Musik und Ritual – die Rolle von Klang im Kultus (Teil II von II)

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Anschließend an den ersten Teil dieser Serie soll darauf eingegangen werden, wie musikalische Klänge und das gesprochene Wort die Performativität des Ritus beeinflussen. Es schließen sich die Fragen an, ob auch bei anderen Formen des Rituals dieselbe Wirkweise von Klängen zu beobachten ist und ob der Ritus daher als Beispiel für andere Formen von Ritualen gesehen werden kann. Dazu muss aber erst einmal geklärt werden, was unter einem performativen Akt zu verstehen ist.

Der performative Akt

 Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte definiert den performativen Akt nach John Austin und sieht die gleichzeitige Anwesenheit von Akteuren und Zuschauern als zwingende Voraussetzung für jede Form von Performativität. Erst durch die Anwesenheit und Reaktion des Publikums kann der performative Akt des Ritus‘ entstehen. Die Rezipienten sind ein wichtiger Teil des Rituals, da sie es mit ihrer individuellen Aufnahme und Verarbeitung erst wirksam machen. Durch diesen Vorgang konstruieren sie, zusammen mit den Performern, eine neue Wirklichkeit. So werden neue Identitäten geschaffen, im Fall des Ritus sind dies die der um Erlösung bittenden Sünder und die des Repräsentanten Gottes. Fischer-Lichte schreibt dazu:

„Die körperlichen Handlungen, die als performativ bezeichnet werden, bringen keine vorgängig gegebene Identität zum Ausdruck, vielmehr bringen sie die Identität als ihre Bedeutung allererst hervor“ (Fischer-Lichte, 2004: 37). Daher kommt Fischer-Lichte zu dem Schluss: „Identität – als körperliche und soziale Wirklichkeit – wird stets durch performative Akte konstruiert“ (Ebenda).

Der gläubige Sünder

Betritt der Gläubige den Schauplatz der Aufführung, also die Kirche, wird er somit zu einem Teil des Ritus, der ihm eine bestimmte Funktion zuordnet. Seine eigentliche Identität bleibt dabei objektiv gesehen unbeachtet, er ist in der Rolle als Sünder beliebig auswechselbar und nur auf seine Funktion beschränkt. Subjektiv gesehen ist der Kirchgang für den Gläubigen selbst jedoch von immenser Bedeutung.

Hier muss auch der Unterschied zwischen den Rezipienten und den Leitern und Performern des Rituals (Priester, Küster, Orgelspieler, Chor etc.) betont werden. Diese sind nicht beliebig austauschbar, da sie für das Ausüben ihrer Rolle über wichtiges Wissen verfügen. Nur der Priester darf vor der Gemeinde predigen, nur der Orgelspieler weiß, wie man mit dem Instrument umgeht und auch der Chor ist auf seine Aufgabe hin geschult. Sollte ein Gemeindemitglied zufälligerweise dieselben Kenntnisse haben, bleibt dies unbeachtet. Niemand käme auf die Idee, sich anstelle des Priesters vor die Gemeinde zu stellen, selbst wenn er oder sie Theologiekenntnisse hätte. Diese Konventionen bleiben immer gleich und werden weder nach Anlass noch nach Besetzung geändert.

Musik schafft Gemeinschaftsgefühl

Somit zeigt sich deutlich, wie die eigene Realität des Ritus geschaffen wird. Hier setzt die Rolle der Musik ein. Schweizer nennt in seinem Buch wichtige Gründe, wieso die Gemeinde zum Mitsingen bewegt werden soll. Zum einen führt er „die Möglichkeit, als gleichberechtigter Partner mit Pfarrer, Organist und Chören den Gottesdienst vollgültig mitzugestalten […]“ (Schweizer, 1996: 18)  an, zum anderen die atmosphärische Wirkung von Musik und Sprechchören. Dies führt er auf den hohen Grad an gemeinsamem Erleben zurück, das eben jede Wirkung der Musik im Kultus ausmacht.

Auch in der Bibel und in den alten Schriften werden der Musik therapeutische und göttlich-heilende Kräfte zugesprochen. Auch David wurden solche Kräfte zugeschrieben, als er mit seiner Harfe vor dem depressiven König Saul spielte. „Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und es wurde besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm“ (Samuel, 1: Kapitel 16, Vers 23, nach Schweizer, 1996: 10f. ) . Dies ist nur ein Beispiel von vielen Bibelstellen wo Instrumente, Gesang und Musik als Ausdruck göttlicher Kraft genannt werden. Heute würde man dies unter Beeinflussung der Psyche zusammenfassen.

„[…] so scheinen die Menschen unserer Tage wieder das ‚Ritual’ die erlebnismäßige Komponente, bzw. die Meditation und die Verinnerlichung zu suchen, denn nur so können sie den ständigen Bedrohungen ihrer Existenz und den immer lauter werdenden moralischen und politischen Appellen sowie den unzähligen Zerstreuungsangeboten standhalten. Zweifellos bietet die Kirchenmusik hier einige Ansatzpunkte, die auch von jenen für sich in Anspruch genommen werden, die sich nicht mehr völlig mit der Kirche und ihrer Lehre identifizieren können“ (Ebenda, 25).

Durch Musik wird das Ritual geschaffen

Es zeigt sich also, dass Musik eine Bedingung für die performative Wirkung des Ritus ist.
Die Messe selbst ist eng mit dem generellen Ritual verbunden. Sie kann stellvertretend für jedes geführte Gruppenritual gesehen werden und funktioniert nach denselben Strukturen und Richtlinien. Nicht nur vom Wortstamm her hängen ‚Ritus‘ und ‚Ritual‘ zusammen. So leitet sich „Ritual“ vom lateinischen „ritualis“ ab, was mit „den Ritus betreffend“ übersetzt werden kann. Historisch betrachtet hängen beide eng zusammen. Jedes Ritual findet seinen Ursprung in dem (meist heidnischen) Glauben und der religiösen Zeremonie.

Abschließend lässt sich daher feststellen, dass Musik und Klänge ein wichtiger Bestandteil der katholischen Messe und somit auch in jeder Form des Rituals sind. Sie wirken nicht nur auf das Bewusstsein der Rezipienten, sondern auf das aller Beteiligten und schaffen so die spezielle, im Beispiel des Ritus „heilige“ Atmosphäre. Speziell die Messe könnte, wie diese Beitragsserie gezeigt hat, ohne akustische Bestandteile nicht so intensiv und effektvoll auf alle Teilhabenden wirken.

Quellen:
Berger, Frank: Musik im Kultus. Verlag Urachhaus GmbH, Stuttgart: 1995.

Fischer-Lichte, Erika: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 2004.

Nöcker-Ribaupierre, Monika (Hg.): Ritual, System, Ressource. Konzepte der Musiktherapie. Reichert Verlag, Wiesbaden: 2005.

Schweizer, Rolf: Ritual und Aufbruch. Kirchenmusik zwischen pädagogischem Handeln und künstlerischem Anspruch. Strube Verlag GmbH, München: 1996.