Synchronschauspieler. Die unbekannte Stimme hinter den Stars.

© VF Shankbone 2010 NYC von david_shankbone bei Flickr

Wenn wir im Kino oder vor dem Fernseher sitzen und uns einen ausländischen Film oder eine Serie anschauen ist es für die meisten selbstverständlich, dass Robert De Niro und Co. deutsch sprechen. Ihre Stimmen sind uns vertraut und anhand ihrer Stimmen könnten wir einen Großteil der Hollywoodschauspieler identifizieren, denn sie haben meist über viele Filme hinweg die gleiche Synchronstimme. Doch wer steckt eigentlich hinter der Stimme von Robert De Niro, Bruce Willis oder Julia Roberts? Und welchen Einfluss haben ihre Stimmen auf die Schauspieler und den Film selbst? Obwohl Synchronsprecher einen nicht geringen Anteil am Erfolg eines Schauspielers haben und ihre Arbeit sehr aufwendig und anspruchsvoll ist, bleiben ihre Gesichter meist in der dunklen Sprecherkabine verborgen.

Wer ist die Stimme von …?

Den meisten von uns dürften die Namen Joachim Kerzel, Daniela Hoffmann, Christian Brückner, Gerrit Schmidt-Foß und Ulrike Stürzbecher zunächst nichts sagen. Erst wenn wir ihre Stimmen hören wird uns bewusst „Das ist doch die Stimme von Robert de Niro!“ oder „Ist das nicht Leonardo DiCaprio?“. Obwohl es einen Stamm von zwanzig bis dreißig Synchronschauspielern gibt, die über mehrere Jahre den Stars die gleiche Stimme geliehen haben, kennt kaum jemand ihre Namen und Gesichter. Dass Synchronsprecher meist gestandene Schauspieler aus Theater, Film und Fernsehen sind und ihre Arbeit schauspielerische Höchstleistung verlangt, ist vielen nicht bewusst. Sie arbeiten unter enormem Zeitdruck und es liegen oft nur wenige Wochen zwischen der Ausstrahlung eines Films im Herstellerland und der im Ausland. Dies hängt unter anderem mit der Angst der Produzenten vor Raubkopien zusammen, die vor dem Filmstart die Einnahmen an den Kinokassen negativ beeinflussen könnten. Ein weiterer Punkt sind die Kosten, die jedes Studio natürlich so gering wie möglich halten möchte. Trotz des engen Zeitrahmens wird von den Synchronschauspielern enorme Präzision und Konzentration erwartet mit mindestens 200 Takes (Sprechphasen) am Tag.

Die Illusion einer Einheit

Die Anonymität der Synchronschauspieler hängt wohl auch damit zusammen, dass die Eindeutschung des Filmdialogs die Illusion erzeugen soll, die Schauspieler sprächen deutsch. Die Synchronstudios schaffen somit eine Einheit zwischen den Akteuren auf der Leinwand und ihren deutschen Stimmen. Diese Illusion kann nur funktionieren, wenn sie dem Zuschauer nicht bewusst wird. Während eines Films sollte also nach Möglichkeit nicht der Gedanke aufkommen, dass hier Christian Brückner seinen Text in der Sprecherkabine einspricht, sondern das es Robert De Niro ist, der hier spricht. Zu einer perfekten Illusion gehört auch, dass die Synchronisation möglichst passgenau lippensynchron verläuft. Daran lässt sich unter anderem festmachen, ob eine Synchronisation gut oder schlecht gelungen ist. Den Synchronschauspielern wird ein hohes Maß an Professionalität und Erfahrung abverlangt, um schnell und präzise arbeiten zu können. Die Synchronisation soll passen und unauffällig sein, um den Zuschauer nicht abzulenken.

Wenn man zu der bekannten Stimme von Leonardo DiCaprio plötzlich ein ganz anderes Gesicht sieht, zum Beispiel das seines Sprechers Gerrit Schmidt-Foß, oder Julia Roberts mit einer ungewohnten Stimme hört, wirkt das auf den Zuschauer sehr irritierend. Wir alle haben sicherlich schon einmal diese Erfahrung gemacht und eine Synchronstimme als unpassend empfunden, oder die plötzliche Ersetzung einer gewohnten Stimme durch eine andere miterlebt. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche Stimme von Marge Simpson, die nach dem Tod Elisabeth Volkmanns von Anke Engelke übernommen wurde. Viele Fans mussten sich daran erst gewöhnen. Aber warum spielt die Stimme bei uns Zuschauern eine so große Rolle?

Die Stimme verleiht Identität

Der Zuschauer definiert eine Filmrolle oder einen Schauspieler vor allem durch seine Stimme, deshalb muss diese passen und darf nicht beliebig übergestülpt werden. Thomas Bräutigam, der 2001 das Lexikon der Synchronsprecher veröffentlichte, behauptet es gebe nichts persönlicheres als die Stimme. Sie sei für den Gesamteindruck wichtiger als ein korrekter Dialog. Seiner Meinung nach nimmt die deutsche Stimme nicht nur Einfluss auf das Image eines Schauspielers, sondern auch auf die Rezeption des Films. Farbe, Rhythmus, Fülle und Stärke einer Stimme würden Rückschlüsse auf den Charakter und die Psyche des Sprechers zulassen. Je nachdem ob eine Stimme eine warme, kalte, weiche oder harte Klangfarbe habe, assoziiere der Zuschauer analoge seelische Eigenschaften mit ihr. Es kommt bei der Synchronisation also nicht darauf an, ob eine Stimme Ähnlichkeit mit der Originalstimme eines Schauspielers hat, sondern ob sie zum Filmcharakter passt.

Über die Synchronstimme assoziiert und stereotypisiert der Zuschauer die dargestellte Figur. Eine Interpretation der Rolle wird schon durch die Stimme vorweggenommen, denn sie verleiht einer Figur nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Identität. Wie enorm dieser Effekt ist zeigt das Beispiel John Wayne. Im Deutschen leiht Arnold Marquis dem Westernhelden seine berühmte raue Stimme und unterstreicht somit das Rollenverständnis des verwegenen und harten Cowboys. John Waynes Originalstimme dagegen ist sehr weich und geschmeidig, was ihm ein völlig anderes Auftreten verleiht. Diese Ambivalenz zwischen Rolle und Stimme kann einen Charakter aber auch umso interessanter machen.

Christian Brückner, Stimme von Robert De Niro u.a. © Helen Krüger 2010 bei Wikipedia

Stammbesetzungen sind nicht die Regel

Synchronsprecher arbeiten in der Regel freiberuflich, manchmal ergeben sich jedoch Stammbesetzungen, wie beispielsweise bei Christian Brückner, der schon seit vielen Jahren Robert De Niro synchronisiert und wegen seiner markanten Stimme auch als „The Voice“ bekannt ist. Dazu gehört ebenso Manfred Lehmann, die Stimme von Bruce Willis. Bis ein amerikanischer Schauspieler eine feste Synchronstimme bekommt dauert es aber oft längere Zeit. Diese festen Paarbildungen sind jedoch nicht die Regel, da die Synchronsprecher oft mehreren Schauspielern ihre Stimme leihen. Stammbesetzungen entstanden in der Vergangenheit oft zufällig. Man wählte einfach die Stimme, die schon mal in einem anderen Film gehört wurde und so entwickelten sich bestimmte Dauerbeziehungen.

Es kommt häufig vor, dass Produzenten sich plötzlich für jemand anderes entscheiden, weil sie etwas Neues ausprobieren wollen. Trotzdem ist die Gewöhnung des Publikums an eine bestimmte Kombination von Stimme und Person nicht zu unterschätzen. Tobias Meister, der Stammsprecher von Brad Pitt wurde beispielsweise bei dem Film „Troja“ durch einen anderen ersetzt, was seine Kollegen und auch die Kinozuschauer irritierte. „Ich wurde noch auf keinen Film so oft angesprochen wie auf den, den ich nicht gemacht habe“ (Tobias Meister). Dass Synchronstimmen ausgetauscht werden, liegt unter anderem auch daran, dass die Produktionsfirmen sich nicht abhängig machen wollen, aus Angst die Sprecher könnten eine höhere Gage verlangen. In seltenen Fällen werden die Synchronstimmen von den Produzenten selbst ausgesucht, was zeigt wie wichtig die passende Stimme für die Vermarktung der Filme ist.

Bei einem Star die gleiche gewohnte Stimme zu hören ist also für den Zuschauer nicht unwichtig. Während eines Films identifizieren wir uns mit den Figuren und begleiten sie durch die Handlung. Die Stimme und der Schauspieler bilden eine Einheit. Ständige Wechsel hätten für den Zuschauer vermutlich einen illusionsstörenden und entfremdenden Effekt.
Besonders die Stimmen der Stammsprecher, die sie den Hollywoodstars schon über viele Jahre hinweg leihen, besitzen eine enorme Präsenz beim Filmpublikum. Umso erstaunlicher erscheint da die Anonymität der Sprecher selbst. Trotz ihrer anspruchsvollen und bemerkenswerten Leistung werden sie niemals in einem Abspann erwähnt. Doch was wäre zum Beispiel „Der Pate II“ ohne die raue, markante Stimme von Christian Brückner alias Robert De Niro, die wir kennen und lieben?

Quellen:
Bräutigam, Thomas: Stars und ihre deutschen Stimmen. Lexikon der Synchronsprecher. 2. Auflage. Marburg:  Schüren-Verlag 2009.

Pahlke, Sabine: Handbuch Synchronisation. Von der Übersetzung zum fertigen Film. Leipzig: Henschel Verlag. 2009.

Maier, Wolfgang: Spielfilmsynchronisation. Frankfurt am Main: Peter Lang 1997.

Pruys, Guido Marc: Die Rhetorik der Filmsynchronisation. Wie ausländische Spielfilme in Deutschland zensiert, verändert und gesehen werden. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1997.

Wahl, Chris: Das Sprechen des Spielfilms. Über die Auswirkungen von hörbaren Dialogen auf Produktion und Rezeption, Ästhetik und Internationalität der siebten Kunst. Trier: WVT 2005.