Unterwasserlärm – Stress der Tiefen

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Genervt und sauer sind die meisten von uns, wenn in der Früh ein Presslufthammer den Schlaf brutal beendet. Eine Baustelle in der eigenen Straße ist für viele der Horror, aber immerhin haben wir meist einen Nutzen davon und wissen, dass der Krach uns nur für einen begrenzten Zeitraum belästigt. Außerdem ist der Lärm ‚lediglich‘ von morgens bis abends da, nicht aber nachts, sodass uns immerhin unsere Bettruhe bleibt. Andere haben es da nicht so gut.

So wurde das Meer im Laufe des letzten Jahrhunderts irgendwann zur Dauerbaustelle ohne festgelegte Arbeitszeiten und ohne Nutzen für seine Bewohner. Seit geraumer Zeit herrscht unter Wasser unvorstellbarer Krach, mit dem die Tiere leben müssen, ob sie wollen oder nicht. Während wir versuchen, das Leben über der Wasseroberfläche mit Flüsterasphalt und Schallmauern möglichst ruhig zu gestalten, sorgen wir gleichzeitig dafür, dass es in den Meeren immer lauter und unerträglicher für ihre Bewohner wird.

Unvorstellbar laut

Wer noch daran glaubt, dass die Lebewesen im Meer wie im Film Arielle die Meerjungfrau fröhlich vor sich her leben, vertut sich. In unseren Ozeanen gibt es Lärmquellen, die die Ozeane mit mehr als 260 Dezibel (dB) beschallen. Vorsichtig geschätzt ist der Schalldruck unter dem Meer damit über 10.000-mal so groß wie der eines Presslufthammers in einem Meter Abstand. Und auch andere Geräusche, die für uns nur mit Ohropax oder anderen Hilfsmitteln zu ertragen sind, wie der mit 175 dB vernehmbare Start einer Weltraumrakete, wirken dagegen nahezu lächerlich leise.

Für uns Menschen liegt die Schmerzgrenze bei ca. 130 dB, trotzdem sind wir diejenigen, die den schlimmsten Lärm verursachen. Im Meer liegen viele Schätze, ohne die wir auf eine Menge Luxus verzichten müssten. So finden nahezu ständig seismische Untersuchungen des Meeresbodens statt, in der Hoffnung auf weitere Erdöl- und Erdgasvorkommen zu stoßen. Dazu kommen die schon bestehenden Ölbohrungen und Bauarbeiten, die teilweise eigentlich einen umweltfreundlichen Zweck haben. So werden im Meer riesige Offshore-Windparks gebaut, die jedoch allein bei ihrer Entstehung eine erhebliche Belastung für die Tiere darstellen.

Eine weitere andauernde Lärmquelle ist der allgemeine Schiffsverkehr und das Sonar, das seit dem 2. Weltkrieg zunehmend vom Militär zur Erkundung der Unterwasserwelt eingesetzt wird. Dieses ermöglicht es zwar, dank dem so genannten LFAS (Low Frequency Active Sonar), über 80% der Weltmeere auszuhorchen und mit ihrer Hilfe Feinde aufzuspüren, doch für die Tierwelt ist dieses ebenso schädlich wie alle anderen „Unterwasserkrachmacher“.

Für die Tiere eine Tortur

Für die Meeresbewohner sind solche Lärmquellen nicht auszuhalten. Aufgrund der Evolution haben viele der Tiere ein extrem sensibles Gehör entwickelt. Das brauchen sie auch, denn unter Wasser herrschen besondere Lebensbedingungen. Es ist so dunkel, dass man kaum etwas sieht, dafür verbreitet sich der Schall dort ca. fünfmal schneller als über der Wasseroberfläche und übersteht auch viel längere Distanzen. Das liegt daran, dass es praktisch keine Hindernisse wie Berge oder Häuser gibt. Die Tiere nutzen das zu ihrem Vorteil, als Beispiel reicht allein ein Blick auf die Wale: Diese nutzen den Schall zur Kommunikation untereinander, zur Orientierung und zur Echoortung von Beutetieren. Besonders die Zahnwale (Schweinswale, Delphine, Pottwale) haben ihr Gehör perfektioniert: So wie wir Menschen in einer Sehwelt und Hunde in einer Geruchswelt leben, leben sie in einer Geräuschwelt. Das Dasein, das sie mit dem Dauerlärm fristen, ist vergleichbar mit dem Leben eines Menschen, der unter grauem Star leidet oder dauerhaft etwas im Auge hat. Nur dass dies im Meer nicht Einzelne trifft, sondern einen Großteil der Tiere.

Immer mehr von ihnen leiden unter den Lärmmassen, wobei die Schadenswirkung unterschiedlich sein kann. Bei Walen endet es nicht selten mit Strandungen. Denn diese Tiere rufen ihre Artgenossen in einem tiefen Frequenzbereich zwischen 50 und 400 Herz, den auch Schiffsmotoren besetzen. Die Tiere können sich also nicht mehr gegenseitig hören und verlieren die Orientierung. Für die bedrohte Art kein gutes Zeichen, da allein seit den sechziger Jahren auf diese Weise laut der amerikanischen Umwelt- und Friedensforschungsorganisation Natural Ressources Defense Council ca. 420 Wale ums Leben gekommen sein sollen.

Doch auch wenn es nicht so drastisch endet, haben die Tiere mit dem Krach zu kämpfen. Was aus der Welt der Vögel schon bekannt ist, gilt auch für die Wasserlebewesen. Vögel kommunizieren über Geräusche. Um gegen den Lärm, der in den Städten herrscht, anzukämpfen, sind sie gezwungen, immer lauter zu singen. Dasselbe gilt für Wale. Sie versuchen den Lärm zu überbieten, scheitern aber meist daran. Oft haben sie Gehörschäden und gar keine Möglichkeit mehr, ausreichend zu kommunizieren.

Nicht nur die Riesen der Meere sind von dem Lärm betroffen, sondern so ziemlich alle Unterwasserlebewesen. Vor kurzem zeigte eine Studie, dass Fische sich bei Lärm schlechter auf die Futtersuche konzentrieren können. Jeder Mensch kennt wohl selbst das Problem, wenn er vor einer (schwierigen) Aufgabe steht und es laute Hintergrundgeräusche gibt. Mit der Konzentration hapert es da mal schnell und folglich fällt es schwer, die Aufgabe zu lösen. Kürzlich berichteten spanische Forscher, dass Kopffüßer (bspw. Tintenfische, Kraken) durch Töne niedriger Frequenzen massive Traumata an Gleichgewichts- und Hörsinn erfahren. In ihren Untersuchungen zeigte sich, dass auch Arten, die bei ihren alltäglichen Aktivitäten nicht offensichtlich auf ihren Hörsinn angewiesen sind, deutlichen Schaden nehmen und das dauerhaft. Der Schall verursache erhebliche Veränderungen der Sinneshaarzellen in den so genannten Statozysten der Weichtiere, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt “Frontiers in Ecology and the Environment”. Diese Organe sind wichtig für die Wahrnehmung von Gleichgewicht und Position im Wasser. Frühe Experimente haben gezeigt, dass Kopffüßer ohne funktionierende Statozysten nicht mehr in der Lage sind, sich schwimmend fortzubewegen, sie können nur noch mühsam über den Boden kriechen. Wer also bisher dachte, dass ihn der Lärm unter Wasser nicht betrifft, liegt falsch. Können die Tintenfische nur noch kriechen, wird es mit der Fortpflanzung schwierig und somit wird man in Zukunft auf diese als Nahrungsmittel verzichten müssen.

Besserung ist möglich

Zwar scheint es nicht realisierbar, den Krach der Unterwasserwelt auszustellen, wollen wir unser Leben nicht drastisch verändern. Ein paar Möglichkeiten bieten sich aber trotzdem, um die Situation immerhin zu verbessern. Relativ bekannt ist die Kampagne Sonar Sucks, auf die auch die Band Itchy Poopzkid mit ihrem Video zum Song “Why still bother” aufmerksam macht.

Die Kampagne kann man einfach per Online-Petition unterstützen. Ihre Vorschläge konzentrieren sich vor allem darauf, in Schutzgebieten komplett auf den intensiven Lärm zu verzichten und ihn ansonsten mit Hilfe verbesserter Technik wenigstens zu reduzieren. Zusätzlich bieten sie Tipps, damit jedermann seinen Teil zum ruhigeren Meer beitragen kann. So raten sie von Bootstouren zur Betrachtung von Tieren ab und empfehlen, das Auto möglichst oft stehen zu lassen. Schließlich trägt die Ölindustrie einen großen Anteil zur Beschallung der Meere bei.

Wo wir schon so sehr darauf achten, dass wir nicht im Lärm ersticken, sollten wir vielleicht auch ein Auge (oder besser ein Ohr) darauf haben, welche Geräusche wir anderswo produzieren.

 

Übrigens hat J.P Lagardére schon 1982 herausgefunden, dass auch zu laute Filter in Aquarien zu Verhaltensstörungen bei Fischen führen können. So kann zu viel Lärm psychische und physische Folgen für die ruhigen Haustiere haben. Viele Fische wachsen nicht vollständig aus oder haben Probleme mit der Fortpflanzung. Gleichzeitig kommt es vor, dass sie Schwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme haben und aggressiv werden. So wurde beobachtet, dass manche Fische begannen, sich gegenseitig aufzufressen.

Wer möchte, dass sich die Unterwasserlebewesen wohlfühlen, sollte also darauf achten, ihnen ihre Ruhe zu gönnen.

 

Quellen: