Filmsound als Strategie der Verunsicherung – Teil 2: Kritisches Sounddesign im Film Elephant von Gus van Sant

Screenshot aus Elephant, TC 35'27

Screenshot aus Elephant, TC 35’27

Wie wir in Teil 1 der Serie über Strategien der Tongestaltung im Spielfilm gehört haben, bewegen sich diese im Spannungsfeld zwischen scheinbarer Natürlichkeit und absichtlicher Verfremdung. In diesem Teil nun sehen und vor allem hören wir uns den Film Elephant genauer an, weil er das Prinzip des Found Footage auf die Tonspur anwendet.

Elephant aus dem Jahre 2003 (Regie: Gus van Sant) nimmt lose Bezug auf das sog. School Shooting an der Columbine Highschool von 1999. Wer mehr über die Handlung, mögliche Interpretationen, Kameraführung und Bildkomposition erfahren möchte, dem empfehle ich Koch 2011; Günzel 2007 und die Rezension von Clemens-Carl Härle auf der Seite nachdemfilm.de. Elephant ist geprägt durch eine sehr unaufgeregte, fast schon dokumentarische, multiperspektivische und in Zeitschleifen vorgehende Erzählweise. Die Kamera konzentriert sich auf einzelne Jugendliche, Archetypen der Highschool, und begleitet sie in Plansequenzen über das Schulgelände und durch labyrinthisch erscheinende Korridore.  Innerhalb der Plansequenzen gibt es nur wenige Schnitte, die Wege durch die Schule werden vielmehr in Echtzeit wiedergegeben, daran zeigt sich van Sants Nähe zu der Arbeitsweise des Regisseurs Béla Tarr (Die werckmeisterschen Harmonien, 2000). Aber schauen wir uns zunächst eine Sequenz an:

Sound und Musik

Was war zu hören? Da waren die Stimmen der Schüler, ihre körpereigenen Geräusche und ein Klavier, auf dem der erste Satz der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven gespielt wurde. Nathan kommt ins Bild und setzt damit eine Plansequenz in Gang, die ihn auf dem Weg vom Sportplatz hinüber zum Schulgebäude und in das Gebäude hinein zeigt. Aber woher kommst das Klavierspiel? Aus einem Übungsraum? Aus Nathans Kopf? Oder ist es extradiegetisch? Dann gibt es einen Schnitt, Nathan befindet sich nun im Gebäude, die Kamera ist dichter an ihm dran und zu der Mondscheinsonate kommen weitere Geräusche hinzu, seine eigenen Schritte hört man allerdings nicht. Bei genauem Hinhören sind dafür ein Chor und fremde metallene Geräusche wahrzunehmen. Überdeutlich hebt sich das Knarren der Tür, die Nathan öffnet, von den restlichen Umgebungslauten ab und mischt sich mit einer Bahnhofsansage und quietschenden Bremsen eines Zuges, dann ruft ein Kind auf deutsch mehrmals „Mama“.

Als Nathan seine Freundin Carrie trifft, geht ihr Dialog zwischen den anderen Geräuschen unter, der Zuschauer kann sie kaum verstehen. Die Tonhierarchie, wie sie Mary Ann Doane an amerikanischen Filmen kritisiert hatte (vgl. Doane 1985), wird in dieser Sequenz jedenfalls nicht eingehalten. Erst als Nathan und Carrie im Sekretariat angekommen sind, hört das Klavierspiel auf und passend zum Bild dominieren nun die Umgebungsgeräusche der Schule. Dass die vorigen Geräusche nicht sofort als szenenfremd und überhaupt nicht zum Bild passend wahrgenommen werden, zeigt der Aufsatz von Stephan Günzel, in dem bezogen auf den Soundtrack in Elephant lediglich von Umgebungsgeräuschen, wenigen Dialogen und Musik die Rede ist (vgl. Günzel 2007, 116). Man könnte durchaus annehmen, dass der Sound eigens für den Film von Sounddesigner Leslie Shatz geschaffen wurde. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um Ausschnitte des Soundscapes „Türen der Wahrnehmung“ von Hildegard Westerkamp, das 1996 in Linz entstanden ist, aus seinem Kontext genommen und in das Sounddesign von Elephant eingearbeitet wurde.

An dieser Sequenz wird deutlich, dass Bild und Ton oftmals keine Einheit bilden und der Sound nicht naturalistisch eingesetzt wird. Die Verwendung klassischer Musik in einem Jugendfilm ist dabei nicht so ungewöhnlich wie die Ausschnitte aus „Türen der Wahrnehmung“, übrigens ist dies nicht das einzige Soundscape von Westerkamp im Film. Während des Amoklaufs kann man bei genauem Hinhören Teile aus „Beneath the Forest Floor“, Aufnahmen aus den Wäldern auf Vancouver Island, hören. Statt dramatischer Musik und panischen Schreien der Opfer überrascht der Film auf dem eigentlichen narrativen Höhepunkt, dem School Shooting, mit einem sehr leisen Sounddesign, bestehend aus Naturgeräuschen und langgezogenen Klängen. Die Sprachlosigkeit, die ein solches Ereignis hervorruft, wird über die Tonebene transportiert, anstatt über die Bilder.

Eine weitere Eigenart des Sounddesigns für Elephant ist, dass vermeintliche Mikrofon-Pannen beim Aufnehmen einer Szene absichtlich nicht herausgeschnitten wurden oder dass es vorkommt, dass eine Person von der linken Seite ins Bild kommt, ihre Geräusche aber aus dem rechten Lautsprecher zu hören sind. Diese absichtlichen Fehler sind auf der Bildebene allerdings nicht festzustellen (vgl. Varga 2010, 33).

Dadurch, dass Bild und Ton nicht zusammen zu passen scheinen, erhält die Handlung eine Doppeldeutigkeit. Der Zuschauer kann dem, was er auf Bildebene sieht, nicht trauen, sondern wird angeregt, über die Geschehnisse des Amoklaufs nachzudenken. Leslie Shatz sagt zu der Wirkung dieser Umgehensweise mit Sound bezogen auf das Publikum: „what ends up happening [with] today’s audience is that they interpret [the soundtrack] as being surreal. For them, a real soundtrack is one that’s clean and polished and has no external noises.“ (Klinger 2005)

Literatur:

Doane, Mary Ann. 1985. Ideology and the Practice of Sound Editing and Mixing. In: Film Sound. Theory and Practice, hg. von Elisabeth Weis und John Belton, 54–62. New York: Columbia Univ. Press.

Günzel, Stephan. 2007. Raum – Topographie – Topologie. In: Topologie. Zur  Raumbeschreibung in den Kultur- und Medienwissenschaften, hg. von Stephan Günzel, 13–29. Bielefeld: Transcript.

Klinger, Gabe. 2005. Sound Auteur. Interview with Leslie Shatz. The International Federation of Film Critics. http://www.fipresci.org/undercurrent/issue_0106/shatz_klinger.htm (Zugegriffen: 26. Mai 2012).

Koch, Manuel. 2011. Death by Misadventure? Vorzeitige Lebensabschiede in der Todestrilogie. In: Gus van Sant, hg. von Manuel Koch, 22:64–93. Film Konzepte. München: edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag.

Varga, Johannes. 2010. Extradiegetisches Sounddesign in den Filmen von Gus van Sant. Potsdam: Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf, unveröff. Dipl.-Arbeit.