammenspiel mit den Massenmedien wurde sie so zum Symptom eines Diskurses der wenigen Eliten und des anonymen Publikums. Eine solche Position will man in einer durch und durch kapitalistischen Welt nicht so schnell aufgeben. Und so lässt sich vermuten, dass schon einige schlaue Köpfe in den Abteilungen der großen Musikkonzerne mit dem ersten Aufkommen der neuen MP3-Technologie erste Schmerzen zu verzeichnen hatten. Doch das sollte nur der Anfang sein. Konnte man das Aufkommen von selbstgebrannten CDs und ein Verteilen im rezipienteninternen Freundeskreis noch gerade so verkraften, schließlich bezogen große Firmen wie Sony immer noch eine große Menge der Einnahmen durch CD-Rohlinge und Brenner, so sollte das Internet schließlich zum Todesstoß auf die fast absolutistisch anmutende Musikbranche ansetzen.

MP3s lassen sich ohne den, von kläglichen Versuchen mit dem heimischen Kassettenrecorder bekannten, Qualitätsverlust millionenfach kopieren und in Sekunden via Internet auf der ganzen Welt verteilen. Das haben auch die Menschen verstanden, die sich schon seit seinen Anfängen im Netz tummelten und so gingen 1998-1999 viele verschiedene Start Up Unternehmen online mit Wegen MP3s schnell an die potenzielle Nutzerschaft zu verteilen. Zu den ersten Tauschbörsen im Netz gehörten damit: Nullsoft, mp3.com, SonicNet, Scour, Napster. Allen gemeinsam war der „noble“ Gedanke, dass ein neues Verhältnis zwischen Künstlern und Publikum geschaffen werden sollte und die wenigen großen Musikkonzerne dabei überflüssig würden. Wirklich nachhaltig von Bedeutung waren hier jedoch nur mp3.com und Napster. Während sich erstere auf  die Vermittlung zwischen Künstlern und Publikum konzentrierten, brachte Napster das noch heute breit genutzte peer-to-peer-Verteilungsverfahren auf dem Markt. Mit einer speziellen Software war es nun möglich MP3 Dateien, die die Nutzer auf ihrer Festplatte gespeichert hatten, für andere Nutzer auffindbar zu machen. Anschließend konnten dann diese externen Nutzer die Dateien eines fremden Users von der Festplatte downloaden. Napster stellte die Server bereit, auf denen die Informationen zu den Musikdateien der einzelnen Nutzer gespeichert lagen und so durch Suchanfragen auf der Napsteroberfläche auffindbar wurden.

Die schon strauchelnde Musikindustrie war im Angesicht der schnellen Veränderungen alles andere als erfreut. Wie viele Start Ups zuvor, wurde auch Napster rechtlich angegriffen. Durch gezielte Lobby-Arbeit der Recording Industry Association of America (RIAA) war es möglich, dass von Seiten der Politik einiges gegen die sogenannte Musikpiraterie unternommen wurde. So wurden schnell Gesetze erlassen, die die Musikindustrie vor immensen Einkommensverlusten retten sollten. Damit einher ging die Kriminalisierung des Nutzers durch moralinsaure Werbekampagnen und gezielte Strafverfahren mit schwindelerregenden Schadensersatzzahlungen an die so schwer gebeutelte Musikindustrie.

Anstatt neue Vertriebswege für Musik zu entwickeln, wurden die ersten Gehversuche der MP3 schnell unter dem Deckmantel des Copyrights ins kriminelle Licht gerückt. Nach einem verlorenen Rechtsprozess musste Napster schließlich – in der ersten Jahreshälfte 2000 immerhin das beliebteste Online Angebot mit über 37 Millionen Nutzern – im Juli 2001 komplett offline gehen. Das Gericht hatte Napster auferlegt bestimmte Filter zugunsten des Copyrights einzubauen. Als die Technologie langsam ausgereift war, sind Napster jedoch schon längst die Nutzer abgewandert.

Auf kostenlose Musik wollten die User trotzdem nicht mehr verzichten. Und so entstand eine Vielzahl an illegalen Tauschbörsen, die noch immer auf dem peer-to-peer Verfahren beruhten. Sie werden bis heute genutzt und windige Medienanwälte haben sich schon längst ein Geschäft daraus gemacht kleine Gelegenheitssauger auf immens hohe Summen zu verklagen. So kann das neue Sido Album schnell mal 1000 Euro kosten. Da sich dieser Umstand, nicht zuletzt medial, herumgesprochen hat, wird illegales Laden im Netz immer unattraktiver. Die MP3 steckt zu dieser Zeit schon längst nicht mehr in den Kinderschuhen, sondern ist zum Audiostandard avanciert. Das musste auch die Musikindustrie einsehen und adoptiert schließlich das eigenwillige Stiefkind MP3. Welche Folgen das für die Musikindustrie hatte und welche Rolle Äpfel dabei spielten, soll Thema in der nächsten Folge sein.