music goes digital (3/3) Das Internet und das Straucheln der Musikdespoten

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Musikdateien verwalten kann ein mühseliges Unterfangen sein. So sind kryptisch anmutende Dateinamen keine Seltenheit. Kommt es auf einem Album zu einer musikalischen Kollaboration mit einem anderen Künstler, ist das noch kein Garant dafür, dass dieser auch auf der heimischen Festplatte Rechnung getragen wird. Oft wird das Feature als eigenes Album vom jeweiligen Gastkünstler gesammelt. Einen klaren Überblick über das Meer an geladenen Musikdateien findet man in den Anfängen des neuen Jahrtausends immer seltener. Der Tonträger hat sein haptisches Profil verloren. Aufwändige Fotoshoots für außergewöhnliche Cover werden immer unnötiger, denn das Album ist ja nur ein Dateiordner unter vielen, vielen weiteren. Das sollte sich ändern als ab 2001 mit dem Apple iPod auch seine Organisationssoftware iTunes in die musikbegeisterten Haushalte einzog. Erstmals konnten Musikdateien übersichtlich und vor allem in stylisher Apple-Manier organisiert werden. Auch das Cover gewann wieder an Bedeutung und so wurde zu jeder Albumdatei fast fehlerfrei das richtige Cover aufgefunden. Die Idee von einer digitalen Mediathek war geboren. Zwar kann man seine Tonträger nicht mehr in der Hand halten, aber wenigstens stehen sie in einem schicken virtuellen Regal und nicht mehr nur lieblos verteilt auf der Festplatte.

Jetzt wo der Nutzer wieder Spaß an seiner Musiksammlung hatte, trachtet er schnell auf Nachschub. Doch peer-to-peer-Verteilungstools wie Gnutella, Kazaa und BitTorrent wurden, dank Nutzerkriminalisierung und Debatten um Künstlerrechte, immer unbeliebter. Viele User der Generation Ü25 waren wieder bereit Geld für Musik zu zahlen. Nur eine CD sollte es bei den meisten trotzdem nicht mehr sein. 2003 lag dann schließlich ein bisschen Revolution in der Luft: Apple präsentiert den iTunes Store. Für 99 Cent pro Song und 9,99 Dollar für jedes Album, kann man nun MP3s ganz legal erwerben. So wurde den Künstlern – aber vor allem auch der Musikindustrie – unter die Arme geholfen. Das Konzept ging auf: Hatte Apple im ersten Jahr schon 100 Millionen Downloads verkauft, waren es 2010 sogar weltweit 10 Milliarden. Noch heute wirbt Apple gerne mit seinem heroischen Rettungsalleingang für die Musikindustrie und nutzt dies nicht zuletzt um seine restriktive Firmenpolitik zu legitimieren.

Viele Onlineanbieter zogen nach und so wurden schnell legale Downloadplattformen wie beispielsweise Musicload beliebt. Die vier großen Major Plattenfirmen (Universal, EMI, Sony Music und Warner) ließen sich zwar zähneknirschend auf die neuen Onlinebedingungen ein, jedoch beschränkten sie die Downloads mit DRM-Sperren. Sie mussten sich aber von diesen 2007/2008 schnell wieder trennen, weil der Nutzer diese Bevormundung nicht einsah und schnell den legalen Download mied. Trotzdem sind Downloadplattformen der Vertriebsweg der vergangen und in vielen Teilen auch aktuellen Stunde. So kam es, dass Lady Gaga mit ihrem Song Born This Way wochenlang an der Spitze der deutschen Charts stand. Dabei hatte sie keine einzige CD verkauft.

Neben legalen Downloads gibt es noch einen weiteren Weg sich MP3s anzueignen: Schon längst findet – oder fand – man einen Großteil des aktuellen und vergangenen Weltmusikangebots auf Youtube. Mit nur wenigen Klicks lässt sich zusätzlich ein Tool installieren, das die Audiostreamformate in MP3s konvertiert. So erinnert es teilweise an lange, analoge Stunden vor der Radiochartshow – den Finger immer einsatzbereit zwischen Stopp und Rec-Taste des Kassettenrecorders platziert – wenn man heute ganze Playlists aus Youtube Videos zusammen bastelt. Dank diversen Rechtsstreitigkeiten mit der GEMA wurde das Musikangebot im deutschsprachigen Raum auf Youtube in den letzten Jahren stark dezimiert. Doch der fitte digitale Einwohner hat hier schon längst Wege gefunden diese Beschränkung zu umgehen. So findet man immer noch einen großen Teil der Songs, die auf Youtube mit dem bekannten :/ smiley auf die quasi-Netzzensur GEMAs verweisen, dafür auf Video-Plattformen wie tape.tv und vimeo.  Außerdem kamen schnell diverse freeware-tools im Netz auf, die es ermöglichten die GEMA“zensierten“ Musikstücke sorgenfrei zu rezipieren.

Das Aufkommen der Musikstreamoptionen im Netz läutet dabei eine neue musikalische Konsumkultur ein. Vielleicht geht man nicht zu weit, wenn man hier von der Zukunft des digitalen Klangvergnügens spricht. Nicht nur hat sich das haptische Profil des Tonträgers aufgelöst, sondern auch seine wichtige Komponente des Besitzertums ist hier zumindest in Frage gestellt. Vor allem durch das Aufkommen kommerzieller Musikstreamingportale wie der schwedischen Steraming-Software spotify und seinem deutschem Ableger simfy ähnelt die „heimische“ Mediathek mehr einer digitalen Jukebox als einer akribisch und oftmals eben auch sehr liebevoll zusammengestellten Musiksammlung. Wer jedoch nicht auf seine eigens – nicht immer legal erworbene – Tonträgersammlung verzichten möchte, ist dennoch nicht an die Speicherkapazität der heimischen Festplatte gebunden. Computer-Cloudverfahren zur Datenspeicherung lassen sich schließlich auch für die guten, vielleicht gegenwärtig auch bereits alten, MP3s nutzen. Von der Schellackplatte, ab in den Browser oder wahlweise in die digitale Wolke. Der Tonträger hat sich damit fast aufgelöst. Aber keine Sorge, er kommt bestimmt bald wieder. In neuer Form.