Verschärfte Sinne – Farbenhören!

Wäre ein Video-Clip ohne Fernsehen nicht unendlich langweilig? Kaum zu glauben, aber wahr: Manche Menschen brauchen weder Fernsehen noch Notebook, um einen Video-Clip zu sehen, denn sie können bei bloßem Zuhören ihren eigenen visuellen Clip erzeugen. Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht auf bestimmte Medien angewiesen sind, um die schönsten Clips  zu erleben.

 

Wie fühlt es sich an Musik mithilfe von Farben zu hören und sich dabei ein bestimmtes Bild vorzustellen? Das ist ein Beispiel von Synästhesie, einem neurologischen Phänomen, welches den Zustand beschreibt, wenn ein Sinn in einen anderen Sinnmodus übersetzt werden kann. Bei Synästhesie verschwimmen die Grenzen zwischen den einzelnen Sinneswahrnehmungen. Die Sinne werden schlicht und einfach vermischt. Dann ist es auch möglich, dass Klänge eine feste Form und Farbe haben können.

Während der letzten Jahre wurde von Biologen herausgefunden, dass Synästhesie ein Gendefekt ist, der dadurch erklärbar ist, dass bestimmte Regionen im Gehirn, die normalerweise nicht zusammenarbeiten, wie der visuelle und der auditive Kortex, plötzlich parallel in Anspruch genommen werden. Daraus folgt, dass Menschen mit Synästhesie die Welt anders wahrnehmen können als alle anderen. Für Synästheten ist es daher schwierig zu glauben oder zu verstehen, dass der größere Teil der Menschheit nicht imstande ist, Musik in verschiedenen Farben zu hören bzw. zu sehen. Viele Synästheten leben mit ihrer Veranlagung, ohne zu wissen, dass ihre Sinneswahrnehmung sich von der Wahrnehmung anderer unterscheidet, denn eine Synästhesie ist in der Regel angeboren.

Als besondere Form der Synästhesie gilt hier die Musik-Farben-Synästhesie: Dabei handelt es sich um das Erzeugen von Farbeindrücken durch Töne. Diese Form der Synästhesie basiert somit auf Notennamen, Tonhöhen, Tonarten, Klangfarben und akkordischen Strukturen. So aktiviert Musik bei einigen Synästheten nicht nur die Gehörzentren im Gehirn, sondern auch die für das Sehen zuständigen Bereiche. Die Betroffenen können dann beispielsweise jedem Klang eine ganz bestimmte Farbe zuordnen. So etwas bezeichnet man als Farbenhören. Im Prinzip können alle Sinne miteinander gekoppelt sein. Das Farbenhören gehört aber zu den häufigeren Formen der Synästhesie. Besonders Klänge, Geräusche, aber auch gesprochene Wörter lösen dabei bestimmte Farbvorstellungen aus. Ändert man nun einen Ton, (zum Beispiel in der Tonart) ändert sich auch die synästhetisch empfundene Farbe. Bei der auditiv – visuellen Synästhesie gibt es daher sogenannte Korrespondenzregeln: So kommt es zum Variieren von Formen, Größe der Objekte und Helligkeit der Farben bei Veränderung der Lautstärke, des Tons und des Tempos.

Musik in verschiedenen Farbnuancen zu sehen, ist aber nur eine Art von Synästhesie. Es gibt auch noch andere Sinnesüberschneidungen, wenn man von diesem speziellen Phänomen spricht. Wie hört sich z.B. ein Rembrandt an? Und wonach riecht „We are the Champions“ von Queen? Für die meisten von uns machen diese Fragen keinen Sinn. Für Synästheten ist dies Alltag und somit selbstverständlich. Aber wie sieht dann ein synästhetischer Video-Clip eigentlich aus?

Diese synästhetischen Clips sehen den Bildern, die wir mit unseren Augen wahrnehmen, nicht  ähnlich. Synästheten nehmen Klänge, Geräusche, Rhythmen und Stimmen auf eine besondere Art und Weise wahr. Das Hörerlebnis wird meistens in Form von Farbsäulen, die sich abstrakt in einem Rhythmus bewegen, visualisiert. Aber nicht nur Musik wird farblich wahrgenommen. Stimmen oder bestimmte Instrumente haben eigene Farben mit verschiedenen Farbnuancen. Je nach Frequenz der Töne, sehen Synästheten meistens verschiedene Farben. Buchstaben und Zahlen werden ebenfalls oft in einer bestimmten Farbe gesehen, obwohl dieses Wahrnehmungserlebnis von Person zu Person verschieden sein kann. Für die einen ist der Buchstabe „ B “ grün, für andere ist das „ B “ orange.

Emotionales Erleben von Musik wird somit durch die visuelle Reaktion verstärkt. Die Synästhesie wirkt also zusätzlich, stört dabei aber keinesfalls das musikalische Empfinden. Somit kann man die Fähigkeit, etwas mithilfe von zwei Sinnen gleichzeitig erfahren zu können, als eine Bereicherung der Wahrnehmung deuten.

Es gibt oft das Phänomen, dass Gefühle synästhetische Sinneseindrücke auslösen können. Dazu muss man aber ergänzend sagen, dass jedes Individuum subjektiv wahrnimmt, sodass niemand das gleiche  hören, sehen, schmecken, riechen oder fühlen kann. Jeder Mensch hat feste Assoziationen, wenn er etwas wahrnimmt. Diese Assoziationen sind aber in fast allen Fällen erinnerungsbedingt. Diese Erinnerungen, die wir uns ins Gedächtnis rufen, sind nie völlig gleich, synästhetische Wahrnehmung bei einer betroffenen Person dagegen schon. Trotzdem kann man sagen, dass jeder von uns ein Synästhet ist, denn wer denkt nicht an bestimmte Bilder, wenn er z.B. seine Lieblingsmusik hört?

Wie viele Menschen überhaupt betroffen sind, ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich kommt Synästhesie häufiger vor, als man lange Zeit angenommen hat.

 

 

Quellen:

1.Klapper, A. (2000) Musik und Farbe. Aspekte von Synästhesie in Geschichte und Gegenwart.  (http://home.arcor.de/ak-47/synaesth.pdf)

2. Nitsche, J. (2010) Die Farben der Musik – das Phänomen der Synästhesie. (http://jessica-nitsche.suite101.de/die-farben-der-musik–das-phaenomen-der-synaesthesie-a94491)