Musik und Ritual – die Rolle von Klang im Kultus (Teil I von II)

Foto von pixelio.de © Rainer Sturm

Fragt man Passanten auf der Straße, was sie mit dem sonntäglichen Kirchengang verbinden, bekommt man Antworten wie „Kirchenglocken, die zur Messe rufen“, „gemeinsam Lieder singen“, „Predigten“ oder „Orgelmusik und den Kirchenchor hören“. Was sich nur wenige der Befragten bewusst machen ist die Tatsache, dass es sich hier ausschließlich um Klänge handelt.

Diese Beitragsserie beschäftigt sich mit der Rolle von Klang im performativen Ritual des Kultus. Es wird untersucht was Glauben, Beten und der Ritus an sich mit dem Hören zu tun und welche Bedeutung Klänge für das Messritual haben. Würde dieses ohne sie überhaupt noch seinen Zweck erfüllen und wenn ja, wie wird die Messe dann durch Klänge, Gesang und Musik beeinflusst?
Zur Beantwortung dieser Fragen muss zuerst eine Verbindung zwischen Hören und dem Gottesdienst hergestellt werden, was sich als recht einfach gestaltet. Berger bezeichnet das Hören als „Grundtätigkeit aller, die am Kultus teilnehmen“ (Berger, 1995: 17), somit wird deutlich, dass die Hörtätigkeit der zentrale Zugang zum Ritual einer Messe jeglicher Form ist. Denn „der Kultus ist ein Wort-Kultus“, schreibt Berger weiter. Wer kennt das Phänomen nicht, wenn die Begeisterung über eine inbrünstig vorgetragene Rede erlischt, wenn man das dröge, trockene Skript vor sich sieht. Um was es hier und auch im Gottesdienst geht ist die Performance. Der performative Akt der gesprochenen Worte, die durch Musik und Gesang untermalt, betont und somit gefällig und einprägsam gemacht werden.

Musik als Ausdruck der Seele

„Musik wird als unmittelbare Seelensprache erlebt, weil sie ohne den Umweg über den Verstand und seine intellektuellen Filter wirkt. So kann sie gerade im kultischen Zusammenhang Unermessliches leisten: Seelen-einstimmend und dadurch Gemeindegefühl erzeugend; Seelenöffnend und dadurch Vertiefung bewirkend“ (Berger, 1995: 19f).

Berger spricht immer wieder von der „Seele“ auf die die Musik in der Messe einwirkt. Er knüpft damit an Forschungsergebnisse aus dem Diskurs der Musikpsychologie und Musiktherapie an, die hier nicht im Einzelnen wiederholt werden können. Für den Ritus ist entscheidend, dass durch die Wirkung auf den Rezipienten ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen wird, das sich in Einzelfällen zu einer rauschähnlichen Ekstase steigern kann.

Generell wird der Ritus durch die immer gleiche Abfolge und Wiederholung bekannter und emotional aufgeladener Handlungen zu einem gesellschaftlichen Habitus. Dadurch schafft er für den modernen Messebesucher eine Stabilität und ein bleibendes Konstrukt außerhalb des unmittelbaren Alltags. Dies geschieht nur durch passive Rezeption, ohne bewusste Einwirkung des Verstandes und Rationalität. Gerade hier wird die Wirkung über das Hören wichtig. „Hörend Aufgefasstes lebt in uns zunächst weniger intellektuell als gemüts- und willensmäßig“ (Ebenda, 18).

Generell wird der Kultus an vier festgelegten Stellen von Musik begleitet: Zu Beginn, nach dem Glaubensbekenntnis, nach dem Vaterunser und zum Ausklang. Natürlich kann dies je nach Ort oder Anlass der Messe variiert werden. Meist wird die Musik durch die Orgel und/oder einen Chor erzeugt. Zu besonderen Anlässen wie einer Trauung oder an religiösen Festtagen wird dieser Canon jedoch beliebig erweitert. Die meiste Kirchenmusik ist daher bis heute liturgisch gebunden, das heißt, bestimmte Stücke werden nur zu bestimmten Zeiten und Anlässen im Kirchenjahr gespielt, was maßgeblich zur Stabilität des Rituals beiträgt.

Oft wird jedoch noch einmal spezifisch zwischen der Wirkung eines Chors und eines Orchesters unterschieden. Singt ein Chor, wird „der Wortorganismus der Handlung mit zusätzlichen Texten durchsetzt“, wie Berger schreibt. Das bedeutet, die Messebesucher werden aus der Rolle der aktiven (selbst-)Sänger zu passiven Zuhörern nicht nur der Musik, sondern auch des gesungenen Wortes. Die Musik wird dadurch zum Katalysator unserer inneren Empfindungen und drückt das aus, was der Ritus transportieren möchte. So wird zum Beispiel das Abendmalritual nicht mehr als der kannibalistische Akt gesehen den es darstellt, sondern wirkt viel mehr als eine Art Kraftquelle für viele Messebesucher. Die Opferzeremonie ist der zentrale Moment des Kultus. Wenn Jesu Leib und Blut unter den Gläubigen geteilt und verzehrt werden, erklingt nicht nur feierliche Musik, sondern auch drei Mal die Kirchenglocken, sowie die Schellen der Messdiener, um die Wichtigkeit anzudeuten und den Höhepunkt des Rituals zu markieren.

Die Kirchengesänge Kyrie und Gloria

Als Weiteres, nicht deklamatorisches Beispiel habe ich die zwei bekannten Kirchengesänge Kyrie und Gloria gewählt, um die Umsetzung der Ritusstrukturen durch Klang deutlicher zu machen. In der Liturgiewissenschaft trifft man häufig auf den Begriff „Die Kyrie-Gloria-Struktur“, der den dramaturgischen Bogen eines Gottesdienstes bezeichnet und genau diesen Vorgang erklärt.

„Wir beginnen als unwürdige, bittende Geschöpfe, (Kyrie eleison: Herr, erbarme Dich unser), doch wir werden trotz unserer Unwürdigkeit der göttlichen Gnade teilhaftig. Ausdruck dieses Geschehens ist die Kommunion. Aus dem Erleben der Rettung und Heilung von der Sündenkrankheit entsteht die rechte Stimmung des „Gloria“, des Lobens und Dankens (Gloria in excelsis Deo: Ehre sei Gott in den Höhen). Diese beiden Pole bilden gleichsam die unabdingbaren Eckpfeiler, ohne die es keinen inneren Weg durch die Messe geben kann“ (Berger, 1995: 37).

Um Erlösung zu erreichen, muss das Eingeständnis der eigenen Schuldhaftigkeit und Unvollkommenheit vorausgehen. Erst auf das Gefühl der Unreinheit und Gottverlassenheit kann die Katharsis, die innere Reinwaschung von Sünden, musikalisch ausgedrückt durch das Kyrie erfolgen. Es schließt sich die Danksagung an Gottes Gnade und der Lobgesang in Form des Gloria an.
Als drittes Beispiel kann die „Fastenzeit“ angeführt werden. In den 40 Tagen nach Ostern sollen sich gläubige Christen in Enthaltsamkeit üben. Demzufolge werden die Gottesdienste ohne Orgel, nur mit Gebet und wenig Gesang abgehalten. Hier spiegelt der Verzicht auf Klang die Enthaltsamkeit der Gläubigen wider und soll sie an ihre Pflicht zu fasten erinnern und unterstützen.
Auf die genaue Art und Weise wie Klänge, speziell die der Sprache und Musik, die eigentliche Performativität einer Messe beeinflussen und was dies bei den Rezipienten bewirkt, wird im zweiten Teil dieser Serie näher eingegangen.

Hier sei als Zwischenfazit festgehalten, dass Musik und Klang nicht nur schmückendes Beiwerk des Ritus sind, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil des Rituals Gottesdienst darstellen. Musik und Klang bewirken und intensivieren dessen Emotionalisierung, indem sie den Rezipienten unmittelbar ansprechen und seine Gefühle und Befindlichkeiten beeinflussen.

Quellen:

Berger, Frank: Musik im Kultus. Verlag Urachhaus GmbH, Stuttgart: 1995.

Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 2004.

Nöcker-Ribaupierre, Monika (Hg.): Ritual, System, Ressource. Konzepte der Musiktherapie. Reichert Verlag, Wiesbaden: 2005.

Schweizer, Rolf: Ritual und Aufbruch. Kirchenmusik zwischen pädagogischem Handeln und künstlerischem Anspruch. Strube Verlag GmbH, München: 1996.