Im stimmlichen Einklang – Teil 2/4 der Reihe „Die Stimme – unser akustisches Ich“

© Bunte Kommunikation by 3in1 marketing pr organisation

Eines Abends langweilte sich die amerikanische Schriftstellerin Dorothy Parker schrecklich auf einer Dinnerparty. Jedes Mal, wenn ein flüchtiger Bekannter sie begrüßte und fragte, wie es ihr ginge und was sie so mache, antwortete sie:

Oh, ich habe gerade meinen Ehemann mit einer Axt erschlagen und fühle mich großartig.“

Da sie jenen Satz jedoch in einem Tonfall aussprach, der üblicherweise der Etikette des Smalltalks auf Partys entspricht, lächelten jene Partygäste einfach, nickten freundlich und zogen ohne den geringsten Ausdrucks des Erschreckens weiter. Wie kann das sein?

Mal abgesehen von der offensichtlichen Oberflächlichkeit jener Konversation, bei der keiner der beiden Gesprächspartner an einer tiefergehenden Unterhaltung interessiert zu sein schien, wollte Parker damit das ungleiche Verhältnis von Wortklang zu Wortlaut demonstrieren. Demnach können die der nonverbalen Parasprache zugeordneten Merkmale der stimmlichen Tonlage, der Lautstärke und des Tempos wichtiger sein als der in diesem Fall sehr erschütternde Inhalt. (Eine grundlegende Einführung in das Phänomen der Stimme wird auch in meinem ersten Blogeintrag geleistet.)

Eigene bunte Stimmwelten

Doch ist in diesem Punkt auch Vorsicht zu genießen und eine vorschnelle Verallgemeinerung des populären Modells des Akademikers Albert Mehrabian  abzulehnen, demnach in der menschlichen Kommunikation lediglich sieben Prozent der Bedeutung durch den verbalen Ausdruck (Wortlaut) und der Rest durch die Stimme (38%) und die Mimik (55%) vermittelt werden. Seine Untersuchungen beziehen sich vorallem auf die Mitteilungen von Gefühlen und Haltungen und sind nicht auf jede beliebige Botschaft anzuwenden. Die Sprache und die Parasprache sind immer auch als nicht absolut trennbares Kommunikationssystem zu begreifen, deren Grenzen fließend sind. So besitzt die Intonation beispielsweise eine sprachliche und nichtsprachliche Funktion, das an dem englischen Wort „conduct“ illustriert werden kann, das je nach Betonung entweder ein Substantiv oder ein Verb kennzeichnet.

Weiterhin hängt der Inhalt und die Wortwahl einer Botschaft (was) und die Weise der Über- und Vermittlung dieser (wie) in hohem Maße davon ab, wem wir etwas wo, wann, in welchem Kontext und aus welchen Gründen sagen. So verfügen wir je nach Lebenslage über ganz verschiedene Stimmen. Halten wir beispielsweise eine Präsentation an der Uni oder auf der Arbeit, wird unsere Stimme eher formal und aufmerksam klingen. Um eine angemessene, eher tiefere Tonlage, eine mäßige und ruhige Sprechgeschwindigkeit, und eine für das Publikum hörbare Lautstärke und eine deutliche Artikulation bemüht, versuchen wir Kompetenz durch unsere Stimme und Präsenz auszustrahlen. Befinden wir uns hingegen im Gespräch mit unseren Freunden in einer Bar werden wir eher ungezwungen mit variierenden Tonhöhen, Lautstärken, Tempi und Betonungen sprechen.

Auch macht es einen Unterschied, ob wir mit uns bekannten oder völlig fremden Menschen sprechen, ob unser Gegenüber eher jünger, im gleichen Alter oder deutlich älter ist als wir. So ist es interessant zu sehen, dass vorrangig Frauen beinahe eine ganz Oktave höher sprechen, wenn sie ein Baby oder auch einen kleinen Welpen oder ein süßes Kätzchen erblicken und dabei teilweise eine ganz neue Sprache, aus befremdlichen Lauten bestehend, entwickeln.

Hier zeigt sich, dass wir unsere Stimme auf der einen Seite ganz automatisch an die gegebenen Situationen anzupassen scheinen, ohne im Vorfeld darüber groß reflektiert zu haben. Auf der anderen Seite nehmen wir in jeder Situation auch immer eine bestimmte Kontrolle und Lenkung unserer eigenen Selbstdarstellung nach außen hin vor.

So, wie wir uns durch unsere Denkweisen, aber auch durch unser Aussehen definieren, so drücken wir auch mittels unserer Stimme, durch das, was wir sagen, aber eben auch durch das, wie wir etwas sagen, unsere eigene Person gegenüber anderen aus. Wir verorten uns aktiv und bewusst durch unsere Stimme in unserer Umwelt, so wie wir auch durch unsere Stimme positioniert und von unserer Umwelt bewertet werden, ohne es wiederum selbst gänzlich und direkt beeinflussen zu können.

Die Stimme als Harmonieträger….

Diese Ambivalenz der bewussten, wie eben auch unbewussten Stimmveränderung, die auch auf einer grundlegenden Verhaltens- und Einstellungsänderung gründet, lässt sich genauer an den beiden Phänomenen der Konvergenz (Annäherung) gegenüber der Divergenz (Auseinanderstreben, Abweichung), die auf die „Speech-accomodation-Theory “ zurückgehen, gut illustrieren.

Wir kennen alle die Situation, in der man jemanden Bekanntes beim Telefonieren zuhört, und oftmals bereits am Klang seiner Stimme und seiner Sprechweise erkennen kann, mit wem derjenige gerade spricht, denn die Stimme verändert sich wie beschrieben, je nach der Situation. Das Sprechtempo, die Pausensetzung, die Tonhöhe, die Lautstärke und die Akzente u.a. werden an den Gesprächspartner angepasst. In diesem Moment versuchen die Kommunikationsteilnehmer eine Angleichung an ihren Interaktionspartner vorzunehmen, was in der Lingusitik als Akkomodation (Anpassung)  bezeichnet wird. Der in unserem Inneren verankerte Wunsch nach sozialer Integration, Akzeptanz und Identität veranlasst uns bewusst, wie unbewusst dazu. Die Stimmakkomodation schafft ein positives Gefühl der Übereinstimmung mit einer Person. Sie dient dazu, einen Menschen für sich einzunehmen – und je mehr man auf Anerkennung aus ist, desto mehr wird man sich (para-)sprachlich an sein Gegenüber anpassen. Zudem erlaubt der Grad der Angleichung auch Rückschlüsse darüber, inwieweit der Gesprächspartner akzeptiert wird oder nicht. 

….oder als Stifter von Antipathie

So steht demgegenüber die Divergenz, indem der Gesprächspartner durch die Missachtung seines Gegenübers an den eigenen individuellen Sprachgewohnheiten festhält und damit symbolisch die eigene Identität und das eigene Wertesystem betont und sich so über die Person des Anderen stellt. Die Kommunikation kann durch diese Unvereinbarkeit deutlich gestört werden und trägt ferner dazu bei, wie wir einen Menschen letztendlich bewerten.

Gleichen wir uns also im Gespräch einander an, wird eine positive Basis geschaffen, wir fühlen uns wortwörtlich „auf einer (Klang-)Wellenlänge“ und finden unser Gegenüber sympathisch. Beharrt dagegen einer der Gesprächspartner strikt auf seiner Sprachgewohnheit, impliziert dies Desinteresse und wir scheinen mit demjenigen nicht „auf einen Nenner“ zu kommen und bewerten ihn als eher unsympathisch.

Im „Ein-Klang“ sein

Auch die Redensart „gleich und gleich gesellt sich gern“ kann in diesem Komplex seine Berechtigung finden. So ließ sich in verschiedenen Experimenten feststellen, dass Menschen andere Menschen grundsätzlich sympathischer, kompetenter und sozial attraktiver einschätzten, wenn diese eine Ähnlichkeit in ihrem Sprachtempo, in ihrem Rhythmus, in ihrer Tonhöhe und ihrer Lautstärke aufwiesen.  Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Phänomen, dass sich Menschen, die über einen längeren Zeitraum hinweg öfter miteinander sprechen, in ihren Stimmen teilweise einander anpassen und durch diesen wortwörtlichen „Einklang“  eine harmonische Basis schaffen.

Stimme ist Macht

Konvergenz und Divergenz laufen grundlegend eher unbewusst ab und treffen für uns quasi bereits eine Vorauswahl derjenigen Gesprächspartner, mit denen wir mehr Zeit verbringen wollen. Nichtsdestotrotz lassen sich die Erkenntnisse zu diesem Forschungsbereich für die Kommunikation auch gezielt und bewusst anwenden. Durch die sprachliche Angleichung können Menschen auf eine bestimmte Seite gezogen werden, durch die Divergenz kann wiederum die eigene soziale Position demonstriert werden, die über der des Anderen stehen kann. So vermag jene Nichtangleichung im Falle beispielsweise eines Politikers, der stets seinem eigenen Sprachstil treu bleibt, zwar als überheblich ausgelegt werden, es kann aber im Kontext einer öffentlichen Rede beispielsweise auch durchaus positiv mit Attributen der Beständigkeit, der Stärke, der Authentizität und der Einflussmacht bewertet werden.

So ergab beispielsweise eine  Studie über Fernsehdebatten amerikanischer Präsidentschaftskandidaten  zwischen 1960 und 2000 das sich die weniger dominanten Kandidaten den dominanteren anpassten. Den späteren Gewinner konnte man schließlich an der jeweiligen Konvergenzrichtung ablesen.

Theaterbühne Alltag und die Stimme als Akteur

Doch nicht nur die professionalisierten Redner auf der politischen Bühne wissen um die bewussten Beeinflussungsmöglichkeiten ihres Publikums. Bereits 1959 beschrieb der amerikanische Soziologe Erving Goffman in seinem Werk „Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag“ das Leben in der Gesellschaft als ein Theaterspiel, in dem der Einzelne den Eindruck steuert und lenkt, den andere von ihm gewinnen sollen. Demnach könne man seine Umwelt durch seine Ausdrucksweise und Selbstinszenierung dazu bringen, nach den eigenen Plänen zu handeln. Sei es nur, dass man eine bestimmte Notwendigkeit in eine Bitte legt, die man gegenüber einem Freund äußert, oder eventuell ein Bewerbungsgespräch bestreitet in dem man voller Selbstbewusstsein spricht, obwohl einen eher ein starker Fluchtgedanke beschleicht, wir alle machen es täglich – die bewusste Beeinflussung unserer Umwelt mittels unserer Stimme.

Nicht umsonst werden wir seit Jahren überschwemmt mit vermeintlichen absoluten Ratgebern wie „Die gewinnende Stimme“, oder „Die Stimme mit Einfluss“, die uns die entscheidende Rolle des richtigen Einsatzes der Stimme für den beruflichen Erfolg garantieren möchten. Auch wenn die Anleitungen zur Optimierung der Stimme eher überzogen sind, machen sie doch darauf aufmerksam, dass die Stimme zunehmend in den medialen, wie auch wissenschaftlichen Fokus gerät und schaffen so eine Sensibilisierung für das Auditive.

Ausblick

Sie geben Anlass einen weiterführenden Blick darauf zu werfen, ob und welcher Zusammenhang zwischen der Stimme und der sozialen Position des Menschen in der Gesellschaft im Kontext von Konventionen, Werten, Normen und Traditionen besteht.

Im nächsten Teil meines Blogs soll es deswegen um die Geschlechterspezifik und um unsere gesellschaftliche und kulturelle Verankerung in Bezug auf unsere Stimmausprägung gehen. Gibt es so etwas wie eine typisch weibliche, typisch männliche, typisch westliche oder typisch fernöstliche Stimme? Inwieweit ist die Stimme auf die Evolution zurückzuführen und inwieweit könnte sie auch von gesellschaftlichen Konventionen und kulturellen Traditionen geformt sein? Und wie ist beides vereinbar?

 

Quellenverzeichnis:

Göttert, Karl-Heinz: Geschichte der Stimme. Köln: Wilhelm Fink Verlag 1998.

Lehmann, Christian: Sprachliche – parasprachliche – nichtsprachliche Kommunikation. http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.html?http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/parasprache.html. (14.02.2012).

Sowodniok, Ulrike: Funktionaler Stimmklang – ein Prozess mit Nachhalligkeit. In: Funktionale Klänge. Hörbare Daten, klingende Geräte und gestaltete Hörerfahrungen. Hg. von Georg Spehr. Bielefeld: transcript Verlag 2009. S. 101-126.

Scherer, Thomas M.: Stimme, Emotion und Psyche. Untersuchungen zur emotionalen Qualität der Stimme. Frankfurt am Main: Deutsche Bibliothek 2000.

Stanford W. Gregory Jr. und Timothy J. Gallagher: Sprectral Analysis of Candidates´Nonverbal Vocal Communication: Predicting U.S. Presidential Election Outcomes. In: Social Psychology Quaterly. Band 65. Nr. 3. 2002. S. 298-308.

Wikipedia: Communication Accomodiation Theory. http://en.wikipedia.org/wiki/Communication_accommodation_theory. (14.02.2012).

Wikipedia: Dorothy Parker. http://de.wikipedia.org/wiki/Dorothy_Parker. (12.02.2012).

Wikipedia: Erving Gofman. http://de.wikipedia.org/wiki/Erving_Goffman. (212.02.2012).

Wikipedia: Parasprache. http://de.wikipedia.org/wiki/Parasprache. (08.12.2011).

Wood, Gary. PsyCentral Blog with Dr Gary Wood. The Body Language Myth: The 7% – 38% – 55% Rule. http://psycentral.wordpress.com/2009/03/03/body-language-myth-7-38-55-rule-dr-gary-wood-psycholog/. (11.03.2012).