„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Derartige Fragen kommen einem sogar beim Anblick hochgelobter Kunstwerke gelegentlich in den Sinn. So erging es mir auch, als ich vor einiger Zeit über das Stück „Helicopter String Quartet“ von Karlheinz Stockhausen stolperte.
Im Internet wird Stockhausen wahlweise als Genie, Pionier oder auch als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart betitelt. Auch soll er Einfluss auf bekannte Musikgruppen wie z.B. Pink Floyd oder The Beatles gehabt haben. Doch wer war dieser Mensch und warum wird ihm innerhalb der Musikgeschichte eine so große Rolle beigemessen? Diese Frage trieb mich dazu, mich einmal etwas genauer mit dem Komponisten und seinem Werk auseinanderzusetzen.

Karlheinz von Stockhausen wurde am 22. August 1928 in Mödrath, nahe Köln geboren. Damit wuchs er in der Zeit des Nationalsozialismus auf. Dieser Umstand wird von einigen Autoren als wichtig für das Verständnis von Stockhausens Werk angesehen (vgl. u.a. Harvey 1975: 9ff). In seinem Stück Hymnen setzt sich Stockhausen zudem explizit mit dem dritten Reich auseinander (vgl. Alter 2005: 229f).

Hymnen

Nach seinem Abitur studierte Stockhausen an der Musikhochschule und an der Universität in Köln. Er belegte u.a. die Fächer Musikwissenschaften, Klavier und Philosophie. Anschließend besuchte er 1951 die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik, wo er bis 1974 als Dozent für Komposition teilnahm. Zu dieser Zeit wurde er durch sein Stück „Kreuzspiel“ schlagartig bekannt.

Kreuzspiel

Die Komposition wurde erstmals im Herbst 1951 vom WDR gesendet. Im darauffolgenden Jahr wurde sie dann öffentlich uraufgeführt. Stockhausen selbst schreibt in den Anmerkungen zu dem Werk, die Vorführung habe in einem Skandal geendet (vgl. Wörner 1973: 30), wie es bei den Premieren seiner Werke noch häufiger der Fall sein sollte.

Dem Stück liegt Stockhausen zufolge die Idee der Kreuzung von zeitlichen und räumlichen Phänomenen zu Grunde. Zudem ist es eine der ersten Kompositionen der punktuellen Musik (vgl. Wörner 1973: 30). Das Werk zeichnet sich durch die „Kreuzung von extremen Tonlagen im Klavier und zwischen dem hohen und tiefen Melodieinstrument“ (vgl. Nauk 1997: 176) aus. Dem Konzept der punktuellen Musik entsprechend folgen Noten, Dauer und Dynamik übergeordneten Anweisungen; jedes Element ist individuell organisiert; es gibt keine Unterschiede zwischen ihnen, keine Hierarchie (vgl. Hervey 1975: 16). Diese Hierarchielosigkeit wird auch dadurch unterstrichen, dass, wie es in der Partitur geschrieben steht, alle Instrumente so verstärkt werden sollen, dass sie gleich gut zu hören sind (vgl. Stockhausen 1951 nach Nauk 1997: 176).

Nach einem Aufenthalt in Frankreich wurde Stockhausen 1953 Mitarbeiter des Studios für elektronische Musik des Nordwestdeutschen Rundfunks in Köln. Er begann, sich verstärkt mit der räumlichen Wirkung von Tönen sowie mit der künstlichen Klangerzeugung durch den Sinusgenerator auseinenderzusetzen.

Studie I

Studie II

Die Stücke „Studie I“ (1953) und „Studie II“(1955) bestehen ausschließlich aus künstlich erzeugten Sinustönen. Diese Töne wurden von Stockhausen genutzt, um die „Idee der Reinheit musikalisch zu verwirklichen“ (Schulze 2008: 68). Stockhausen zählte damals zu den ersten Künstlern, welche diese Art der elektronischen Musik produzierten. Was heutzutage verhältnismäßig einfach mit Synthesizern erschaffen werden kann (die Sinustöne sind bereits vorprogrammiert), erforderte zu der damaligen Zeit viel Einfallsreichtum und Ausdauer (vgl. Holmes 2008: 63).

Darüber hinaus wendete Stockhausen bei der „Studie I“ eine serielle Kompositionstechnik an (vgl. Holmes 2008: 63). Das bedeutet, dass sämtliche musikalische Parameter, wie z.B. die Töne und die Klangfarben, durch Zahlenreihen bestimmt werden (vgl. Blumröder 1995: 401). Es geht darum, zwischen den Extremen zu vermitteln. So werden z.B. extreme Töne nicht unmittelbar nacheinander gespielt, sondern über mindestens zwei Zwischentöne miteinander verbunden (vgl. Wörner 1973: 82). Wörner beschreibt diese Technik anhand der Farben Schwarz und Weiß (vgl. ebenda). Zwischen diesen beiden Extremen würden im Serialismus mehrere abgestufte Grautöne stehen. Schwarz würde dann nicht länger als der Gegensatz des Weißen zu sehen sein, sondern als eine Ausprägung des Weißen selbst.

Die serielle Musik wurde durch Stockhausen entscheidend mitgeprägt. Diese Kompositionstechnik bestimmte große Bereiche seines weiteren Schaffens. Hierzu zählt auch das 1955/56 entstandene Werk„Gesang der Jünglinge“.

Gesang der Jünglinge

Dieses Stück zählt zu den bekanntesten Kompositionen Stockhausens und ist sein erstes geistliches Werk. Stockhausen ging es hierbei nach eigener Aussage darum, gesungene und elektronisch erzeugte Noten in einem Klang zu vereinen (vgl. Wörner 1973: 40f). Diese Art der Vermischung von „Sprache und elektronischer Musik bedeutete eine Annährung an bis dahin ideologisch streng separierte Kompositionsweisen“ (Custodis 2004: 74).

Auch handelt es sich bei dem Stück um Stockhausens erste Raummusik. Bei der Uraufführung waren an allen vier Wänden und unter der Decke Lautsprecher angebracht, damit das Publikum von den Klängen umfasst werden konnte (vgl. Gröhn 2006: 23).

Schließlich begann Stockhausen sich von der organisierten zur intuitiven Musik hin zu orientieren. 1968 entstand das Werk „Aus den sieben Tagen“.

Aus den sieben Tagen

Für diese Komposition zog sich Stockhausen im Mai ’68 für sieben Tage zurück, aß nichts und meditierte viel (Harvey 1975: 113). In diesen Tagen entstanden 15 Texte, welche grobe Spielanweisungen in unpräziser Sprache enthielten. Dazu zählen beispielsweise auch die Aufzeichnungen zu dem Stück „Abwärts“, welche wie folgt lauten (vgl. Peters 2005: 158f).

Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner Glieder

Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner Zellen

Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner Moleküle

Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner Atome

Spiele eine Schwingung im Rhythmus Deiner kleinsten Bestandteile

zu denen dein inneres Ohr noch reicht

Wechsle langsam von einem Rhythmus zum anderen

bis du freier wirst

und sie beliebig vertauschen kannst

Den Musikern wurde, wie man sieht, viel Raum für das Ausleben ihrer Intuitionen gelassen. Stockhausen wollte sich durch dieses Vorgehen von sämtlichen Schemata, Klischees und Formeln befreien und in neue und unbekannte Klänge abtauchen (vgl. Peters 2005: 158).

Abschließend soll nun noch Stockhausens berühmter Opernzyklus „Licht: Die sieben Tage der Woche“ vorgestellt werden.

Samstag aus Licht

Die Arbeiten hieran begann Stockhausen im Jahre 1977. Erst 2003, 26 Jahren später, schloss er mit dem Zyklus ab (vgl. Maconie 2005: 403). Das Werk besteht aus 7 Opern, eine für jeden Tag der Woche. Dementsprechend sind diese Opern auch benannt. Peter Schnur beschreibt den Licht- Zyklus als ein Stockhausen-spezifisches Gesamtkunstwerk, da es „eine umfassende, sogar autoreflexiv zu nennende Bestandsaufnahme des eigenen Werks durch den Komponisten selbst [sei], sowie eine Art Zusammenfassung der kompositorischen Strömungen und Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts insgesamt“ (Schnur 2004: 4).

Am 5. Dezember 2007 starb Stockhausen in Kürten- Kettenberg bei Köln. Sein Gesamtwerk umfasste zu diesem Zeitpunkt rund 370 Werke.

Auch wenn Stockhausens Kompositionen nicht so bekannt sind wie z.B. die Songs der Beatles, so lohnt es sich doch, sich einmal mit dem Komponisten und seinem Schaffen auseinanderzusetzten. Die Welt der Musik wurde durch ihn in vielen Bereichen beeinflusst und geprägt und sähe ohne ihn heutzutage womöglich ganz anders aus.

 

Quellen

Alter, Nora M. Sound Matters: Essays on the Acoustics of German Culture. Berghahn Books, 2005.

Blumröder, Christoph von. Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, 1993.

Custodis, Michael. Die soziale Isolation der neuen Musik: zum Kölner Musikleben nach 1945. Franz Steiner Verlag, 2004.

Gröhn, Constantin. Dieter Schnebel und Arvo Pärt: Komponisten als „Theologen“. LIT Verlag Münster, 2006.

Harvey, Jonathan. The music of Stockhausen: an introduction. University of California Press, 1975.

Holmes, Thom. Electronic and experimental music: technology, music, and culture. Taylor & Francis, 2008.

Maconie, Robin. Other planets: the music of Karlheinz Stockhausen. Scarecrow Press, 2005.

Nauck, Gisela. Musik im Raum, Raum in der Musik. Franz Steiner Verlag, 1997.

Peters, Günter. Das schwingende Universum. Rhythmisches Prozessdenken und kosmische Philosophie in der Elektronischen und Intuitiven Musik Karlheinz Stockhausens. In: Naumann, Barbara. Rhythmus: Spuren eines Wechselspiels in Künsten und Wissenschaften. Königshausen & Neumann, 2005.

Schnur, Peter. Die Idee des Gesamtkunstwerks bei Karlheinz Stockhausen, dargestellt am Zyklus„Licht“. GRIN Verlag, 2007.

Schulze, Holger. Sound studies: Traditionen – Methoden – Desiderate : eine Einführung. transcript Verlag, 2008.

Wörner, Karl Heinrich. Stockhausen; life and work. University of California Press, 1973.