Adé, stumme Welt!

© Berliner Feuerwehr

Für viele Menschen gehören Geräusche zum ganz normalen Alltag. Meistens achten wir gar nicht darauf, denn etwas zu hören zählt einfach zum gewohnten Leben mit dazu. Es ist selbstverständlich sich mit seinen Freunden zu unterhalten, Musik zu genießen oder die Umwelt um einen herum wahrzunehmen. Doch was ist, wenn man diese Fähigkeit verloren hat und die Welt einfach verstummt?

Fast jeder fünfte Deutsche leidet unter Schwerhörigkeit bis hin zur absoluten Taubheit. Ein normales Leben mit einer solchen Schädigung des Gehörs ist nicht mehr möglich. Sie führt zu Einschränkungen in allen Lebensbereichen. Ohne einen intakten Hörsinn ist z.B. ein normales Telefonat genauso schlecht zu führen, wie auf Signaltöne zu reagieren.
Um sich einen Eindruck davon zu machen, wie sich Leute fühlen, die unter Schwerhörigkeit oder gar Taubheit leiden, kann sich jeder einfach Ohrstöpsel in die Ohren stecken und einen Tag damit verbringen. Schnell wird klar, dass etwas Entscheidendes fehlt. Falsche Wahrnehmungen der anderen Sinne bis hin zur Orientierungslosigkeit sind die Folgen einer fehlenden auditiven Wahrnehmung. Schnell wird klar, dass der Verlust des Hörsinns ein beträchtliches Handicap ist.

Aus diesem Grund waren die Menschen schon seit langer Zeit bemüht Mittel gegen die Schwerhörigkeit zu finden. Die Geschichte der Hörhilfen ist lang und führt bis in die Antike zurück. Analoge Geräte in Form von sogenannten „Hörrohren“ waren lange die einzige Möglichkeit der voranschreitenden Taubheit entgegenzuwirken. Diese unhandlichen Trichter aus Holz oder Metall wurden an das Ohr angelegt und die Schallwellen somit gebündelt und verstärkt.
Durch die technologischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts konnten auf diesem Gebiet große Fortschritte erzielt werden. Elektronische Hörgeräte wurden immer kleiner, immer besser. Doch die generelle Funktionalität blieb immer die gleiche: Ein Mikrofon nimmt die Geräusche auf und überträgt sie mit höherer Lautstärke in das Ohr des Trägers. All diese Maßnahmen behandelten jedoch nur die Symptome und ließen die eigentliche Ursache außer Acht: Das geschädigte Ohr.

Eine Revolution auf dem Gebiet der Hörhilfe ist daher das implantierbare Hörgerät. Durch die biomedizinische Technik, welche in den vergangenen Jahren immer neue Errungenschaften erzielt hat, war es nun möglich auch bestimmte Funktionen des Körpers mit Hilfe von Nanotechnologien zu imitieren. Somit können die implantierbaren Systeme das Hören nicht nur unterstützen, sondern genaugenommen Körperteile im Ohr technisch ersetzen. Hierbei besteht das konventionelle Aufnahme-Wiedergabe-Prinzip nicht, weshalb es sich bei diesen Geräten laut Definition auch nicht um klassische Hörgeräte handelt.

Das Ohr © hoersturz.de

Ob ein Betroffener für ein spezielles Implantat geeignet ist, muss individuell entschieden werden, da die Gründe für Schwerhörigkeit bzw. Taubheit verschieden sind.
Grundsätzlich werden diese Hörhilfen jeweils nach der Methode ihrer Implantation unterschieden:

– Schädelknochenimplantat
– Mittelohrimplantat
– Innenohrimplantat (Cochleaimplantat)
– Stammhirnimplantat

Schädelknochenimplantat

Bei dieser Variante wird das Implantat mit einer Schraube durch die Haut mit dem Schädel verbunden und ein Empfänger außerhalb des Kopfes angebracht. Dieser empfängt die Schallwellen und wandelt sie in Vibrationen um, welche danach über den Schädelknochen an das Innenohr weitergeleitet werden und somit die Flüssigkeit innerhalb der Hörschnecke in Wallung bringen.

Die Voraussetzungen sind: Ein intaktes Innenohr und Hörnerv, Ausschluss einer Anfälligkeit für Osteoporose.

Mittelohrimplantat

Es werden zurzeit drei verschiedene Systeme bei den Mittelohrimplantaten angeboten.

System Vibrant Soundbridge
Dies ist die populärste Methode der Mittelohrimplantate. Hierbei wird außen am Kopf ein Mikrofon mit Audioprozessor angebracht, der von einem Magneten gehalten wird. Dieser leitet das umgewandelte Signal an das Implantat weiter. Von dort aus werden mit Hilfe eines FMT (Floating Mass Transducer) die Vibrationen an die Gehörknochen übertragen und bringen diese in Schwingung.

System Carina
Das System Carina ist vollständig implantierbar. Das Mikrofon wird hinter dem Ohr unter die Haut operiert. Die aufgenommenen Schallwellen werden von einer Elektronikkapsel zu elektronischen Signalen verarbeitet und mittels eines Wandlers, dem sogenannten MET (Middle Ear Transducer) im Mittelohr weitergeleitet. Dieser Wandler berührt mit seiner Spitze die Gehörknochen und versetzt diese in Schwingungen. Mit dieser Methode wird eine gute Klangqualität erreicht.

System Esteem
Dieses System ist ebenfalls gänzlich implantiert. Jedoch benutzt das System Esteem das Trommelfell als natürliches Mikrofon. Der Schall wird von einem Sensor erfasst, welcher an der Gehörknöchelkette befestig ist und leitet diesen zum Audioprozessor. Dort werden die Signale umgewandelt und von einem Treiber an den Steigbügel im Mittelohr weitergeleitet. Hier versetzt es die Hörschnecke in Schwingungen und der Schall wird von dort an normal weiterverarbeitet.
Um das System Esteem jedoch ohne Einschränkungen nutzen zu können, muss die Gehörknöchelkette operativ unterbrochen werden, ansonsten würde es zu Rückkopplungen kommen.

Die Voraussetzungen sind: Ein intaktes Innenohr, weitgehend intaktes Mittelohr, ausgewachsene Gehörknochen.

Innenohrimplantat (Cochleaimplantat)

Cochleaimplantat © foninstitut.de

Über ein externes Mikrofon werden Sprachlaute aufgenommen, elektronisch umgewandelt und mit Hilfe eines Magneten an eine unter der Kopfhaut implantierte Spule übertragen. Diese leitet die Signale an Elektroden am Hörnerv weiter, die daraufhin im Gehirn verarbeitet werden. Somit ersetzt die Hörhilfe mit elektronischen Stimulierungen weitestgehend die fehlenden Haarzellen im Innenohr.

Die Voraussetzungen sind: Die Ertaubung muss nach dem Spracherwerb des Betroffenen stattgefunden haben.

 

Stammhirnimplantat

Ein Stammhirnimplantat funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie das Innenohrimplantat. Die Signalaufnahme und -umwandlung findet durch ein externes Gerät statt und wird auch hier mit Hilfe von Spulen an Elektroden weitergeleitet. Jedoch sind diese am Stammhirn angebracht und stimulieren diese durch elektrische Impulse, wodurch der Hörnerv umgangen wird.

Die Voraussetzungen sind: Der Betroffene muss über 12 Jahre alt und nicht geistig schwer behindert sein.

Die Pflege dieser Hörhilfen ist relativ einfach. Bei den externen Systemen muss der Akku durch einen zusätzlichen Apparat aufgeladen werden. Bei den vollimplantierten Geräten muss der Akku jedoch nach etwa 10-15 Jahren operativ ausgewechselt werden.
Die implantierbaren Hörgeräte führen zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung der Klangwahrnehmung bei den Betroffenen und helfen ihnen ihr Handicap zu verringern. Die optischen Vorteile gegenüber den konventionellen Hörgeräten liegen klar auf der Hand, da die Geräte größtenteils unter der Haut liegen.
Leider bezahlen die Krankenkassen solche Implantate nur, wenn das Tragen von konventionellen Hörgeräten auf Grund von Krankheiten oder Fehlbildungen des Ohres nicht möglich ist. Die Kosten solcher Implantate liegen, je nach Modell, zwischen 3.000 € und 30.000 €.

Die moderne Medizin schafft mit der Entwicklung solcher Methoden ein neues Lebensgefühl, da die betroffenen Menschen mit Hilfe von neuartigen Hörhilfen kaum noch Nachteile im Alltag durchleben müssen. Sie sind somit in der Lage, ein geregeltes Leben zu führen und können sich an den vielen schönen auditiven Sinneserfahrungen erfreuen, welche die Welt zu bieten hat.

 

Quellen und Links

Cochlear
http://www.cochlear.com/

Hoersturz.de
http://www.hoersturz.de/

System Carina
http://www.otologics.de/de/

System Esteem
http://www.envoymedical.de/esteem.htm

System Vibrant Soundbridge
http://www.medel.com/de/