Musikfolter – Wenn Britney & Co. in den Wahnsinn treiben

Musik nehmen wir in der Regel als etwas Angenehmes wahr – ob zur Entspannung, zum Tanzen, zum Stress abbauen oder um Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Aber wer kennt es nicht: Hören wir ein Lied ein paar Mal zu oft hintereinander, sind wir genervt und wollen das Gedudel – und sei es noch so schön – nur noch ausstellen. Glücklich sei derjenige, der das in diesem Fall tun kann.

Bei der Musikfolter wird das Hörvergnügen zur nervlichen Hölle. Der Gefangene kann sich weder körperlich wehren, da er in einer oft schmerzhaften Position festgehalten wird, noch innerlich abschalten. Festgekettet in der sogenannten „stress position“, in welcher der Inhaftierte weder sitzen, noch stehen, noch knien kann, da seine Beine und Arme am Boden gefesselt sind, verharrt er stundenlang, manchmal 18 Stunden am Stück. Die laute Musik dröhnt auf den Inhaftierten ein. Unterstützt wird der nervliche Albtraum durch irritierende Lichteffekte. Wiederholt wird dieser Prozess tage-, manchmal wochen- und monatelang. Die meisten Gefangenen drehen unter diesem Einfluss vollkommen durch und wollen dieser Tortur schließlich nur noch ein Ende setzen, sodass sie gefügig werden und die erpressten Informationen preisgeben.

Was schier unglaublich klingt, passierte so tatsächlich in amerikanischen Geheimgefängnissen im Irak und in Afghanistan sowie in Guantánamo. Ruhal Ahmed erlebte Folter durch Musik am eigenen Leib:

„Wenn ich Leuten erzähle, dass Musik Folter sein kann, schauen sie mich an und denken, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Wie kann eine Kunst, die so viel Freude macht, Folter sein? Aber so ist das: Normale Folter kann man aushalten. Musik nicht. Ich habe alles gestanden, was von mir verlangt wurde. Dass ich Bin Laden und Mullah Omar kenne. Dass ich weiß, was ihre Pläne sind. Alles. Nur damit es aufhört.“ (Spiegel Online 11.01.2010)

Die Musikfolter bewährte sich während des Irak- und Afghanistankrieges nicht nur als erfolgreiche Verhörmethode, sondern auch als eine, welche aufgrund der „lediglich“ psychischen Folgeschäden der Opfer, schwer nachweisbar war – die „no-touch-torture“.

Die Musik dröhnt in den Ohren, sie wird nur noch als Lärm wahrgenommen. Moazzamm Bagg, ein erst in Bagram und anschließend in Guantánamo Inhaftierter, wurde über dreihundert Mal auf diese Weise verhört. „Die Musik diente in Guantánamo dazu, das Denken auszuschalten. Wenn man nicht mehr klar denken konnte, hatte man auch keine Kontrolle über seine Sinne mehr.“

Um durch die Kraft der Musik nicht die geistige Kontrolle zu verlieren, versuchten die Gefangenen, sich selbst abzulenken, indem sie Selbstgespräche führten, um so den Lärm auszublenden.

Es kommt gar nicht so sehr auf die Art des Liedes und den Text an. Vielmehr sind die Lautstärke und die Wiederholungen ausschlaggebend. Daher verblüfft auch die Liedauswahl der Soldaten. Es tauchen unter den am häufigsten gespielten Titeln sowohl Kinderlieder (Titellied der Sesamstraße) als auch Britney Spears, AC/DC, Eminem, Bruce Springsteen, Metallica usw. auf. Letztere sind erstaunlicherweise sogar „stolz“ darauf, dass gerade ihre Songs ausgewählt wurden – Patriotismus an der richtigen Stelle?

Dass die Betroffenen in den meisten Fällen schließlich ihr Schweigen brechen, hängt wenig mit dem Inhalt der Musik zusammen. Beim Betrachten der Liedauswahl fällt aber dennoch auf, dass diese oft nicht beliebig getroffen wird. „We Are The Champions“ von Queen soll als Triumphsong demütigen. Titel wie „Enter Sandman“ von Metallica sollen durch den aggressiven Ton verunsichern und verängstigen. Popsongs von Christina Aguilera (z. Bsp. „Dirrty“) und Britney Spears werden zur sexuellen Demütigung eingesetzt.

Nachdem diese Foltermethode bekannt wurde, wurden Organisationen gegründet, um dagegen vorzugehen. Zum einen wehrten sich die Künstler, deren Musik zu Folterzwecken in den Gefängnissen verwendet wurde. Gemeinsam mit Bürgerrechtsorganisationen wie dem National Security Archive forderten sie bei staatlichen Behörden die Herausgabe von Akten, um zu erfahren, zu welchen Zwecken ihre Musik missbraucht wurde.

Zum anderen gibt es Organisationen, welche sich an die US-Regierung und die UN wenden, um der Musikfolter ein Ende zu setzen. Sie rufen online zum „stillen Protest“ mittels eines Fotos oder eines 5-Sekunden-Videos auf. Zero dB setzt sich seit 1994 für die Einhaltung der Menschenrechte von Gefangenen ein.

 

Quellen:

Tobias Rapp (2010): Folter. Hören mit Schmerzen. In: Spiegel Online 2010, 11.01.2010 (2/2010). Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,671000,00.html, zuletzt geprüft am 03.01.2012.

Tomasz Kurianowicz (2011): Geräusch, das quält, schmerzt und tötet. In Göttingen diskutierten Wissenschaftler über Musik als mörderisches Foltermittel. In: FAZ 2011, 11.05.2011 (109), S. N4. Online verfügbar unter http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20110511/fnuwd1201105113093531.html, zuletzt geprüft am 03.01.2012.

Tomasz Kurianowicz (2011): Wenn Kinderlieder ihre Unschuld verlieren. Unsichtbare Kollateralschäden im Kampf gegen den Terror: Die Arte-Dokumentation „Musik als Waffe“. In: FAZ 2011, 11.07.2011 (158), S. 27. Online verfügbar unter http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20110711/fd1201107113162626.html, zuletzt geprüft am 03.01.2012.

YouTube.com (2008): Musik mit Folter – Torture with Music. Hg. v. 3sat. Online verfügbar unter http://www.youtube.com/ watch?v=y6ox9KrFMo0, zuletzt geprüft am 03.01.2012.

Zero dB: Against Music Torture. Online verfügbar unter http://www.zerodb.org/, zuletzt geprüft am 03.01.2012.