Akustische Pathosformeln

Pathosformel? Was könnte dieser Begriff bedeuten? Musik, in welcher Form auch immer, gibt es schon seit Ewigkeiten. Ob es ein Trommelschlag, ein bestimmter Gesang oder eine spezifische Aneinanderreihung von Klängen ist: das nennen wir im Groben „Musik“. Aber gibt es sogenannte Pathosformeln, die sich in der Geschichte der Musik erkennen lassen? Kann man akustische Parameter finden, die wir in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit erkennen können?

Der Begriff „Pathos-Formel“ geht auf den Kunsthistoriker Aby M. Warburg zurück und ist dementsprechend ein kunstgeschichtlicher Begriff. Man versteht darunter die Darstellung formelhafter Gestik und Mimik des Gefühlsausdrucks, denen eine universale Gültigkeit unterstellt wird. Warburg stellte es sich zur Aufgabe zu untersuchen, ob historische Bilder eine Kontinuität in Fragen des Ausdrucks und der Pose aufweisen. In einem seiner bekanntesten Aufsätze entwickelte er zum ersten Mal die Pathosformel, indem er Spuren antiker Gebärdensprache in der Renaissance nachverfolgte. „Der Tod des Orpheus“ wurde von einer Vielzahl von Künstlern gemalt, gemeißelt und gezeichnet, sodass sich diese Darstellung als ein geeignetes Vergleichsobjekt anbot. Diese Reihe von Bildern von Albrecht Dürer, Andrea Mantegna, Antonio Pollaiuolo und anderen ermöglichte es Warburg zu behaupten, dass es eine historische Psychologie des menschlichen Ausdrucks gibt. Von Affekten bis zu ihrer kulturellen Verarbeitung durch Tanz, Kampf oder Melancholie wurden in der Renaissance Gebärden aus der Antike verwendet.

Nun stellt sich die Frage, ob es so etwas Ähnliches auch in der Musik gibt. Können wir Tonfolgen, Lautstärken und Harmonien identifizieren, die einen bestimmten Effekt in uns hervorrufen? Und können diese spezifischen Parameter auch den gleichen Gefühlsausdruck auslösen? Wenn dies der Fall sein sollte, dann wäre es doch ziemlich einfach für Künstler, Komponisten und Song writer einen Hit zu landen. Fein nach dem Motto – wenn es bei dem Stück mit dieser Melodie funktioniert hat, warum dann auch nicht beim Nächsten?!

Bis heute kann man sagen, dass bestimmte Musikarten, insbesondere Opern und Musicals einen großen Wert darauf legen, dass die Musik und die Melodien an den Inhalt der Stücke angepasst werden. Eigentlich ist dies auch die einzige Möglichkeit die erwünschte Wirkung zu erzielen. In älteren Werken wurde darauf geachtet, dass sie eine Geschichte erzählen. Durch bestimmte Tonfolgen, das Tempo, die Stärke des Anschlags der Saiten oder Tasten –  diese Aspekte hatten einen enormen Einfluss auf das Stück und wie dieses rezipiert wurde. Es ist allgemein bekannt, dass Musikstücke, die in Moll gespielt werden Traurigkeit, Wut oder Melancholie hervorrufen. Dur-Musikstücke hingegen, evozieren Heiterkeit und Optimismus. Bereits Nietzsche betonte in seinem Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ , dass eine Mischung aus dem Apollinischen (ruhig, geordnet) und dem Dionysischen (rauschhaft, ungestüm) eine Garantie dafür seien, dass der Rezipient sich in ein Stück hineinversetzen kann, um es zu spüren.

Nietzsche und bedeutende Komponisten wie Wagner, Mozart und Beethoven hatten die Macht der Musik „verstanden“ und schufen so weltbekannte Opern, Symphonien und Operetten. Und diese funktionierten, weil eben bestimmte Pathosformeln benutzt wurden. Auf einen heiteren Teil folgte ein melancholischer, zum Höhepunkt kam es, als die Musik lauter wurde, das tragische Ende kumulierte in einem „Wirrwarr“ bis es still wurde und das Stück zu Ende war. Im Zusammenhang dazu könnte man sich jetzt aber fragen, ob die Künstler von heute sich immer noch so viele Gedanken darüber machen, wie sie ihre Musikstücke komponieren. Wenn wir mal ehrlich sind, ist es meistens der Fall, dass jemand das Lied schreibt, ein anderer die Musik dazu komponiert oder einfach vorhandene Töne, die schon aufgenommen wurden, miteinander mixt und der Sänger es vorgelegt bekommt und den Songtext singen soll. Es ist zu einer Seltenheit geworden, dass Sänger alles selbst und individuell machen – sich eigene Texte überlegen und dazu die Musik „entwerfen“.

Dieses Beispiel von „Axis of Awesomness – 4 Chords“ zeigt ganz deutlich, dass die gleiche Tonfolge in einer großen Anzahl von Songs wiederverwendet wird. Und jedes dieser Lieder war ein Erfolg. Es steht nun zur Debatte, wie wir den Pathosformelbegriff auf diesen Sachverhalt anweden können (vgl. dazu auch den Beitrag von Tobias Müller über das Geheimnis der Hits auf diesem Blog).

Einerseits bleiben die Tonfolge, Lautstärke und das Tempo gleich (mit der Ausnahme, dass im 2. Teil die Geschwindigkeit erhöht wird, die Akkordreihenfolge bleibt gleich). Dies würde beinhalten, dass es in Bezug auf die Komposition so etwas wie eine Pathosformel gibt. Andererseits müssen wir uns fragen, ob die gleichen Gefühle evoziert werden. Die zweite Aussage ist schwierig zu belegen, da jeder ein differenziertes und subjektives Musikempfinden hat. Ein weiterer Punkt, der es erschwert eine konkrete Antwort zu geben, ist die Tatsache, dass die meiste Musik, die wir heutzutage hören unter „Mainstream“ fällt.Viele von uns hören Musik nicht mehr der Musik willen. Wir trällern zwar mit, aber ob wir verstehen, was wir singen oder gar die Töne treffen, ist ziemlich egal.

Haben wir es etwa verlernt anspruchsvolle Musik zu hören? Liegt es vielleicht daran, dass mehr Mainstream-Musik als klassische Musik produziert wird? Natürlich hört man sich trotzdem gerne auch mal  ein Stück von Wagner oder Mozart an, um sich in den Bann der Harmonien und Melancholien ziehen zu lassen. Jedoch gehört Mainstream zu unserem Alltag, klingt oft sehr ähnlich, rührt uns aber nicht in dem Maße, wie es klassische Stücke können.

Wendet man nun den Begriff der Pathosformel nach Aby Warburg an, können wir sagen, dass es  akustischen Pathosformeln im Sinne Warburgs eigentlich nicht wirklich gibt. Wenn es um die Gefühlsausdrücke in der Musik geht, gibt es nur noch sehr selten Songs, die die Intention haben diesen oder jenen Gefühlsausdruck hervorzurufen. Oft werden Lieder lieblos komponiert und so „verarbeitet“, dass sie in der breiten Masse Anklang finden, ohne dass ein bestimmtes Gefühl evoziert werden sollte.

Quellen:

Nietzsche, F. (1871). Die Geburt der Tragödie aus der Geiste der Musik.

Warburg, A. (1993) Der Tod des Orpheus. Bilder zu dem Vortrag über Dürer und die Italienische Antike. In: Dieter Wuttke, Peter Schmidt:Aby Warburg und die Ikonologie. Wiesbaden

Wikipedia: Pathosformel. de.wikipedia.org/wiki/Pathosformel