Radio vs. Radio 2.0 (1/2) Hörfunkformate im Social Web

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Individualität, Interaktivität, schneller Zugriff, von überall abrufbar, für jeden zugänglich und von jedem erstellbar. Im Zeitalter des Social Web herrscht die Pflicht „2.0“ zu sein. Vor diesem Hintergrund werden die klassischen Massenmedien aus den Bereichen Print, Fernsehen und Hörfunk im Social Web adaptiert und die Funktionsweisen neu verhandelt.

Leidenschaftliche Radiomacher und –liebhaber sind deswegen wachsam und fragen sich, ob die neuartigen auditiven Formate im Internet eine Konkurrenz für das konventionelle Radioprogramm darstellen.

Das „neue Radio“ hat im Social Web mehrere Erscheinungsformen. Es verbirgt sich hinter Begriffen wie „Community-based-provider“, „Webcaster“, „Simulcaster“ oder „Podcast“.

Ein Beispiel für den „Community-based-provider“ ist die Musikplattform last.fm. Sie vereint Musikliebhaber aus aller Welt und lockt mit Musik „passend zu deinem Geschmack“. Zentraler Inhalt der Seite sind die sogenannten Radiostationen. Hinter jeder Station verbirgt sich eine variierende Wiedergabeliste. Der Nutzer findet auf last.fm zu jedem Künstler und zu jedem Musikgenre eine solche Liste. Die Zusammenstellung der Musiktitel erfolgt aber nicht aus dem Repertoire von lediglich einem Künstler, sondern spielt Musik, die z.B. dem Genre des ausgewählten Musikers entspricht. Dank eines Systems, welches das Hörverhalten aller Nutzer verfolgt und untereinander abgleicht, bekommen die Hörer Empfehlungen, wie der eigene musikalische Horizont erweitert werden könnte. Glaubt man den Betreibern der Plattform, dann läuft so nur die Musik über den „World Wide Web-Äther“, die man auch wirklich hören will.

1000MIKES ist eine weitere Form des „Radios 2.0“. Auf der Internetseite des Webcasters können die Nutzer kostenfrei ihre eigenen Radiosendungen erstellen und übermitteln. Webcasting steht dabei für die ausschließliche Übertragung des Programms über das Internet. Radioamateure nutzen das Angebot der Plattform und bieten z.B. Sportübertragungen von unterklassigen Vereinen, Kanäle exklusiv für Seefahrer oder Live-Lesungen von Romanen an. Gemäß den Angaben der Seite gibt es über 11.000 deutschsprachige Kanäle. Wie viele der Sender davon wirklich regelmäßig senden ist allerdings unklar. Die tatsächliche Anzahl ist aber wohl um ein vielfaches geringer.

Der bequemste Weg um Hörfunkformate im Internet zu erreichen ist der Besuch der Homepage eines Radiosenders. So wird eine weitere Form des Internetradios erkennbar: Der Simulcaster. Simulcasting steht für das simultane Übertragen des terrestrischen Radioprogramms über das Internet. Ein Beispiel für ein erweitertes Prinzip des Simulcastings ist das Webradio des Jugendsenders MDR Sputnik. Zusätzlich zu dem herkömmlichen Angebot das „On-Air“-Programm auch im Internet auszustrahlen, hat der Hörer die Möglichkeit über die Homepage des Senders weitere Kanäle auszuwählen. Insgesamt kann zwischen acht Kanälen (Makossa-, Soundcheck-, Black-, Rock-, Club-, Popkult-, Insomnia- und OnAir-Channel) gewählt werden. Diese unterscheiden sich besonders hinsichtlich des musikalischen Genres und der Themenagenda. Die zusätzlichen Kanäle des Senders werden so als Instrument der Wiederverwertung bereits ausgestrahlter Themen benutzt: So beinhaltet beispielsweise der Rock-Channel des Webradios eine ‚Best-Of‘-Zusammenstellung aus Wort- und Musikbeiträgen von bereits gesendeten Ausgaben des Sputnik-Magazins ‚Rock-It‘.

Podcasts sind neben den vorgestellten Stream-Formaten eine weitere Variante des Radios im Internet. Vergleichbar mit Blogs gibt es sie von privaten sowie kommerziellen Anbietern und somit auch zu den unterschiedlichsten Themengebieten.

Regelmäßig werden Podcasts auch von konventionellen Radiosendern angeboten. Beispielsweise stellt der WDR-Jugendsender 1Live eine wöchentliche Zusammenfassung des Morgenmagazins, sämtliche Talk-Formate sowie Reportagen, Hörspiele und Comedy-Formate zur Verfügung. Insgesamt betrachtet ermöglichen Podcasts dem Hörer die gezielte Selektion von Audiobeiträgen. Diese können darüber hinaus beliebig oft und, nachdem sie auf einen mp3-Player oder auf ein Handy übertragen wurden, auch mobil genutzt werden.

Des Weiteren besteht die Möglichkeit mithilfe von spezieller Software, wie etwa dem ARD Podcast Mixer, ein individuelles Programm aus der privaten Musiksammlung und verschiedenen Podcasts zusammenzustellen. Der Hörer kann mittels dieser Technik über Inhalte und Reihenfolge entscheiden,   unabhängig von festgelegten Sendezeiten aus einem vorhandenen medialen Angebot auswählen und die Elemente nach eigenem Belieben zusammenführen.

Lösen die neuen auditiven Anwendungen nun aber wirklich die angepriesene “Radio Revolution im virtuellen Äther“ aus?

Ein Blick auf die Ergebnisse der ARD/ZDF Onlinestudie beantwortet diese Frage mit einem „Nein“.

Ein Ergebnis der qualitativen Untersuchung ist, dass im Jahr 2011 rund 51 Prozent der fast 52 Millionen Internetnutzer in Deutschland Audiodateien – zumindest gelegentlich – rezipiert haben.  Davon haben unter anderem vier Prozent Audiopodcasts gehört, 24 Prozent Audiodateien abgerufen und 27 Prozent Radio über einen Stream gehört.

Von einer regelmäßigen Nutzung der Stream-Formate kann allerdings nicht gesprochen werden: 13 Prozent aller Onliner hören zumindest gelegentlich (monatlich oder seltener) Radio über das Internet. Zur alltäglichen Nutzungsroutine (Nutzung mehrmals täglich/täglich) ist diese Form des Radiohörens nur bei knapp 4 Prozent der Onliner geworden.

Die Studie hat außerdem die Nutzung von Musikportalen im Internet analysiert, zu denen auch die Plattform Last.fm gezählt wurde. Das Ergebnis zeigt, dass der Gebrauch eher vereinzelt stattfindet und zudem abhängig von der zugehörigen Altersgruppe ist. Während von den 14- bis 29-Jährigen immerhin fünf Prozent zumindest wöchentlich Musikportale nutzen, sind es bei den 30- bis 49-jährigen Internetnutzern lediglich fünf Prozent, die ein derartiges Portal überhaupt jemals genutzt haben.

Die Zahlen zeigen: Von einer „Revolution“ sind die Hörfunkformate im Social Web also noch weit entfernt. Schuld daran ist auch das geringe Interesse für eine aktive Teilnahme am Social Web:

„Die Rolle des Rezipienten als eigener Programmchef auf der Suche nach den individuellen Musiknischen hat nur eine begrenzte Anziehungskraft.“

schlussfolgert Annette Mende in ihrer Analyse der Onlinestudie.

Der Aspekt des geringen Interesses an aktiver Teilnahme beschäftigt auch Katrin Busemann und Christoph Gscheidle. Die Autoren befassen sich in ihrer Ausarbeitung mit der Nutzung von Anwendungen im Social Web und untersuchen inwiefern diese „im Sinne der spezifischen Idee des Web 2.0, des Mitmachens, des Selbergestaltens, genutzt werden.“ Die Analyse belegt, dass nur noch eine kleine Gruppe der Onlinenutzer an aktiven Teilhabemöglichkeiten interessiert ist:

„Bei der letzten Erhebung 2009 deutete sich bereits ein Sättigungseffekt an. […] Das Potenzial hat sich binnen Jahresfrist fast halbiert. Nur noch 7 Prozent der Onliner bekennen heute, sehr interessiert an der Möglichkeit zu sein, aktiv was beizutragen.“

Internetbasierte Hörfunkformate, in der jetzigen Form, stellen also kein Zukunftsmodell für das Radio dar. Trotzdem führen Radioexperten die zuletzt steigenden Hörerzahlen auch auf das Social Web zurück.

Um einen Erklärungsansatz dieses vermeintlichen Widerspruches geht es im zweiten Teil von „Radio vs. Radio 2.0“.