Ein Geräusch – Eine Erinnerung. Das akustische Gedächtnis.

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© Judith Huwer

Kann ein Geräusch eine Erinnerung wieder hervorrufen? Durch Bilder und Texte ist es sehr einfach ein erlebtes Ereignis in unserem Gedächtnis wieder zu rekonstruieren. Aber kann auch ein Geräusch, ein Ton oder ein anderes akustisches Signal eine solche Erinnerung bei uns erzeugen? Gibt es vielleicht sogar ganz prägnante Geräusche, die wir zum Beispiel in unserer Kindheit häufig gehört haben und die uns an besondere Situationen erinnern können? In dem Buch Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg von Robert Maier wird beschrieben, wie sich der Zweite Weltkrieg in den Ohren der Beteiligten festgesetzt hat und noch heute bestimmte Geräusche starke Emotionen auslösen können. Haufenweise Bilder, Filme und Bücher behandeln das Thema und halten das Geschehen fest. Rüdiger Ritter spricht in diesem Zusammenhang von „einem Übergewicht visualisierender Erzeugnisse“, die das visuelle Gedächtnis ansprechen, wodurch das akustische Gedächtnis in den Hintergrund gerät.1 Kriegsteilnehmer berichten jedoch, dass vor allem ihre lautlichen Erinnerungen besonders langlebig und nachhaltig sind.2 Für mich stellt sich vorerst die Frage, wie das akustische Gedächtnis funktioniert und wie genau die Erinnerungen geartet sind, die es hervorrufen kann. Hat man sich vielleicht schon einmal selber an eine Situation oder an ein Gefühl erinnert, weil man ein bestimmtes Geräusch, einen Ton oder ein Lied gehört hat?

Auch in dem Buch von Maier werden viele Fragen an das akustische Gedächtnis gestellt. So zum Beispiel, ob jeder einzelne seine individuellen Hörerlebnisse hat und diese in seinem akustischen Gedächtnis speichert oder, ob eine ganze Bevölkerung viele einheitliche akustische Erinnerungen hat, so das man von einem „kollektiven akustischen Gedächtnis“ sprechen kann? Eine weitere Frage richtet sich an die Funktion des akustischen Gedächtnisses. Wie funktionieren akustische Reize und können sie eventuell noch viel stärkere Emotionen hervorrufen als ein Bild?

Viele Fragen sind noch gänzlich unbeantwortet, da es sich um ein relativ neues Forschungsgebiet handelt und das Wissen über das akustische Gedächtnis noch sehr gering ist. Immerhin lässt sich allerdings die These festhalten, „dass man das akustische Gedächtnis als eine eigenständige Form des Gedächtnisses ansehen muss“.3

Was und wie hört man?

Unsere Ohren lassen sich nicht, wie die Augen oder den Mund verschließen, sodass wir die Geräusche um uns herum immer wahrnehmen, wenn auch unbewusst. Um die Bedeutung des Hörens und des Gehörten zusätzlich zu unterstreichen, weist Stephan Marks darauf hin, dass das Gehör als jenes Sinnesorgan gilt, welches am direktesten mit den Gefühlen verbunden ist. Zitiert wird in diesem Zusammenhang der Akustik-Mediziner Gerald Fleischer, mit dem Worten „die Seele hängt am Ohr“.4 Um diese Behauptung zu verdeutlichen, bietet die Musik wohl das anschaulichste Beispiel. Mit Hilfe von Musik ist es möglich, Menschen in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, so Marks. Bestimmt ist jedem schon einmal die Musik in Kaufhäusern aufgefallen, die im ersten Moment eine sehr entspannende Wirkung hat, nachgewiesenermaßen jedoch das Kaufverhalten der Besucher beeinflussen kann.5

Beschäftigt man sich mit der Thematik des Zweiten Weltkrieges, so fällt zunächst auf, dass es unzählige Bilder und Filme gibt, die die Erinnerungen an die Ereignisse des Krieges aufrechterhalten. Genauso wurden die Ereignisse auch immer wieder in schriftlicher Form festgehalten, sodass sich behaupten lässt, dass das akustische Gedächtnis vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.6 Zeitzeugen berichten jedoch, dass gerade Hörerinnerungen zu den prägendsten gehören. Auch die hohe Authentizität und der große Wahrheitsanspruch von Geräuschen, wie zum Beispiel dröhnende Flugzeugmotoren oder das Knattern von Gewehren, verdeutlichen die Wichtigkeit zusätzlich.7 Richert Ortmann, ein Künstler, der sich mit der akustischen Wiedergabe von verschiedensten Situationen beschäftigt, hat den Auftrag bekommen, das Ruhrgebiet akustisch wiederzugeben, wie es sich in der Nachkriegszeit angehört haben muss. Die vielen Bilder und Filme scheinen nicht ausreichend zu sein, um einen wirklich authentischen Eindruck zu vermitteln.

 

Wie funktioniert das akustische Gedächtnis?

Um eine Erinnerung hervorzurufen ist grundsätzlich jedes Geräusch geeignet. Unterschieden werden allerdings drei verschiedene Kategorien, in die sich die Geräusche einordnen lassen, die zum Zeitpunkt des Erlebnisses gehört wurden. Zum einen sind die unmittelbaren Geräusche zu nennen, die direkt mit einem Erlebnis im Zusammenhang stehen. Zum anderen gibt es Geräusche, die durch eine immer wiederkehrende Wiederholung eine physiologische Konditionierung beim Hörer erzeugen und somit die Erinnerung hervorrufen. Die dritte Kategorie umfasst jene Geräusche, die erst im Nachhinein mit einem Ereignis verbunden werden. So zum Beispiel die Musik zu in einem Film oder Kunstmusik.8 Diese Klassifikation der akustischen Reize lässt Ritter schlussfolgern, dass jede Generation ihr eigenes akustisches Gedächtnis ausbildet. Auch hier bietet der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg ein anschauliches Beispiel. So haben unmittelbar beteiligte Personen einen viel direkteren Zugang zu den primären akustischen Reizen des Krieges, als die junge Generation, die solche lediglich durch Filme oder Dokumentationen kennen.9 Deutlich wird somit außerdem, dass dasselbe Geräusch an verschiedene Ereignisse erinnern kann und nicht eindeutig an nur eine Situation gebunden ist. Hat der Veteran im Krieg den Kanonendonner unmittelbar erlebt, wird er mit diesem Geräusch eine völlig andere Situation verbinden, als ein Jugendlicher aus der heutigen Zeit, der jenes Geräusch im Zusammengang mit einer Dokumentation wahrnimmt.

Möglicherweise werde ich in Zukunft genauer hinhören, wenn mir ein Geräusch, ein Ton oder ein anderer Klang bekannt vorkommt und mich fragen, wo ich ihn schon einmal gehört habe und ob er mich an eine Situation erinnert. Vielleicht haben wir aber auch viel häufiger Hörerinnerungen, als es uns überhaupt bewusst ist. Offen bleibt jedenfalls die Frage, wie jeder einzelne mit seinem akustischen Gedächtnis umgeht. Kann ich Hörerinnerungen bewusst hervorrufen und kann ich in Zukunft vielleicht noch viel mehr Hörerinnerungen haben, wenn ich in meinem Alltag genauer hinhöre? Vielleicht ist es auch nötig, die alten Kinderkassentten auszupacken und einmal zu hören, ob einem dazu noch eine Erinnerung in den Sinn kommt.

 


1. Ritter, Rüdiger: Tönende Erinnerung: Überlegungen zur Funktionsstruktur des akustischen Gedächtnisses. Das Beispiel der Schlacht von Stalingrad, in: Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg, Hrsg.: Robert Maier, Göttingen 2011, S. 31.

2. Maier, Robert: Einführung. in: Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg, Hrsg.: Robert Maier, Göttingen 2011,  S. 11.

3. Ebd. S. 15.

4. Marks, Stephan: Zur Bedeutung des akustischen Mediums für die sozialwissenschaftliche Forschung und Lehre. in: Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg, Hrsg.: Robert Maier, Göttingen 2011, S. 23.

5. Ebd. S. 27.

6. Ritter 2011, S. 31.

7. Ebd. S. 33.

8. Ebd. S. 35.

9. Ebd.

Litereatur:

Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg, Hrsg.: Robert Maier, Göttingen 2011.

Onlinequellen:

http://www.richard-ortmann.de/

http://www.youtube.com/