Von der grauen Masse abheben – Musikgeschmack als Selbstfindungsprozess

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Gemäß dem Motto „Zeig mir was du hörst und ich sage dir, wer du bist“ beschäftigen sich viele Musik- und Sozialwissenschaftler mit dem Phänomen der Identitätsbildung durch Musik. Nach dem Soziologen Simon Frith ist Musik zur Bildung der individuellen und kollektiven Identität ausschlaggebend.

Musik wird von jeder Person, abhängig von ihrer emotionalen Stimmung und dem sozialen Umfeld, unterschiedlich aufgefasst und verarbeitet. Ein gemeinsamer Musikgeschmack verbindet und spiegelt somit auch eine soziale Gruppe wider. Gekoppelt mit beispielsweise gleichem Kleidungsstil und politischen Einstellungen, formt sie eine kollektive Identität. Hierbei ist wichtig, dass die Art und Weise, wie Musik persönliche und kollektive Identitäten formt, die gleiche ist, jedoch mit unterschiedlichen Resultaten. Weiter bezeichnet Frith die Rezeption von Musik als intellektuelle Erfahrung, da jeder Rezipient beziehungsweise Hörer bei der Rezeption auf seine persönlichen soziologischen Erfahrungen zurückgreift. Tiefergebend lässt sich also nach Frith sagen, dass die Produktion und der Konsum von Musik von dem sozialen Stand und der persönlichen intellektuellen Erfahrung abhängig ist, da die verschiedenen sozialen Gruppen über unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse verfügen.

Durch die Musik, so Frith weiter, können wir uns als Hörer emotional mit dem Künstler identifizieren. Meiner Meinung nach macht gerade diese Eigenschaft von Musik das „Fan-Sein“ aus. Wir fühlen uns von der Musik repräsentiert, sie unterstützt unsere Stimmung und so identifizieren wir uns mit dem Künstler und interessieren uns für sein Leben. Diese emotionale Identifikation läuft jedoch intuitiv ab, da wir uns, stimmungsabhängig und intuitiv, für bestimmte Songs entscheiden. Wichtig ist hierbei, dass unsere aktuelle, emotionale Stimmung widergespiegelt und unterstützt wird. Sind wir fröhlich, bevorzugen wir fröhliche Musik – sind wir traurig oder melancholisch, greift man automatisch zu emotionaleren Songs. Hieraus folgernd sagt Frith, dass die musikalische Identität beweglich ist und sich in einem ständigen Wandel bewegt.

Meiner Meinung nach ist Musik tatsächlich prägend für die Bildung der kollektiven, und damit verbunden, der individuellen Identität. Musik ist allgegenwärtig und weist ein sehr breites Spektrum an Emotionalität und Identifikationsmöglichkeiten auf. Von Klassik bis Hip Hop, von Schlager bis Metal. Jeder Mensch findet sich in einer Musikrichtung wieder und durchläuft vielleicht im Vorfeld einige Stadien, um die „richtige“ Musik zu finden. Ich habe beobachtet, dass gerade Jugendliche in der pubertären Phase einige extreme Musikrichtungen „ausprobieren“. Musik spiegelt bestimmte soziale Gruppen wider. Die Musikgruppen nutzen die Musik für politische Statements, reine Vermittlung von Emotionen oder Spaß. So hören zum Beispiel politisch links-orientierte Personen nach dem Klischee Punk. Während Jugendliche sich in der Pubertät gegen die elterlichen Prinzipien wenden, durchlaufen sie auch verschiedene soziale Gruppierungen und damit verbunden verschiedene Musikrichtungen, bis sie „sich selbst“ gefunden haben. Musik ist also, so Frith, ein Selbstfindungsprozess. Andererseits hilft jedoch auch der Musikgeschmack der Eltern bei der Findung der „richtigen“ Musik und damit beim Selbstfindungs- und Identitätsbildungsprozess.

Es ist belegt, dass Musik in der Schwangerschaft das ungeborene Baby beruhigt und nachhaltig prägt. Die Langzeitstudie von dem Musikpädagogen Hans Günter Bastian hat ergeben, dass regelmäßiges Musizieren in den ersten vier Schuljahren die Intelligenz der Schüler deutlich fördert. (1) Diese Tatsache hängt mit den Nutzungsfeldern der linken und rechten Gehirnhälfte und deren Kopplung beim Musizieren zusammen, worauf ich hier aber nicht näher eingehen werde. Weiter hat eine Studie der britischen University of Warwick anhand einer Studie herausgefunden, dass intelligente Menschen eher Metal oder Rockmusik hören. „Als einen möglichen Grund nannte Stuart Cadwallader, verantwortlicher Psychologe der Studie, den Druck, dem die hochbegabten Schüler ausgesetzt sein könnten.“ (2) Nach Frith zeichnet sich die dem Metal entgegen gesetzte Popularmusik durch ihre Popularität und die Identifikation durch ein breites Publikum aus. Bezogen auf die Studie der University of Warwick könnte man also darauf schließen, Popularmusik die „graue Masse“ anspricht.

Zusammenfassend unterstreicht der Text „Musik und Identität“ (3) von Simon Frith die bekannten Annahmen von dem Potenzial zur Identitätsbildung durch Musik und dass man sich mit der Musik, die man favorisiert, identifizieren kann. Gerade weil man sich mit der Musik, den Texten und den Melodien identifizieren kann, ist Musik ein fester Bestandteil des individuellen und kollektiven Lebens.

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Fußnoten:
1. Vgl. Bastian, Hans G. Musik(erziehung) und ihre Wirkung: Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen. SCHOTT MUSIC GmbH & Co KG, Mainz (2000)

2. http://www.shortnews.de/web/id/660279/start.cfm

3. Frith, Simon. Musik und Identität. In: Jan Engelmann, Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader. Campus Verlag. Frankfurt am Main (1999)