Haben Wale eine Wahl?

Immer bekannter wird uns das Bild von toten Walen und Delfinen, die an zahlreichen Küsten weltweit qualvoll vollenden. Meistens sind es sogar ganze Gruppen von Meeressäugern.  Bei den Gründen wird oft gerätselt- Haben sich die Tiere verirrt, sind sie von einer Krankheit befallen worden oder spielen klimatische Bedingungen eine Rolle?  Immer mehr Wissenschaftler tendieren aber zu der Aussage, dass die Tiere durch Lärm in ihrem Lebensraum gestört werden, besonders von militärischem Lärm in Form von Sonartechnik.

Sonare werden zur Ortung von Gegenständen im Wasser mittels Schallwellen eingesetzt, insbesondere bei der Suche und Verfolgung von lautlosen U-Booten. Dabei wird das Echoprinzip eingesetzt, bei dem Signale ausgestrahlt werden und dessen Echo wieder eingefangen wird. Daraus kann die Entfernung zu Objekten über die Laufzeit der Echos bestimmt werden. Das Militär nutzt das Sonar bei ihren Manövern oder Routinearbeiten. Dadurch können Explosionen entstehen sowie leistungsstarke Sonare eingesetzt werden, dessen Frequenzbereiche unterschiedlich stark angewendet werden. Es gilt aber: Je höher die Sequenzen, desto genauer die Informationen über das Zielobjekt. Die Reichweite der Schallwellen kann einige Tausende Kilometer erreichen. Das Problem dabei ist, dass Wale und Delfine ähnliche Frequenzbereiche für die Kommunikation unter Artgenossen, Paarungsvorgänge  und die Gestaltung ihres Lebens nutzen wie das das Militär.

Die Wale  gehören zu den Säugetieren und bringen einen weltweiten Bestand mit über 80 Arten auf. Als Meeresgiganten stellen wir uns diese  faszinierende Meeresbewohner vor, doch man kann kaum glauben, dass auch diese Tiere hochsensibel sind. Vor allem ihr außergewöhnlich stark ausgeprägtes Gehör. Wale können sich passiv orientieren, indem sie auch leiseste Geräusche verarbeiten und sich somit ein Bild von der Umwelt machen. Kleinste Lärmstörungen reichen jedoch aus, um die Tiere zu verwirren und sie orientierungslos zu machen. Dessen Folge ist, dass die wichtigen und lebensnotwendigen Informationen so nicht aufgenommen werden können. Bei der aktiven akustischen Orientierung, auch Echolokation genannt, erzeugen Zahnwale hochfrequente Laute. Die Energie der Laute, der so genannten Klicks, liegt im Ultraschallbereich und kann von uns nicht wahrgenommen werden. Die Frequenz der Klicks liegt dabei zwischen 30-120 kHz. Die Gegenstände in der Umgebung der Säugetiere werfen Klicks zurück und somit kann dieses Echo von den Tieren analysiert werden. Sie wissen dadurch, wo und was sich in ihrer Umgebung befindet. Vor allem bei der Nahrungssuche und Gefahrerkennung ist diese Art von Orientierung sehr hilfreich.

Nun muss man sich vorstellen, dass die Tiere nicht nur ihre natürlich Umgebung um sich herum haben, sondern auch uns Menschen. Wir verschmutzen den Lebensraum der Meeressäuger nicht nur mit Giftstoffen und Abfällen, sondern auch mit „akustischem Müll“. Die Problematik der Walstrandungen  durch den Sonareinsatz in den Meeren ist verstärkt nach dem 2. Weltkrieg zu beobachten. Besonders jedoch im Kalten Krieg. Seit dieser Zeit sehen Wissenschaftler und Naturschutzverbände immer mehr Parallelen zwischen Walstrandungen und Militärmanövern, bei denen hochleistungsfähige Sonarsysteme eingesetzt werden. Der Schallpegel der Sonare beträgt bis zu 240 dB, was dem Hunderttausendfachen eines Presslufthammers entspricht. Für uns Menschen reicht auch ein Presslufthammer, bei dem wir schon die Ohren zuhalten,  die Meeressäuger können das aber nicht und sind somit diesem betäubendem Lärm direkt ausgesetzt.

Welche Folgen hat der Einsatz von Sonartechnik nun auf Wale und Delfine? Bei zahlreichen Beobachtungen und Obduktionen der Tiere stellten Wissenschaftler einige Hypothesen auf. Als erstes ist zu sagen, dass das Gehör der Tiere unter dem hohem Schall leidet. Es kommt zu Blutungen und Schädigungen im Innenohr oder sogar zu Taubheit. Dadurch begeben sich die Wale in Lebensgefahr, weil ihnen der Orientierungsinn sowie die Navigation fehlen. Es wurde außerdem festgestellt, dass das Verhalten der Meeressäuger sich beim starken akustischen Lärm ändert, indem vor allem tief tauchende Arten in Panik zu schnell an die Wasseroberfläche kommen. Dadurch bilden sich kleine Luftblasen im Blut, welche die Gefäße verstopfen und somit die Durchblutung hindern. Die Tiere verbluten von innen oder sterben sogar daran. Forscher gehen davon aus, dass nur ein Bruchteil der Tiere strandet. Viele finden ihren Tod auf dem Meeresboden. Die gemeinnützige Organisation Whale & Dolphin Conservation Society (WDCS) hat eine  Liste veröffentlicht, die Zusammenhänge zwischen Militäraktivitäten und Massenstrandungen aufzeigt.

Es ist einerseits bemerkenswert, wie weit die Sonartechnologie heute fortgeschritten ist und was damit alles ermöglicht wird. Doch andererseits frage ich mich, wessen fremde U- Boote soll man heutzutage jagen und was gibt es zu sprengen? Oft sind es nur Übungen oder Routinearbeiten im Gewässer, die vom  Militär durchgeführt werden, doch diese bringen viele Opfer mit sich. Auch wenn keine Menschen zu Schaden kommen,  sterben und quälen sich jedoch andere Lebewesen. Es wird keine Rücksicht auf die lärmempfindlichen Bewohner der Meere genommen, die extrem auf externe Schallereignisse reagieren.

Endlich wird das Problem der hohen Lärmbelastung durch das Sonar immer mehr erkannt und die Forderungen nach Änderungen mit dessen Umgang werden immer lauter. Mittlerweile gibt es verschiedene Meeresschutzabkommen und Gremien, die die Verbesserung der Situation bewirken sollen, doch leider dauert dieses viel zu lang. Als mögliche Lösungsansätze schlägt der  Meeresbiologe Dr. Kim Detloff großflächige Meeresschutzgebiete, die vom Menschen nicht intensiv genutzt werden dürfen, die Verlagerung von Schifffahrtslinien, Regulierungen für den Einsatz von Sonarsystemen oder technische Schallschutzkonzepte in der Offshore-Industrie. Besonders hilfreich würde es sein, wenn lärmverursachende Eingriffe ganz verboten werden.

Zahlreiche Naturschutzorganisationen engagieren sich für lärmfreie Gewässer und starten regelmäßig zahlreiche Kampagnen und Aktionen.

Eine wirklich sehenswerte Reportage zum Thema der Walstrandungen bietet die italienische Meeresbiologin Antonella Servidio.

Wir Menschen können unsere Unterwasseraktivitäten lindern bzw. die Verantwortlichen dazu bringen sich an bestimmte Gesetze oder Abkommen zu Lärmbelästigung zu halten. Wenn es uns in unsrer Umgebung zu laut ist, dann ziehen wir in eine Region, weit weg von der Großstadt, wo es viel ruhiger ist. Doch haben die Wale eine Wahl?

 

Quellen:

Duden: URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Sonar am 14.12.2011

Weltneugier: Gestrandete Wale- Ein Interview mit dem Meeresbiologen Dr.Kim Detloff. URL: http://www.stepin.de/weltneugier/gestrandete-wale-ein-interview-mit-dem-meeresbiologen-dr-kim-detloff/

WDCS: Wie orientieren sich Wale und Delfine? URL: http://www.wdcs-de.org/wale/abtauchen.php am 14.12.2011

Bresing, K: Militärischer Lärm im Meer. URL: http://www.okeanos-foundation.org/assets/Uploads/WeitereInfosMilitaer.pdf am 14.12.2011

chs/dpa/ddp: Gestörtes Gehör. URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,617892,00.html am 14.12.2011