Stimme. Macht. Geschlecht. –Teil 3/4 der Reihe „Die Stimme – unser akustisches Ich“

©"Kommunikation" by Melanie Kempa

Schonmal eine zierliche Barbie unterm Weihnachtsbaum liegen gehabt, die einem solche Botschaften wie „Angriff!“, „Die Rache ist mein!“ oder auch „Tote lügen nicht!“ in einer tiefen, blechernen Tonlage entgegenbellt? Oder vielleicht eine muskelbepackte GI-Joe-Actionfigur, die in säuselndem Quietschton danach fragt, wann ihre Traumhochzeit denn endlich sei und welche Kleider sie dazu tragen solle?

Manche Kinder werden an Weihnachten 1989 nicht schlecht gestaunt haben eine Killerbarbie oder einen Säuselsoldaten als Geschenk auszupacken. Verantwortlich für diese Aktion ist die in New York ansässige „Barbie Liberation Organization“ (BLO), die damit auf die Verwendung von sexistischen Stereotypen in der Spielwarenindustrie aufmerksam machen wollte. Nachdem die BLO erfahren hatte, dass für die sprechenden Barbies und die GI-Joes die gleiche Elektronik verwendet wurde, kaufte sie etwa 400 Exemplare der beiden Figuren auf, tauschte die Stimmspeicherchips aus und brachte sie pünktlich zu Weihnachten zurück in die Geschäfte.

Typisch männlich, typisch weiblich?

Diese Aktion zeigt, dass die Stimme ein solch relevantes Merkmal unserer Identität ist, dass die BLO wohl keine größere Entrüstung hätte auslösen können, hätte sie bei den Figuren eine Geschlechts-, statt einer Stimmtransformation vorgenommen.

Es macht außerdem auf den Zusammenhang der typisierten geschlechtlichen Stimmrollen zwischen Natur und Norm aufmerksam. Die typische Art, wie Männer und Frauen sprechen, ist auf der einen Seite ein Abbild der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Auf der anderen Seite tragen aber eben diese typischen Sprecharten auch aktiv dazu bei, solche Anschauungen entstehen zu lassen. Da die Stimme ein Faktor ist, der uns in unsere gesellschaftlichen Rollen verankert, ist es von entscheidender Bedeutung, wie eine Frau beziehungsweise ein Mann zu klingen, um als Frau beziehungsweise Mann akzeptiert zu werden.

Vorhandenes oder Erlerntes?

Die Frage ist, haben Frauen und Männer nun die für ihre Gesellschaft typischen Sprechweisen erlernt, deren Unterschiede sich größtenteils auf Konventionen und Erziehung zurückführen lassen? Oder aber hat sie die Natur mit unterschiedlichen Stimmen ausgestattet, die im Folgenden kulturell unterschiedlich bewertet wurden?

Die mittlere Stimmlage der Männer liegt bei durchschnittlich 120 Hz und bei Frauen bei etwa 225 Hz. Dass Männer normalerweise tiefer sprechen als Frauen, liegt an ihrem größeren Kehlkopf und an den längeren, dickeren Stimmfalten, die aus der körperlichen Entwicklung in der Pubertät resultieren. Doch die Pubertät ist nur ein Aspekt, der zu den Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Stimmen beitragen kann. (Der erste Blogbeitrag der Reihe setzt sich nocheinmal differenziert mit dem grundlegenden Phänomen der Stimme und seinen Bedingungen auseinander). Denn jede Kultur bildet ihre eigenen zeitweiligen Geschlechtsnormen und –konventionen heraus, die weit über die biologischen Differenzen hinaus gehen können.

Die eine Forschungsrichtung vertritt dabei den Standpunkt, dass ein Großteil des nonverbalen Verhaltens der Menschen nicht naturgegeben sei. Es habe sich demnach entwickelt, um die Geschlechtsunterschiede zu betonen und die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Der Mensch wird also durch seine Umwelt und die in ihr vertretenen Ansichten so beeinflusst, dass diese auf den Körper zurückwirken. Die sozialen Codes werden in diesem Prozess dermaßen verinnerlicht, dass beispielsweise Männer oftmals aus dem Bauch heraus atmen als Frauen, und damit ein dröhnendes Männerlachen erzeugen können.

Bereits Kinder lernen sehr früh, was für ihr Geschlecht als „angemessen“ gilt. Bereits in der konventionellen Familienstruktur lassen sich erste Hinweise finden. So spricht die Mutter meist weicher und fürsorglicher, demgegenüber der Vater mit einer eher robusteren und durchdringenderen Stimme kommuniziert und die Kinder sich daran orientieren. Befinden sich die Kleinen beispielsweise in einem Spiel, in dem sie einen männlichen Arzt oder eine weibliche Krankenschwester mimen, imitieren sie diese Figuren mit einer tiefen beziehungsweise verstellten hohen Stimmlage. (An diesem Punkt ließen sich natürlich einige weitere genderspezifische Aspekte hinterfragen und weiterführen, die in diesem Blog jedoch ausgespart werden müssen.)

Auch der Einfluss der Medien ist selbstverständlich keineswegs zu unterschätzen. So sprechen coole männliche Idole wie zum Beispiel Clint Eastwood sehr rau, kräftig und tief und beschränken sich auf einen geringen Intonationsumfang , zu dem auch eine stimmliche Zurückhaltung und Einsilbigkeit gehören. Demgegenüber sprechen die weiblichen Akteure meist in einer zarten, zerbrechlichen und höheren Stimme, spielen dabei mit der Intonation und agieren emotionaler und expressiver.

Sprich mit mir…

Solange unser Gegenüber noch nicht gesprochen hat, fehlt uns eine Komponente, um ihn einzuschätzen. Seine Stimme kann den Gesamteindruck bestätigen oder ihn unterlaufen. Durch das Hören der Stimme unseres Gegenübers entscheiden wir, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht. Gleichzeit schreiben wir der Person einen bestimmten sozialen Status zu. Ausdrucksstarke Stimmen wecken Assoziationen wie Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein, das uns wiederum schlussfolgern lässt, dass unser Gegenüber beruflich u.a. erfolgreich ist. Wie man wirkt, liegt also nicht nur an der eigenen Präsentation seiner Stimme, sondern auch daran, wie der Hörer sie aufnimmt, und welche Interpretationen sie bei demjenigen auslösen.(Zur näheren Beschäftigung sei an dieser Stelle auch auf den vorhergehenden Blogbeitrag verwiesen, der sich mit der Wirkung der eigenen Stimme auf andere Personen auseinandersetzt.)

Schließlich führen zahlreiche Faktoren wie der soziale, gesellschaftliche, kulturelle, mediale u.a. Kontext dazu, dass Männer eher so sprechen, als wären sie größer, und Frauen, als wären sie kleiner, als sie in Wirklichkeit sind. Nichtsdestotrotz sollten keine Pauschalisierungen und Allgemeindefinitionen vorgenommen werden. Wird eine objektive Beurteilung der Unterschiede zwischen Männer- und Frauenstimmen doch noch zusätzlich dadurch erschwert, dass sich unsere Stimme ändert, je nachdem, mit wem wir wann, wo, in welcher Situation über was reden.

Die Vermutung, dass Mann wie Frau ihre Stimme nutzen, um bestimmte, gesellschaftlich anerkannte Merkmale des eigenen Geschlechts hervorzuheben, kann jedoch nicht gänzlich abgestritten werden. Es würde dem Gedanken folgen, dass wir unsere naturgegebenen geschlechtlichen Stimmenunterschiede hinsichtlich der gesellschaftlich erwünschten Konventionen weiter formen und ausdifferenzieren. So würden sich Natur und Norm ergänzen.
Ein kurzer filmischer Beitrag beschäftigt sich eben mit dieser Ambivalenz des genetisch Vorhandenen und des Erlernten, in dem es die geschlechterorientierte Konformität von weiblichen und männlichen Stimmen problematisiert.

Andere Kulturen – andere Stimmen?

Bezogen sich die bisherigen Ausführungen zu den typischen Männer- und Frauenstimmen als minimaler Konsens eher auf die westliche Gesellschaft an sich, klingen die Männer-, wie Frauenstimmen weltweit natürlich nicht gleich.

Die Polen sprechen beispielsweise in einer höheren Stimmlage als die Amerikaner, die wiederum mit einer erheblich tieferen Stimme sprechen als die deutschen Männer. Und deutet beispielweise die Tatsache, dass die mexikanischen Männer um einiges lauter sprechen als die Amerikaner, auf unterschiedliche Definitionen von Männlichkeit beziehungsweise auf unterschiedliche kulturelle Erwartungen bezüglich ihres Auftrittes hin?

Die kulturellen Unterschiede bei Männer- und Frauenstimmen können einen deutlichen Aufschluss über die Leit- und Wunschvorstellungen, Konventionen und Werte einer Gesellschaft geben.

So sprechen beispielsweise die Japanerinnen im Vergleich zu den meisten Kulturen mit einer höheren Stimme. Dadurch versuchen sie sich akustisch von den Männern zu unterscheiden. So können sie in einer Frequenz mit einem Höchstwert von 450 Hz sprechen, wohingegen die Engländerinnen nie über einen Wert von 320 Hz kamen. Japanische Männer sprechen jedoch in einer tieferen Stimmlage als die Briten, obwohl sich ihr Stimmumfang nicht wesentlich unterscheidet.

Man könnte vermuten, dass die extrem hohen Stimmen der Japanerinnen womöglich durch ihre Körpergröße oder durch die Eigenheiten der japanischen Intonation bedingt sind. Müssten dann nicht auch die japanischen Männer eine eher höhere Stimmlage aufweisen? Es spricht einiges mehr dafür, dass der große Unterschied in den Tonhöhen eher bestimmte Geschlechterrollen und gesellschaftliche Konventionen widerspiegelt, wie sie bis vor kurzem in der japanischen Gesellschaft vorherrschten. So versuchten sich die Frauen durch ihre Stimme eher klein zu machen, indem sie ihren Kehlkopf dahingehend einsetzten. In Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext, der typisch weibliche Tugenden wie Bescheidenheit, Unschuld, Unterwürfigkeit und Hilflosigkeit in der japanischen Kultur betont, wird jenes Verhalten begründet.

Ergebnis

Meine Ausführungen konnten nur einen kleinen Einblick in die weiten und durchaus kontroversen Forschungsbereiche erlauben und einige Blickwinkel durch Einzelbeispiele illustrieren. Dennoch lässt sich ein (vorläufiges) Ergebnis formulieren. So kann die Stimme durchaus als etwas sehr Individuelles und Einzigartiges gekennzeichnet werden. Zugleich aber ist sie auch immer ein Spiegel ihres kulturellen und gesellschaftlichen Umfeldes. Dabei ist zu beachten, dass eine Kultur respektive eine Gesellschaft sich fortwährend im Wandel befindet und keine Statik besitzt. Genauso entwickelt sich auch die Sprache und mit ihr die Stimme stetig weiter. Deshalb ist es wichtig fortwährend im Gespräch darüber zu bleiben –

Und so eben auch mal zwischen den Zeilen zu hören!

In meinem letzen Blog der Stimm-Reihe wird es einen abschließenden Ausblick auf die weiteren Möglichkeiten des Stimmeinsatzes in der modernen Gesellschaft geben, in dem auch Mr. James Bond zu Wort kommen wird…

 

Quellenverzeichnis:

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Sowodniok, Ulrike: Funktionaler Stimmklang – ein Prozess mit Nachhalligkeit. In: Funktionale Klänge. Hörbare Daten, klingende Geräte und gestaltete Hörerfahrungen. Hg. von Georg Spehr. Bielefeld: transcript Verlag 2009. S. 101-126.

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