Immer diese Tastentöne!

Tastentöne am Handy – ihr alleiniger Zweck scheint darin zu liegen, sie direkt nach Inbetriebnahme des Mobiltelefons auszuschalten. Selbst bei neueren Modellen verzichten die Hersteller jedoch nicht auf die anscheinend überflüssigen Geräusche. Es steckt aber mehr dahinter, als den Nutzer oder eventuelle Mithörer lediglich ärgern zu wollen.

Nutzlos?

Der Tastenton ist mit dem einfachen Zweck verbunden dem Telefonierenden eine akustische Bestätigung für das tatsächliche Wählen einer Taste zu geben. Diese Funktion ist historisch bedingt und hängt mit der Entwicklung des Telefons bzw. seinen Wahlverfahren zusammen. Das Wahlverfahren bezeichnet die Technik, wie durch das Wählen einer Nummer eine entsprechende Telefonverbindung zustande kommt.

Nachdem durch die Automatisierung die Vermittlung von Gesprächen nicht mehr von Telefonisten übernommen werden musste, war das hierfür eingesetzte Verfahren das Impulswahlverfahren. Je nachdem, welche Ziffer man wählte, wurde eine Stromschleife entsprechend oft geschlossen: Wählte man eine 1 wurde sie einmal, beim Wählen einer 2 zweimal geschlossen und so weiter. Im Hörer äußerte sich dies als eine Art Knacken. Wählte man eine 9, knackte es neun Mal. In jedem Fall hatte der Telefonierende eine Bestätigung, dass das Signal der jeweiligen Taste gesendet wurde.

Das Impulswahlverfahren wurde nach der Etablierung des Tastenwahlblocks vom Mehrfrequenzwahlverfahren abgelöst, das bis heute genutzt wird. Anstatt der Impulse sendete das Telefon nun mit dem Drücken einer Taste einen für jede Ziffer individuellen Ton, der sich aus zwei Sinustönen unterschiedlicher Frequenzen zusammensetzte. Einer der Vorteile dieses Verfahrens war, dass der Wahlvorgang beschleunigt wurde. Im früheren Impulswahl- verfahren nämlich benötigte jeder Impuls 100ms, wodurch man besonders nach hohen Ziffern einen Moment innehalten musste.
Die Bestätigung, dass eine Taste korrekt gedrückt wurde, erhielt der Telefonierende beim Mehrfrequenzwahlverfahren ebenfalls durch den Hörer: Anstatt des Knackens war nun ein kurzes Piepen zu hören.

Telefonapparate verändern sich

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Nachdem eine Veränderung des Wahlverfahrens die Bauweise der Telefone verändert hatte (der Tastenblock ergab sich aus der tabellarischen Anordnung der Frequenzen), veränderte nun die Bauweise die akustischen Signale. Sobald Hörer und Wahlblock in einer Apparatur zusammenfielen, hatte der Telefonierende keine akustische Bestätigung mehr, ob die gewählte Nummer gesendet wurde, denn er konnte den Hörer nicht an sein Ohr halten und gleichzeitig wählen. An dieser Stelle übernahm der Tastenton die Funktion, die zuvor von den verschiedenen Wahlverfahren ausgefüllt wurde.
Zwar wurden schnell Apparate mit Display entwickelt, auf denen die gewählte Nummer abzulesen war, wie etwa beim weltweit ersten Mobiltelefon DynaTAC 8000X von Motorola. Der Tastenton wurde hier jedoch beibehalten.

Die heutzutage gängigsten Tastentöne sind das Klacken und das Piepen. Hier wird der Rückbezug auf die beiden Wahlverfahren deutlich, deren Geräusche zunächst weniger für den Telefonierenden gedacht waren, als vielmehr für die Vermittlungsstelle. Jedoch gehörten die Töne für den Telefonierenden dazu, sodass sie in Form von Tastentönen beibehalten wurden. Bei modernen Telefonapparaten besteht durch die Etablierung von Displays aber kaum noch eine Notwendigkeit für die akustische Bestätigung des Wahlvorgangs: Die Töne des Mehrfrequenzwahlverfahrens sind bei den meisten Apparaten gar nicht mehr zu hören und die Tastentöne werden von den meisten Nutzern ausgeschaltet.

Akustische Bestätigungssignale sind jedoch nicht überflüssig geworden. Beim Handy sieht man, dass durch den Bildschirm das Optische über das Akustische dominiert. Besonders wenn keine optischen Signale möglich sind, wird auf akustische Signale ausgewichen. Relevant ist beispielsweise der Minutenton, den der Telefonierende hört, wenn für die Verbindung eine weitere Minute angebrochen ist.

Ein anderer Einsatz von akustischen Signalen findet sich etwa am Computer. Beim Leeren des Papierkorbs hört der Nutzer beispielsweise ein Papierrascheln, mit dem angezeigt wird, dass der Inhalt gelöscht wurde. Ein kurzes „Pling“ weist ihn darauf hin, dass das Mailprogramm eine Mail empfangen hat. Wenn er einen USB-Stick einsteckt, hört er wiederum ein anderes Geräusch als Zeichen, dass das Gerät erkannt wurde. Zwar erhält der Nutzer hier auch optische Hinweise, jedoch sind diese nicht sonderlich deutlich. So verändert sich in Windows lediglich das Icon des Papierkorbs nach dem Entleeren leicht. Im Fall des USB-Sticks kann man sogar davon ausgehen, dass der Nutzer gar nicht auf den Bildschirm blickt, weil er mit der USB-Buchse am Rechner beschäftigt ist.

Guck mal, wie das piept

Alle diese Geräusche nennen sich Auditory Icons oder Earcons. Während Auditory Icons in ihrer Darstellung einen Bezug zur Wirklichkeit herstellen (wie beim Papierkorb-Rascheln) sind Earcons bloß Zeichen, deren Bedeutung sich nicht von selbst ergibt. Von beiden Bezeichnungen ist die Rede, wenn Informationen nicht sichtbar, sondern hörbar gemacht werden. Man kennt dies bereits von Geräten wie dem Geigerzähler, bei dem man anhand der Geschwindigkeit des Klackerns die Intensität radioaktiver Strahlung messen kann. Und bei Operationen gibt ein Piepen die Herzfrequenz des Patienten an. Hier zeigt sich ganz deutlich der Vorteil der akustischen Abbildung: Während sich der Arzt optisch auf die eigentliche Operation konzentrieren muss, behält er dennoch den Überblick über die Herzfrequenz (auch wenn „Überblick“ eigentlich das falsche Wort ist).

Neu ist diese Form der Darstellung also keineswegs, was jedoch nicht für die theoretische Beschäftigung mit ihnen gilt. Erst in den vergleichsweise jungen Sound Studies wird die Übertragung von Daten und Informationen in nichtsprachliche, akustische Signale unter dem Sammelbegriff Sonifikation erforscht. Besonders interessant ist der Einsatz für Blinde, für die Wissenschaft oder auch, wie bereits angedeutet, für die Mensch-Computer Interaktion.

Die Tastentöne am Handy belegen also auf eine ganz grundlegende Weise, dass Klänge funktional sein können: Sie zeigen an, ob eine Taste gedrückt wurde oder nicht. Gerade bei Handys mit Touchscreen, durch den die Tasten als solche haptisch gar nicht mehr erfahrbar sind, erweisen sie sich als eine ganz naheliegende Funktion. Dass Tastentöne mit der Dominanz des Optischen durch große Bildschirme ausgedient haben, bedeutet allerdings nicht, dass das Optische das Akustische überflüssig macht. Zu zahlreich sind die Fälle, in denen sich eine akustische Darstellung als angemessener erweist.

Die Lautstärke ihres Handys stellen die meisten Nutzer beispielsweise wohl lieber dem Gehör nach ein, anstatt einen Wert auf einer Skala von 0 bis 5 zu wählen. Und außerdem lassen sich Tastentöne noch auf ganz andere Weise nutzen:

Quellen:

Spehr, Georg. Funktionale Klänge: Mehr als ein Ping. In: Schulze, Holger (Hrsg.). Sound Studies. 2008. Bielefeld: transcript Verlag

http://www.sonification.de