Popmusik = Poppmusik? – Sex in den Charts

„Sex Sells“ – dieses Sprichwort scheint häufig mit der populären Musik eine untrennbare Verbindung einzugehen. Egal ob Britney lasziv stöhnt, während sie „I’m a slave for you“ haucht, Milow mit verträumten Augen auf seiner Gitarre spielt und dabei von „seiner Nymphomanin“ singt, die „es“ zu jeder Zeit an jedem Ort in jeder erdenklichen Position mit ihm machen will, 50 Cent uns in den „Candyshop“ einlädt, „to let you lick my lollypop“, Christina Aguilera „dirrty“ wird oder die Pussycat Dolls in Unterwäsche ihre Beine spreizen und sich dabei fragen „Don’t cha wish your girlfriend was hot like me?“ – Nahezu alle in den Charts vertretenen Interpreten präsentieren ihre gut gebauten Körper in eindeutigen Bewegungen lasziv auf Bühnen oder in Musikclips.

Im folgenden Beitrag soll es jedoch weniger um die körperliche Selbstdarstellung der Interpreten gehen, sondern vielmehr die Musik selbst in den Vordergrund rücken. Dabei werde ich versuchen, mich dem Phänomen „Sex in der Popmusik“ anhand der Texte und des Singstils der Interpreten anzunähern und herauszufinden, warum sich gerade die Popmusik so perfekt eignet, um mit sexuellen Anspielungen bei ihrem Zielpublikum zu punkten.

Sicherlich jeder kennt das Lied Je t’aime…moi non plus des französischen Sängers und Komponisten Serge Gainsbourg und der englischen Schauspielerin Jane Birkin, welches im Jahr 1969 für einen Skandal sorgte. Das Lied an sich ist im Prinzip recht unspektakulär: Es hat eine eingängige Melodie mit dominierender Hammondorgel und unauffälligen Text. Das eigentlich Skandalöse an diesem Song liegt in dem sehr dominanten Stöhnen der Sängerin, welches fast permanent zu hören und unmissverständlich sexuell konnotiert ist. Dies wurde 1969 als absoluter Tabubruch angesehen, von einigen wichtigen Radiosendern boykottiert und in manchen Ländern sogar der Verkauf der Platte verboten. Es ist aber vermutlich keine große Überraschung, dass sich dieser Skandal äußerst geschäftsfördernd auf den Song auswirkte, so dass er sich trotz aller Empörung 31 Wochen in den deutschen Charts befand.

Fakt ist, dass das Phänomen von „Je t’aime…moi non plus“ kein Einzelfall ist. Auch wenn man heutzutage Radio hört, wird man in den Liedern regelmäßig mit sexuellen Anspielungen oder erotisch motiviertem Stöhnen beschallt. Warum setzt die Popmusik so sehr auf Sex? Geht es dabei allein um Tabubrüche und Skandale? Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter?

 

“In my head, I see you all over me, in my head, you’ll fulfill my fantasy, in my head you’ll be screaming ‘oooooh!’(…)”

Dieser Auszug entstammt dem Lied “In my head” von Jason Derulo aus dem Jahr 2010. Neben dem eindeutigen Text sind immer wieder seufzende, hechelnde und stöhnende Geräusche zu hören, die man in Verbindung mit dem Text eindeutig sexuell zuordnen kann. Was ist nun die Funktion dieser Anspielungen?

Musikwissenschaftler und Soziologe Dietrich Helms beschreibt in seinem 2011 erschienenen Essay über „Erotik und Musik“ die Musik als ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, welches eine Sonderwelt der Kommunikation eröffnet, die sich vom Alltag abhebt“. Das heißt, wenn wir ein Lied hören und uns darauf einlassen, eröffnet uns die Musik für die Dauer des Liedes eine neue Welt, in der Kommunikation unter anderen Bedingungen abläuft. Diese von Helms beschriebene „Sonderwelt“ hat einen starken Spielcharakter, denn es bleibt unklar, wie ernst das Kommunizierte gemeint ist, da andere Regeln gelten als in der Realität. Beispielsweise ein Liebesgeständnis ist in einem realen Gespräch ein großer, ernster Schritt, während ein „I love you“ in einem Lied viel unklarer ist, da man hier nie sicher sein kann, ob es Spiel oder Realität ist.

Dies lässt sich nun auch auf den Bereich der Erotik beziehen. Dietrich Helms sagt in seinem Essay, dass sich die von der Musik geschaffene Sonderwelt wunderbar dazu eignet, Handlungen des Flirtens und der Anmache unverbindlich zu erproben und zur Diskussion zu stellen.

Dazu passt, dass Jason Derulos Lied vor allem ein Hit in Clubs und Diskotheken ist, in denen ja bekanntlich das unverbindliche Flirten eine große Rolle spielt. Die Musik in Verbindung mit dem Tanzen, bei dem Körperkontakt normal und begründet ist, bietet also die perfekte Gelegenheit sich unverbindlich einander anzunähern und während die Musik läuft „so zu tun als ob“. Ob man, nachdem die Musik aus ist und man sich wieder in der „realen“ Welt befindet, getrennte Wege geht oder weiterhin Kontakt hält, bleibt dann jedem selbst überlassen.

Treffend dazu beginnt Jason Derulos Song „In my head“ mit den Zeilen:

„Everybody’s looking for love, oh oh. Ain’t that the reason you’re at this club, oh oh. You ain’t gonna find a dance with him, no oh. I got a better solution for you girl, oh oh. Just leave with me now, say the word and we’ll go…”

Dietrich Helms hält es für sehr wichtig, dass es für den Menschen Freiräume gibt, in denen er unverbindlich mit Erotik und der Geschlechtlichkeit des Körpers umgehen kann. Eine Tabuisierung von Erotik sieht er als Rückschritt und nachhaltige Gefährdung der sexuellen Selbstbestimmung. Sexualität wird in unserer Kultur heutzutage nicht mehr nur im privaten Bereich thematisiert sondern ist zur öffentlichen Debatte geworden. Wäre dies nicht der Fall, wäre Sexualität direkt extremer mit Erniedrigung und Machtausübung verbunden und sehr viel weniger kontrollierbar. Dadurch, dass Sexualität und Erotik in unseren Kulturkreisen aber heutzutage immer präsent sind, hat die sexuelle Selbstbestimmung und somit auch die individuelle Freiheit enorm zugenommen. Die Musik hat dazu einen großen Teil beigetragen.

Quellenangabe:

Dietrich Helms, Thomas Phleps (Hrsg.): Thema Nr. 1. Sex und populäre Musik. Bielefeld: Transcript Verlag 2011.