Die Popformeln – Das Geheimnis der Hits


Brian, der vermeintliche Sohn Gottes im Film „Das Leben des Brian“, spricht von einer Erhöhung zu seinen Anhängern: „Ihr seid alles Individuen!“ Diese antworten im Chor: „Ja, wir sind alles Individuen.“ Brian sagt daraufhin: „Und ihr seid alle verschieden!“ Und auch darauf stimmt die Masse ein: „Ja, wir sind alle verschieden.“ Nur ein Einziger sagt: „Nein, ich nicht.“

Ähnlich wie die Anhänger des Brian sind wohl auch die Anhänger beziehungsweise Kunden der Plattenindustrie gestrickt. Jeder ist der Meinung, dass sein Musikgeschmack ganz individuell ist, obwohl dies gar nicht der Fall ist. In Wahrheit gefällt einer breiten Masse das Gleiche und mehr noch. Dieses Gleiche ist wirklich immer das Gleiche. Die Hits, die im Radio gespielt werden und uns immer wieder zum Mitsingen anregen, weisen nämlich ständig die gleichen Strukturen auf, ohne dass die meisten von uns es merken. Klingt unglaublich? Die Australischen Musikkomiker Axis of Awesome beweisen das eindrucksvoll:

Doch kann das sein? Sind wir wirklich alle gleich gestrickt? Lassen wir alle uns immer wieder von denselben Mustern begeistern, ohne dass uns das auffällt? Und reichen diese Muster möglicherweise aus, um einen großen Hit zu landen, wie die Gruppe Axis of Awesome behauptet?

Dr. Volkmar Kramarz, Dozent in der Abteilung Sound Studies der Universität Bonn, Hörfunk-Experte und selbst Musiker, hat sich wissenschaftlich mit diesen Fragen auseinandergesetzt und festgestellt, dass unsere akustischen Vorlieben nicht ganz so individuell sind, wie wir allgemein annehmen. Er ist einer derjenigen, denen aufgefallen ist, dass es Harmoniemodelle gibt, die in tausenden Liedern vorkommen und an denen wir dennoch immer wieder Gefallen finden.

Laut Kramarz, der sich insbesondere mit Popmusik beschäftigt hat, variieren die Harmoniemodelle je nach Musikstil und Song ein wenig und präsentieren sich uns immer wieder im neuen Gewand.

Four-Chord-Song

Im Moment besonders beliebt: Der Four-Chord-Song, wie ihn auch die Gruppe Axis of Awesome im oben zu sehenden Video nutzt. Das sind vier Akkorde, reine Dur- und Mollakkorde mit jeweils drei gleichzeitig erklingenden Tönen, die sich im Terzabstand schichten (einem so genannten Dreiklang). Es gibt verschiedene Varianten dieses Four-Chord-Songs. Einen nennt Kramarz in seinem Buch „Die Popformeln“ den „Turn-Around“. Besonders geeignet ist dieser für fröhliche, naive Lovesongs mit viel Herz und auch Schmerz sowie für etwas besinnlichere Lieder. Die Formel sieht folgendermaßen aus:

T          Tp       S          D

 

Für die Nichtmusiker kurz erläutert:

Dreiklänge lassen sich auf jedem Ton der Tonleiter aufbauen:Tonleiter mit Dreiklängen

Die römischen Zahlen geben die Stufe an, auf der sich ein Dreiklang befindet, rechts von der Tonleiter stehen die jeweiligen Töne.

Bei dem Four-Chord-Song handelt es sich um vier aufeinanderfolgende Dreiklänge. In den jeweiligen Dreiklängen liegen je zwei unterschiedliche Terzen übereinander, eine große und eine kleine Terz. Die  große Terz umfasst 4 Halbtöne, die kleine Terz dagegen nur 3.

Wird erst die  große und dann die kleine Terz verwendet, bezeichnet man dies als Dur-Akkord. Wird erst die kleine und dann die große Terz Abbildung 2 Tasten und Töneverwendet ist dies ein Moll-Akkord.

Ein Beispiel: In der obigen Abbildung besteht der Dreiklang I aus den Tönen c, e und g. Zwischen den Tönen c und e liegen vier Halbtöne (cis, d, dis, e) (siehe Abbildung), zwischen den Tönen e und g dagegen nur drei (f, fis, g). Es wurde also eine kleine Terz auf eine große geschichtet, dies bezeichnet man als Dur-Akkord.

Der zweite Dreiklang beinhaltet die Töne d, f und a. Zwischen den Tönen d und f liegen drei Halbtöne (dis, e, f), zwischen den Tönen f und a dagegen vier (fis, g, gis, a), so dass hier eine große Terz auf eine kleine geschichtet wurde und es sich somit um einen Moll-Akkord handelt.

Nun zurück zur Formel des Turn-Around:

 

Die Tonika (T) ist die Bezeichnung für die erste Stufe einer Tonart und stellt einen Bezugspunkt für die folgenden Klänge dar. Wie oben bereits erläutert, handelt es sich bei diesem Akkord um einen Dur-Akkord.

Die Subdominante (S), die in ihrer klanglichen Wirkung das Gegengewicht zur darauffolgenden Dominante (D) darstellt, steht immer auf Stufe IV der Tonleiter und die Dominante auf Stufe V. Würde die Tonika bei anderen Tönen anfangen, verschöben sich die Dreiklänge aller Stufen gleichzeitig nach oben oder unten. Der Unterschied von Stufe I zu den anderen Stufen bliebe dabei der gleiche.

In der hier abgebildeten Tonleiter fehlt noch das Tp aus unserer Formel. Dieses steht für die Tonikaparallele. Bei der Tonikaparallele handelt es sich um den gleichen Dreiklang wie bei der Tonika, hier stammt er jedoch statt aus der Dur-Tonart aus der Moll-Tonart, die eine kleine Terz tiefer beginnt als die parallele Dur-Tonart. Ist der Grundton des Stücks (also der erste Ton der Tonika) c, muss man drei Halbtöne abwärts zählen (h, b, a), womit man bei a landet (s. Abbildung). Der Grundton der Tonikaparallele muss also a sein, daher verwendet man den Dreiklang von Stufe VI aus der oben gegeben Tonleiter. Insgesamt sieht das Harmoniemodell für C-Dur also so aus:

 

 

 

 

 

 

Reicht das zum großen Hit?

Die Harmoniefolgen zu kennen ist zwar nicht alles, was man braucht, um einen großen Hit zu landen, aber schon einmal eine gute Grundlage. Kramarz und seine Kollegen durchleuchteten die Songs der Teilnehmer des Eurovision Songcontests 2011 nach den von ihnen herausgestellten Harmoniemustern. Dies ermöglichte es ihnen, schon lange bevor die Ergebnisse verkündet wurden, vorherzusagen, welche Länder die vorderen Plätze belegen würden. Interessanterweise verfolgte und wiederholte gerade der Gewinnersong aus Aserbaidschan besonders konsequent das Four-Chord-Modell, was für die Theorie des Musikexperten spricht und zeigt, dass manche Klangfolgen kultur- und länderübergreifend Gefallen bei den Hörern finden.

Ausschließlich die Formeln nachzuspielen macht jedoch noch niemanden zum Star. Weitere Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Zum einen wollen die Zuhörer zwar immer ähnliches hören, aber dennoch nicht genau das gleiche, weshalb es nötig ist, die Akkordfolgen interessant, ansprechend und abwechslungsreich zu verpacken. Dazu mischt man die Akkordfolgen am besten mit ein paar neuen Elementen, sodass das Lied nach etwas vorher nie Dagewesenem klingt. Zum anderen haben nonmusikalische Elemente, wie der Text des Liedes, der aktuelle Zeitgeschmack der Zuhörer sowie Image und Ausstrahlung der Musiker/innen auch eine große Bedeutung. Wer zum Star werden will, braucht von allem das richtige Mittel. Doch warum legen manche Klangfolgen einen so guten Grundstein für das Hitschreiben?

Harmoniefolgen bringen Wohlbefinden

Mit Hilfe neurophysiologischer Forschung ließ sich herausfinden, dass der Körper bei den von Kramarz entdeckten Formeln den Botenstoff Dopamin, das sogenannte Glückshormon, ausschüttet. Das macht den Hörer offen für wohlige Gefühlswelten. Dass diese, meist recht simplen Formeln sogar kulturübergreifend diese Reaktion hervorrufen, macht das Thema für die Sound Studies umso interessanter, scheinen Soundpräferenzen doch nur in Maßen kulturabhängig zu sein.

Für den berühmten Vertreter der Frankfurter Schule, Theodor Adorno, würden diese Erkenntnisse sicherlich einen Alptraum darstellen, war dieser doch der Meinung, dass der Erfolg des Leichten abgewertet werden muss. Für Werbemacher ist dies aber ein Segen. So orientiert man sich in der Werbung (mal bewusst, mal unbewusst) an solchen Popformeln und bringt uns so dazu, mit den vorgestellten Produkten ein gutes Gefühl zu verbinden. Ein Beispiel, bei dem die Formel fast wie oben dargestellt übernommen wurde, ist die Kinder Maxi King Werbung.

Ein anderes Beispiel ist der Jingle der Telekom. Er nutzt ebenfalls eine leicht abweichende Formel, die auf die Haupt-Spitzentöne des Turn-Around reduziert ist und so besonders gut im Ohr bleibt – laut Kramarz der perfekte Werbejingle.

 

Bestimmte Sounds lösen in uns also Wohlbefinden aus, weswegen sie sich immer wieder größter Beliebtheit erfreuen und einen festen Platz in unserer Popkultur gefunden haben. Wenn demnächst ein Lied im Radio läuft, dass man das erste Mal hört, sich aber trotzdem das Gefühl breit macht, dass man es bereits kennt – nicht wundern. Es handelt sich wahrscheinlich um eine verschleierte Popformel.

 

 Quellen: