Der Klang der Gefühle – Teil 1/4 der Reihe „Die Stimme: Unser akustisches Ich“

 

© "Sinne" by WHC-Schule Trier

„Hör auf deine Stimme“ ist der weise Rat, den uns Menschen geben, wenn wir uns selbst einer Sache nicht sicher sind. Es meint, in sich hineinzuhören, um seinen eigenen Weg zu finden. Die Stimme steht in diesem Zusammenhang für die innere Botschaft, aber symbolisiert zugleich die eigene Identität. „Jemandem seine Stimme zu geben“  oder auch „seine Stimme zu erheben“ bezeichnet  die eigene vertretende Position, die nach außen getragen wird. Unsere Stimme ist unser „akustisches Ich“. Durch sie drücken wir unsere Meinung, unsere Werte und Anschauungen aus. Jedoch vermag sie noch viel mehr als das. Begleitet sie uns auch jeden Tag und bedienen wir uns ihrer auch zu jeder Zeit, beachten wir sie doch nicht weiter. Folgen wir doch dem Rat und hören tatsächlich mal hin, was unsere Stimme uns alles faszinierendes zu sagen hat…

Die Stimmen im Blickfeld

Stimmen sind ein normaler Bestandteil unseres Alltags. Sie umgeben uns zu Hause, auf der Arbeit, in der Schule, in der Uni und in unserer Freizeit und lassen sich nicht ausblenden. Im Gegensatz zu unseren Augen, die wir vor der visuellen Welt verschließen können, besitzen wir keine „Ohrenlider“, mit denen wir uns vor den omnipräsenten akustischen Reizen abschotten könnten. Doch statt das Gewirr von Stimmen ungeachtet an einem vorbei ziehen zu lassen, lohnt es sich, einmal genauer hinzuhören, was die eigene und die Stimmen der anderen einem alles über sich erzählen können. Es geht weniger darum, was wir durch die Stimme sagen, sondern vorallem wie wir etwas unbewusst, wie bewusst mit der Stimme ausdrücken. Sie ist eines unserer machtvollsten Instrumente und steht im Zentrum des Kommunikationsprozesses.

In meinem mehrteiligen Blog soll die Stimme deshalb zu ihrem Recht kommen. Nach einem ersten Ausflug in die Funktionsweisen unseres menschlichen Sprechapparats, werden wir uns mit gespitzten Ohren auf die Suche nach der Stimme in unserem persönlichen und sozialen Umfeld machen, geschlechtsspezifische, sowie kulturelle und gesellschaftliche Auswirkungen miteinbeziehen und final die Oralität der Literalität gegenüberstellen und das Potenzial der Stimme in den verschiedenen Bereichen des (beruflichen) Alltags unter die Lupe nehmen.

Die Fragestellung ist dabei immer, welche Bedeutung der Einsatz der Stimme für uns und unsere Umwelt hat. Inwieweit ist die Stimme ein naturgegebenes Phänomen oder inwieweit ist sie als kulturbedingt geformtes Persönlichkeitsmerkmal zu definieren? Werden wir durch die Umwelt in unserer Stimmfarbe beeinflusst? Welche Wirkungen hat die eigene Stimme auf andere und kann ich durch sie meine Umgebung beeinflussen?

Mehr als Worte…

Wir kennen die lässige, fast schon gelangweilte Stimme des Piloten, der uns Fluggäste über den Wolken cool darüber informiert, in welcher Höhe wir uns gerade befinden. Haben wir dann plötzlich ein ungutes Gefühl oder beschleicht uns gar eine Panik, weil das Flugzeug für einen Moment bedrohlich holpert und ruckelt, als würde man über Steine fahren, meldet sich der Kapitän aus dem Cockpit und spricht zu den Gästen im selben ruhigen Tonfall und Tempo wie zuvor. Er erläutert die (selbstverständlich!) unbedenklichen „kleinen Turbulenzen“, die uns jedoch nicht zu beunruhigen bräuchten. Was wäre, wenn er uns stattdessen mit schriller Stimme, heftig atmend und stockend über die aktuelle Lage informieren würde? Wahrscheinlich wäre es im selben Moment vorbei mit unserer Ruhe, weil wir der sogenannten Parasprache des Piloten, zu der u.a. die Tonlage, die Lautstärke und das Tempo als Merkmale der Stimme gehören,  nun mehr Beachtung und Glaubwürdigkeit beimessen würden, als dem reinen Inhalt seiner Botschaft.

Doch nicht nur Piloten sind in ihrem Beruf auf den bewussten Einsatz ihrer Stimme angewiesen. Ob nun die einfühlsame Kommunikation von Arzt zu Patient, die rhetorisch versierten Reden der Politiker, die Moderationen und Meldungen der Rundfunksprecher, oder auch die ausgeklügelten Überzeugungsreden, die im Gericht durch Staatsanwalt und Verteidiger geschwungen werden – mitunter macht der Ton die Musik.

Der eigene Klang-Körper

Die Stimme ist nicht nur heiße Luft, obwohl ihr Klang entsteht, indem eben solch ein Luftstrom beim Ausatmen, vereinfacht erläutert, auf die im Kehlkopf liegenden Stimmlippen trifft und sie zum Schwingen bringt und als Schall in den Bereichen der Mund-, Rachen- und Nasenhöhlen dann seinen ganz eigene Stimmfarbe bekommt. Insgesamt sind an der Lautbildung der Stimme zahlreiche Organe wie Lunge, Luftröhre, Kehlkopf und Stimmlippen, Rachen, Nase, Kiefer und der Mund mit weichem und hartem Gaumen, weiterhin die Zähne, Zunge und Lippen, sowie drei Viertel unseres Rumpfes als eingespieltes Team beteiligt – wir sprechen quasi mit unserem Körper.

Mit den verschiedenen Muskeln, die am Sprechvorgang beteiligt sind, werden die Farben unserer Klangpalette erzeugt, mit denen wir unsere Stimme mit Zuneigung, Freude, Angst oder Enttäuschung einfärben (können). Schon Cicero klingt in seinen Schriften über die psychische Dimensionen der Stimme sehr modern: „Denn jede Gemütsbewegung hat von Natur ihre eigenen Mienen, Töne und Gebärden […] und alle seinen Mienen und Stimmen ertönen, gleich den Saiten einer Lyra, so, wie sie jedes Mal von den Gemütsstimmungen berührt werden.“

Die Stimme als Emotionsträger

So können unsere Stimmen als Emotionsträger fungieren und damit eine Brücke zwischen dem Innen und dem Außen schlagen. Innere Gefühle werden in Klang umgewandelt, indem verschiedene Gefühlslagen unterschiedliche Veränderungen der Muskelspannungen, der Atemmuster und der Gehirntätigkeiten evozieren. Dabei können Stimmlage, Lautstärke, Geschwindigkeit und Intonation als Merkmale der Prosodie einen Beitrag zur Aufschlüsselung der emotionalen Verfassung eines Menschen leisten. Das Gefühl von Angst äußert sich beispielsweise oftmals durch eine hohe Stimmlage und unkontrolliertes Atmen, Verachtung durch laute und langsame Äußerungen, bei  Zorn ist die Stimmlage höher und das Sprechtempo schneller, wobei eine gestresste Stimme eher hoch und laut ist und ein gesteigertes Sprechtempo aufweist. Bei Schmerz hingegen ist die Stimme eher leise und durch Sprechpausen bestimmt. Dennoch sind die Emotionen in ihrer tatsächlichen Ausprägung genauso vielfältig wie das Individuum an sich und können sich bei jedem unterschiedlich äußern. Dies hat zur Konsequenz, dass es keine absolute Anleitung zur Decodierung der Gefühle anhand der Stimmmerkmale geben kann.

Zwischen den Zeilen hören

Nichtsdestotrotz sind wir sensibilisiert für die Emotionen, die in den Stimmen derer mitschwingen, die zu unserem nächsten Umfeld gehören, wie Familie und Freunde. „Ich höre es an deiner Stimme.“ – Menschen, die uns nahe stehen, können wir meist nicht nur ansehen, wenn etwas nicht stimmt, sondern wir hören es auch aus dem, wie sie uns etwas mitteilen. Unsere Fähigkeit der Empathie und des genauen Zuhörens ermöglicht uns durch die Beachtung der paralinguistischen Zeichen in der Stimme unseres Gegenübers die Lage zu erfassen, ohne, dass der Inhalt sonderlich aussagekräftig sein muss. Alleine der Satz „Es geht mir gut“ kann ganz unterschiedlich ausgedrückt werden und durch die Deutung seiner mitkommunizierten, nonverbalen Signale Aufschluss über die wirkliche Verfassung der Person geben.

Oftmals versuchen wir dann an den Augen unseres Gegenübers abzulesen, was ihn bewegt. Doch das sinnliche Erfahren und Wahrnehmen von Gefühlen funktioniert nicht nur durch das sprichwörtliche Fenster der Seele. Als akustisches Pendant kann die Stimme gleichfalls als Sprachrohr der Seele fungieren. Sprechen wir, dann geben wir viel mehr von uns preis, als uns im ersten Moment bewusst ist. Fühlen wir uns unsicher, dann verstummen wir und versuchen uns so gegen unsere Umwelt abzuschotten. Oft aber verstellen wir auch unsere Stimme, um nicht zu zeigen, wie es in uns wirklich aussieht.

Die Stimme als akustischer Fingerabdruck

Was wir jedoch nicht verstellen können, ist die grundsätzliche Klangfarbe, auch Timbre genannt, die ein einzigartiges Merkmal der Stimme eines jeden Menschen gleich seines Fingerabdruckes darstellt. Bereits der römische Redner Quintilian vermutete, dass „jeder Mensch seine eigene, unverwechselbare Stimme besitzt, die das Ohr ebenso gut zu erkennen vermag wie das Auge charakteristische Gesichtszüge“. Das Timbre ist immer vorhanden, egal, ob ein Mensch schreit, flüstert oder seine Stimme auf andere Weise modifiziert. Es ist abhängig von den am Sprechvorgang beteiligten Organen, ihren individuellen Ausprägungen und ihrem Zusammenspiel. Das Timbre ist der Grund, weshalb wir die uns nahestehenden Personen bereits in dem Bruchteil einer Sekunde anhand ihrer Stimmen erkennen können. Das wiederum gelingt uns, da sich Stimme und Ohr gegenseitig in ihrer Funktionsweise optimal ergänzen und beide durch bewegte Luft aktiviert werden. Lässt die Luft im Vorgang der Stimmproduktion den Kehlkopf vibrieren, versetzen die Schallwellen in der Luft das Trommelfell in Schwingungen und leiten so den ersten Schritt der akustischen Rezeption ein.

Vorläufiges Zwischenergebnis und Ausblick

Durch die naturgegebene Einzigartigkeit jeder Stimme werden wir als Individuen ausgezeichnet. Gleichzeitig formen wir mithilfe der unterschiedlichen bewussten Modulationen unserer Stimme jedoch auch selbst aktiv das Bild, das andere von uns bekommen sollen. Deshalb wird es im nächsten Teil des Blogs um die bewusste Eigensteuerung unserer Stimme und die daraus resultierenden Mechanismen und Wirkungen in Bezug auf die Sympathie und Gruppenzugehörigkeit in unserem sozialen Umfeld gehen. Versuchte der erste Teil zunächst eine grundlegende Kenntnis über den physischen Vorgang der Stimmproduktion und eine Einführung in die Potenzialität der Stimme als (unbewussten) Gefühlsträger zu geben, wird bald die bewusste Formung der Stimme im Kontext von Interaktionen, aber auch von Geschlecht, Kultur und Gesellschaft im Fokus stehen.

 

Quellenverzeichnis:

Göttert, Karl-Heinz: Geschichte der Stimme. Köln: Wilhelm Fink Verlag 1998.

Gora, Stephan: Quintilian. http://www.schule-der-rhetorik.de/quintilian.html. (11.12.2011).

Koch, Bernhard: Wer war Cicero?. http://www.bernhard-koch.de/cicero.htm. (09.12.2011).

Kühner, R.: Marcus Tulius Cicero. Kap III. http://www.gottwein.de/Lat/CicDeOrat/de_orat03de.php. (12.12.2011).

Lehmann, Christian: Sprachliche – parasprachliche – nichtsprachliche Kommunikation. http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/parasprache.html. (13.12.2012).

Planet Wissen: Die Singstimme. http://www.planet-wissen.de/kultur_medien/musik/singstimme/index.jsp. (10.12.2011).

Sowodniok, Ulrike: Funktionaler Stimmklang – ein Prozess mit Nachhalligkeit. In: Funktionale Klänge. Hörbare Daten, klingende Geräte und gestaltete Hörerfahrungen. Hg. von Georg Spehr. Bielefeld: transcript Verlag 2009. S. 101-126.

Scherer, Thomas M.: Stimme, Emotion und Psyche. Untersuchungen zur emotionalen Qualität der Stimme. Frankfurt am Main: Deutsche Bibliothek 2000.

Wikipedia: Parasprache. http://de.wikipedia.org/wiki/Parasprache. (08.12.2011).

Wikipedia: Prosodie. http://de.wikipedia.org/wiki/Prosodie. (08.12.2011).