Aaaaargh! Der Wilhelmsschrei – Ein Running Gag der Hollywood-Filmgeschichte

Indiana Jones tut es. Die Stormtroopers aus Star Wars tun es. Buzz Lightyear aus Toy Story tut es und ebenso die Orks aus Der Herr der Ringe. Egal ob bei Spiderman, Batman, Madagaskar oder dem Planet der Affen: Irgendjemand tut es mit Sicherheit zu irgendeinem Zeitpunkt: Sie schreien. Aber nicht irgendwie. Sie schreien alle gleich. Und zwar genau gleich: Aaaaargh!

Der dafür verwendete „Wilhelmsschrei“ ist seit einigen Jahrzehnten fester Bestandteil der Soundbibliothek der Warner-Studios. Doch was macht diesen Schrei so besonders? Warum wird er immer wieder verwendet? Und wer war eigentlich dieser Wilhelm, nachdem der Schrei benannt wurde?

Die meisten Leute werden den berühmtesten Schrei der Filmgeschichte schon einmal gehört haben, ohne zu wissen, dass es sich dabei um den Wilhelmsschrei handelt, der mittlerweile in über 300 Filmen zu hören ist.

Verantwortlich für die kommerzielle Verbreitung des Schreies ist Ben Burtt, der Sounddesigner der Star Wars-Filme. Burtt hörte den Schrei in dem Western Der brennende Pfeil (Originaltitel: The Charge at Feather River) von 1953 und war direkt begeistert von dem schrillen „aaaaargh“ einer Nebenfigur namens Wilhelm. Der Sounddesigner übernahm den Schrei in seine Soundbibliothek und verwendete ihn in jedem Teil der Star Wars-Filme. Dadurch wurde man auf den nach der Figur aus Der brennende Pfeil benannten Schrei zum ersten Mal aufmerksam, und er wurde zunächst zum Running Gag innerhalb der Science Fiction Saga.

Später fand man jedoch heraus, dass Ben Burtt nicht der erste war, der den Schrei für seine Filme verwendete. Der Schrei des Wilhelm in Der brennende Pfeil, den Burtt für die Originalaufnahme gehalten hatte, war nämlich selbst die Kopie eines Schreies, der bereits 1951 in dem Film Die Teufelsbrigade (Originaltitel: Distant Drums) ausgestoßen wurde. Dies geschah durch den Schauspieler Sheb Wooley, der in dem Film einen Mann spielte, der von einem Alligator gefressen wird. Nichtsdestotrotz hat sich der Name „Wilhelmsschrei“ bis heute gehalten.

Seine Verwendung in den Star Wars-Filmen war aber erst der Anfang. Mittlerweile gehört der Wilhelmsschrei zum festen Bestandteil sämtlicher Klangbibliotheken in Hollywood. Dabei wird er auf unterschiedlichste Art und Weise eingesetzt:

In den meisten Fällen wird man den Schrei nicht als besonders auffällig wahrnehmen, da er in den Filmen an Stellen eingesetzt wird, in denen viele unterschiedliche Sounds zugleich zu hören sind und der Schrei von Nebenfiguren ausgestoßen wird, beispielsweise bei Kampfszenen in Filmen wie Batman oder 300. So überhört man zwischen dieser Vielzahl an Tönen leicht, dass sich dazwischen ein Geräusch versteckt hat, dass man eventuell schon unzählige Male zuvor gehört hat.

Mittlerweile nehmen Regisseure auch direkt auf den Wilhelmsschrei als Running Gag an sich Bezug. In einigen Werken finden sich Film-im-Film-Szenen, in denen man Leute sieht, die sich im Kino oder Fernsehen einen Film anschauen, in dem der Wilhelmsschrei zu hören ist. Den Schrei kann man hier als ein Mittel sehen, um Hollywood als Massenproduktionsfirma zu ironisieren.

Auch Quentin Tarantino, dessen Filmen immer wieder Anspielungen auf Hollywoodklischees und die Popkultur enthalten, ist ein großer Fan des Schreies. Genauso, wie er die Schauspieler in seinen Filmen immer wieder auf ihre eigene Karriere Bezug nehmen lässt, indem er beispielsweise den aus dem Tanzfilm Saturday Night Fever bekannten John Travolta in seinem Pulp Fiction einen Twist tanzen lässt, verwendet er in fast jedem seiner Filme bewusst den Wilhelmsschrei. Wer Tarantino kennt, wird sofort bemerken, dass es sich auch dabei um eine Hommage an die Filmgeschichte handelt, in der der Schrei mittlerweile seinen festen Platz eingenommen hat.

Die direkteste Anspielung an den Schrei als Retortenschrei findet sich sicherlich in Indiana Jones und der Tempel des Todes (Originaltitel: Indiana Jones an the Temple of  Doom) von 1984. Hier sieht man Harrison Ford in der gleichen Situation wie Schauspieler Sheb Wooley in der Szene, in der er den Originalschrei ausgestoßen hat: Indiana Jones steht wie der Mann in Die Teufelsbrigade in einem Wasserloch und wird von Krokodilen bedroht, während er den Schrei ausstößt. Anders als im Original wird der Protagonist aber natürlich am Ende gerettet und nicht aufgefressen.

Unter Filmkennern hat sich das Wissen um den Schrei längst etabliert und so gibt es ganze Fangemeinden, die die Filmgeschichte durchforsten und Listen über die Filme und Szenen aufstellen, in denen der Wilhelmsschrei verwendet wird. Es dürfte also auch nicht verwundern, dass der Schrei mittlerweile von populären Fernsehserien wie den Simpsons  oder Family Guy thematisiert wurde und inzwischen auch in unterschiedlichen Computerspielen verwendet wird. Zudem besteht die Möglichkeit, sich den Schrei als Klingelton auf das Handy zu laden oder sich Fanshirts mit „I can do the Wilhelm Scream“- oder „I heard the Wilhelm Scream“-Aufdruck zu bestellen. Seit  2002 gibt es zudem eine US-amerikanische Band, die sich inspiriert durch das berühmte „Aaaaargh“ den Namen  „A Wilhelm Scream“ gegeben hat.

Den Filmen, die der Traumfabrik entstammen, wird oft vorgeworfen, dass sie alle nach dem gleichen Schema funktionieren, einfallslos und ersetzbar sind. Die Verwendung des Wilhelmschreies als immer wieder auftauchendes Motiv ist meiner Meinung nach eine wunderbare Selbstironisierung Hollywoods.

Es lohnt sich also definitiv, beim nächsten Kinobesuch einmal genauer hinzuhören. Oder einfach noch einmal einen der über dreihundert Wilhelmsschrei-Filme, wie Der Herr der Ringe, Star Wars, Indiana Jones, Spider Man, Kill Bill, Juno oder Madagaskar anzuschauen, und zu versuchen, den berühmten Schrei herauszuhören.

Eine chronologische Wilhelmsschrei-Filmographie findet man beispielsweise hier.

Wer keine Lust hat, auf die Jagd nach dem Schrei zu gehen und die Filmgeschichte danach zu durchforsten, kann dies auch abkürzen, indem er sich einfach folgenden Zusammenschnitt unterschiedlicher Filmszenen mit dem Schrei ansieht:

 

Quellenangaben:

http://www.hollywoodlostandfound.net/wilhelm.html

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/4515/aaaaaaaaaaargh.html

http://www.awilhelmscream.com/