Der Ton – Eine unglaubliche Macht

Komm mir nicht mit eingängigen Werbeslogans oder politischen Propagandareden. Wie die nicht hörbaren Töne die Macht über unser Gehirn erhielten und warum das nicht unbedingt beruhigend sein sollte.

Prof. Gordon Zellaby ist ein Hollywood-Held wie er im Buche steht: Der pensionierte Physiker aus dem Film „Das Dorf der Verdammten“ ist 1,92 Meter groß, hat ein männliches Kinn, gepflegtes Haar und macht zu jeder Zeit einen aufgeklärten, seriösen und gefestigten Eindruck. Im Laufe des Films wird Prof. Gordon Zellaby Vater eines liebenswerten Kindes. Klassisches Hollywood, könnte man sich denken: Der Vater und der Sohn führen eine Bilderbuchbeziehung und haben stets das Happy End vor Augen. Doch dann entscheidet sich der Professor, die Schule mit seinem Sohn in die Luft zu sprengen.

Der Film „Das Dorf der Verdammten“, der 1960 in den Kinos lief, erzählt die Geschichte eines Dorfes, das von Außerirdischen besucht wird. Zwölf der Anwohnerinnen gebären daraufhin Kinder, die seltsamerweise auffällige Ähnlichkeiten zueinander aufweisen. Schnell kommt Prof. Gordon Zellaby dahinter, dass die Kinder nicht nur überdurchschnittlich intelligent sind, sondern auch telepathische Fähigkeiten besitzen. Jedoch nutzen die Kinder diese Fähigkeit, um die friedliche Dorfgemeinschaft zu terrorisieren und einzelne Anwohner in den Selbstmord zu treiben. Damit dieser Schrecken endlich eine Ende hat, sprengt Prof. Gordon Zellaby die Kinder, seinen Sohn und sich selbst in die Luft. Dabei konnte er sich bis zu letzt den telepathischen Attacken der Kinder, die seinen Plan entlarven wollten, widersetzen.

Telepathie“ heißt die Fähigkeit, Gedanken lesen oder übertragen zu können. Allerdings gibt es bis heute keine empirischen Belege für die Existenz von Telepathie, geschweige denn allgemein anerkannte wissenschaftliche Theorien. Somit stellt sich die Frage, ob es nicht vielleicht technisch möglich sei, Botschaften zu übertragen, ohne das der Empfänger diese bewusst mit seinen Sinnen wahrnimmt. Oder, dass eine Person die Botschaft hören kann, aber eine andere Person nur wenige Meter daneben nicht. Die Frage ist schließlich berechtigt, da es die Menschheit in den letzten 50 Jahren zu fantastischen technischen Errungenschaften gebracht. Wir können nun auf dem Mond spazieren gehen und unsere Autos mit Rapsöl antreiben.

Das Unterbewusstsein hört alles

Im Jahr 1992 patentierte Oliver Lowery eine neue Technologie namens Silent Subliminal Presentation System (SSPS), zu deutsch das stille, unterschwellige Darstellungssystem. Die Funktion dieser Technologie liegt darin, unterschwellige Botschaften über Lautsprecher zu senden, ohne das der Rezipient die Botschaft bewusst wahrnimmt. Lowery fand heraus, dass sich die Botschaft in Form eines sehr hochfrequenten Tons (Ultraschall) modulieren lässt. Ähnlich der Radiowellen wird der Ton entweder mittels der Amplitude (AM) oder der Frequenz (FM) verändert. Der modulierte Ton wird dann vom Trommelfell empfangen und vom Unterbewusstsein weiterverarbeitet. Das verblüffende daran ist, dass der Ton aus Frequenzen besteht, die sich im oberen Bereich des menschlich Hörbaren befinden. Somit können die meisten Menschen diesen Ton nicht hören. Und selbst wenn sie es könnten, dann hören sie nur einen sehr hohen und schrillen Ton. Der modulierte Ton kann also nicht bewusst gehört werden; wird aber vom Unterbewusstsein verstanden und verarbeitet.

Die Anwendung unterschwelliger Botschaften

Das us-amerikanische Unternehmen BrainSpeak nutzt diese Technologie kommerziell. Die angebotenen Selbsthilfe- CDs versprechen:

„BrainSpeak® creates a deep resonace between your conscious and your subconscious mind, leading you to new levels of personal power, mental exellence, and self-realization.“

So finden sich Titel, die dem Zuhörer zu mehr Leistungsvermögen, strategischem Denken, Motivation oder Kreativität führen sollen. Vielleicht ist das sogar der Weg endlich, für alle Zeiten, Nichtraucher zu werden.

Eine Weiterentwicklung dieser Technologie soll erfolgreich vom us- amerikanischen Militär während  des Einsatzes „Desert Storm“ im Irak eingesetzt worden sein. Laut eines Medienberichts der Nachrichtenagentur Reuters wurde das irakische Radioprogramm mit unterschwelligen Botschaften ausgestattet. So wird behauptet, dass die patriotische irakische Musik die Iraki´s unterschwellig dazu anregte, sich friedlich zu ergeben.

Holosonic – Der Sound der Zukunft

Anfangs stellte sich noch eine ganz andere Frage: Ist es technisch möglich, eine Botschaft zu senden, die von einer Person bewusst wahrgenommen werden kann, aber von einer weiteren nahestehende Person nicht mehr gehört wird? Wenn Technologien sprechen könnten, dann würde die Antwort der Holosonic-Technologie „Ja, es geht!“ lauten.

Die Technologie ist oft unter Begriffen wie Audio Spotlight, Schall-Laser oder Holosonic zu finden und arbeitet mit nicht hörbaren Ultraschallfrequenzen. Dabei wird das auditive Signal nach bestimmten mathematischen Formeln, die die Nicht-Linearität der Luft berücksichtigen, in ein Ultraschallsignal moduliert. Mit Hilfe eines Lautsprechers wird die nicht hörbare Ultraschallfrequenz nur in eine bestimmte Richtung ausgesendet. Das auditive Signal wird somit lediglich für diejenigen hörbar, die sich im Bereich des ausgesendeten Ultraschallstrahls befinden. Dass das Ultraschallsignal hörbar wird liegt daran, dass die Luft in diesem Bereich stark in Schwingung versetzt wird und somit der wahrnehmbare Ton erst direkt im Ohr entsteht.

Diese Technologie wird seit dem Jahr 2000 von der us-amerikanischen Firma Holosonics kommerziell vertrieben. Laut der Website hat diese Technologie schon jetzt in tausende Museen, Büros, Showrooms, Warteräume, Kaufhäuser, Messen und Bibliotheken Einzug gehalten. Unter den  Kunden befinden sich auch zahlreiche bekannte Unternehmen.

Es wäre zumindest vorstellbar, dass diese Technologie unseren privaten Alltag erleichtert. Man braucht sich nur mal die Möglichkeiten vorzustellen. Eine Person schaut einen unterhaltenden Film im Fernsehen und die zweite Person im Raum hört sich das Lieblingsalbum über die Stereoanlage an, ohne sich gegenseitig zu stören. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Nachbarn über zu laute Musik am Wochenende beschwerten.

Einen Wermutstropfen hat jedoch das Ganze. Denn was ist der schönste Actionfilm, wenn eine Explosion im Film nicht durch den Bass am ganzen Körper spürbar wird. Und was ist das schönste Musikstück, wenn es nicht jede Zelle mitreißt. Das können Ultraschallfrequenzen leider nicht!

Die beiden hier vorgestellten Technologien beleuchten vor allem zwei Dinge. Einerseits ist es technisch möglich, Menschen mit Hilfe ihres Unterbewusstseins zu beeinflussen. Andererseits kann die Beschallung im Raum eingegrenzt werden, so dass potentielle Rezipienten vom hörbaren Signal nichts wahrnehmen können. Dennoch gilt es an dieser Stelle, den durchaus positiv beschriebenen Vorzügen der Technologien etwas entgegenzusetzen. Wie oft der Sinn und der Nutzen einer Technologie von dessen Gebrauch abhängig ist, so ist es auch hier. Die Frage ist doch, wie sehr wir noch von der unterschwelligen Beeinflussung beeindruckt sind, wenn wir nicht mehr bloß das Rauchen mit ihrer Hilfe aufgeben können, sondern wir von der Konsumindustrie beeinflusst werden nur noch bestimmte Produkte kaufen zu wollen. Wir werden es gar nicht bemerken! Oder was ist, wenn mit Hilfe dieser Technologie kritisches Gedankengut unter die Bevölkerung gestreut wird? Oder wie ist es zu sehen, wenn beispielsweise blinde Menschen auf Tonquellen vertrauen müssen, um sich im Raum orientieren zu können; diese Tonquellen aber nicht mehr hören?

So beware of the inaudible!

Literaturverzeichnis