Buschfunk 1.0

©Tilo-Hensel'

Wer heutzutage eine wichtige Nachricht schnell verbreiten will, hat es relativ leicht. Einfach auf Twitter einen Tweet losschicken oder in Facebook etwas veröffentlichen und schon hat man eine Menge Leute erreicht. Besonders schnell scheint dies bei Gerüchten zu gehen. Anscheinend sind diese oft von einem so hohen Interesse, dass jeder bald Bescheid weiß, was gemunkelt wird. Fragt man dann jemanden, der bestens informiert wirkt, woher er sein Wissen hat, antwortet dieser oft scherzhaft: „Das kam per Buschfunk zu mir.“ Mit Buschfunk ist dabei nicht die twitterähnliche Funktion des StudiVZ gemeint, sondern eher eine Art magische Verbreitung der Nachricht. Niemand weiß so wirklich, wo diese herkommt und wie sie genau unter die Leute gekommen ist.

In unserer Gesellschaft hat sich die schnelle Nachrichtenverbreitung im großen Stil erst mit der Erfindung des Radios durchgesetzt. Das PPrivatpersonen die Senderrolle einnehmen können ist sogar erst mit der Erfindung des Social Webs gekommen. Beide Entwicklungen brachten viele Diskussionen mit sich, da es neue Technologien waren, die das Potenzial hatten und haben, das ursprüngliche Sender-Empfänger Modell zu verändern.

Obwohl eine solche Erfindung lange herbeigesehnt wurde, ließ sie extrem lange auf sich warten. Fraglich ist warum. In anderen Gesellschaften, die viel rückschrittlicher wirken, gibt es seit Jahrtausenden Wege, Nachrichten schnell zu verbreiten. Mit Hilfe von Sound und ganz ohne komplizierte Technologien nutzt man in Afrika schon seit Jahrhunderten den Buschfunk.

Radio ohne Strom

Als die ersten Kolonialisten an der Westküste Afrikas ankamen, stießen sie auf unerwartete Probleme. Man hatte geplant, die Afrikaner zu überraschen und sie förmlich zu überrennen – doch vergebens. Eine Überraschung der Afrikaner war nicht möglich, denn bereits ein bis zwei Tage nach der Ankunft der Europäer wusste man sogar im Inneren des Kontinents von dem Eintreffen und den Plänen der Ankömmlinge. Der Kampf um Guinea beispielsweise, der auf afrikanischer Seite von Samory Touré angeführt wurde, zog sich 13 Jahre (1880-1893) in die Länge. Der Grund dafür, dass die Afrikaner so lange stand halten konnten, war, wie Touré selber sagte, dass er fortwährend über die Aktionen und Bewegungen der Franzosen Bescheid wusste. Für die Europäer war es ein Rätsel, wie sich die Nachrichten so schnell verbreiten konnten. Ihnen hätte auffallen sollen, dass all ihre Bewegungen von Trommelmusik begleitet wurden. Genau daraus besteht nämlich der Buschfunk.
Das Erstaunliche: Man ist nicht darauf beschränkt nur wenige Signale, wie beispielsweise „Gefahr“ zu Trommeln. Es ist möglich komplexe Botschaften, wie Orte, Personen und Aktionen, also ganze Sätze zu versenden. Die Trommel ist eine Art Radio ohne Strom.

Wie schaffen die Afrikaner es, mit Trommeln Botschaften zu versenden? Wie läuft es genau ab und warum versenden die Deutschen keine Trommelnachrichten?

Ein Blick auf die kulturellen Begebenheiten zeigt, warum die Afrikaner mit Trommeln kommunizieren können und warum sie für die Europäer „nur“ zum Musikmachen taugen.

Die Tonsprache macht´s möglich

Abbildung 1: Afrikanische Trommler

Abbildung 1: Afrikanische Trommler

Musik spielt in Afrika eine besondere Bedeutung. Während sie vor allem im früheren Europa nur zu bestimmten Anlässen gespielt wurde, ist sie aus dem afrikanischen Leben nie wegzudenken gewesen. Alle Lebensabschnitte wie Geburt, Kindheit, Pubertät, Hochzeit oder Begräbnis als auch Tätigkeiten wie Handwerk, Landarbeit, Fischfang und Jagd werden traditionellerweise von ihr begleitet. Sie unterstützt Sprüche, Dichtungen, Erzählungen, die Geschichtslieferung und ruft Ahnen und Geister.  Alles was mit Musik verbunden ist, ist für Afrikaner mehr als nur Musik. Vermutlich weil sie so einfach herzustellen ist, ist die Trommel auf dem schwarzen Kontinent besonders beliebt. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Trommelarten wie in Afrika. Kein Wunder also, dass man dort eher auf die Idee kommt, mit der Trommel zu kommunizieren als in Deutschland.

Das Prinzip, gesprochene Sprache in getrommelte Nachrichten zu übertragen, also äußerst komplexe Signalbündel (Wörter) in relativ einfache Signale (einen bestimmten Trommelschlag) umzuwandeln, ist überhaupt nur möglich, weil es sich bei den Sprachen, die durch Buschtrommeln übermittelt werden, um Tonsprachen handelt. Tonsprachen verfügen über nur wenige Konsonanten und Vokale, was dazu führt, dass man nur relativ wenige Wörter aus diesen formen kann. Der Wortschatz ist somit stark begrenzt. Da für eine funktionierende Sprache aber eine Vielfalt an Worten notwendig ist, greifen die Tonsprachen auf Tonlagen zurück, die den Wörtern eine jeweilige Bedeutung zuweisen. Wird also ein und dieselbe Silbe mit einem höheren oder tieferen Ton ausgesprochen, kann diese eine unterschiedliche Bedeutung aufweisen. Ein einfaches Beispiel aus dem Yoruba (einer afrikanischen Sprache) ist „ma“. Das Wort kann „sehen“, „aufhören“ oder „gebären“ bedeuten, je nachdem wie man es ausspricht. Bestimmte Wörter oder Sätze bestehen somit aus festgelegten Betonungen. Diese Erweiterung der Sprache hat jedoch seine Nachteile. Wird die Tonlage nicht verändert, wird das Gesagte unverständlich und höchstens noch im Kontext erschließbar. Hinzu kommt, dass die verschiedenen Tonlagen relative Angaben sind. In Isolation ausgesprochen kann es also sein, dass einem Hörer nicht klar ist, ob das Wort einen hohen, mittleren oder tiefen Ton aufweist. Erst durch das Hinzukommen weiterer Töne ergibt sich die Möglichkeit, zu erkennen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen und damit, um welches Wort es sich handelt.

Hier wird ein Unterschied zur deutschen Sprache deutlich. Bei uns hat die Tonlage keinen Einfluss auf die Bedeutung der Wörter, sie ist eher ein Stilmittel, das beispielsweise erkennen lässt, ob ein Satz eine Frage oder eine Aussage darstellen soll. Darin liegt auch begründet, warum die Deutschen keine Trommelsprache haben. Es gibt zu viele Konsonanten und Vokale, die man nicht trommeln kann und die unterschiedlichen Tonlagen die sich mit der Trommel darstellen lassen, sind (fast) bedeutungslos. Es ist eine Sound-Entwicklung, die in unserer Gesellschaft nie eine Chance hatte.

Der Ablauf der Nachrichten

Die getrommelten Botschaften bestehen aus einem standardisierten Teil, der den Absender, die Art der Botschaft und den Empfänger angibt, und einem individuellen Teil, der den eigentlichen Inhalt der Botschaft enthält. Der standardisierte Teil der Nachricht kommt meist zu Beginn und wird durch mehrere Schläge eingeleitet. Darauf folgt der eigentliche Inhalt der Botschaft. Hier nutzt der Trommler meist „Standardfloskeln“ für verschiedene Geschehnisse und ein auf die wichtigsten Begriffe beschränktes Vokabular. Einzelne Wortgruppen oder Wörter werden nicht getrommelt, da die nicht suprasegmentalen Elemente (wie Konsonanten) nicht übertragbar sind und dadurch die Nachricht sehr uneindeutig werden würde. Jeder Trommler verfügt über ein Repertoire von Texten, mit deren Hilfe er die am häufigsten auftretenden Ereignisse beschreiben kann. In diesen Texten kann er aber noch Bestandteile verändern, hinzufügen oder weglassen. Durch die Standardfloskeln ist es für die Zuhörer verhältnismäßig einfach zu verstehen und durch die Möglichkeiten diese zu erweitern, ist die Komplexität der Trommelsprache gegeben.

Das einzige Problem beim Erzeugen und Verstehen der Signale besteht darin, die einzelnen Schlagkombinationen zu erlernen, ihnen also bestimmte Laute zuzuordnen. Den Bevölkerungsmitgliedern sind die Tonhöhen aber ja ohnehin bekannt und auch der Rhythmus ist an die jeweilige Sprache angepasst. So wie ein Kind bei uns den Gebrauch des Radio- und Fernsehgerätes oder die Bedeutung der drei Farben auf einer Fußgängerampel lernt, so erlernen die Kinder in Afrika die Gegenstände ihrer dortigen Umgebung, also beispielsweise giftige von ungiftige Pflanzen zu unterscheiden, sich vor Giftschlagen zu hüten, oder eben die Schlagkombinationen der Buschtrommeln zu erkennen und in ihre gesprochene Sprache umzusetzen.

Die Technologie

Abbildung 2: Tama

Kommuniziert wird mit den sogenannten „Talking Drums“ oder auch Nachrichtentrommeln. Oft sind dies einfache Schlitztrommeln (bspw. in Kamerun). Sie werden aus einem einzelnen ausgehöhlten Baumstamm, Bambusrohr oder (sehr selten) aus Metall mit einem oder mehreren Schlitzen als Öffnung hergestellt. Dabei gilt: Je größer der Stamm, desto lauter der Ton und umso größer seine Reichweite. Die Trommel spielt man, indem man mit Schlägeln die sogenannten Zungen anschlägt. Unter günstigen Bedingungen kann der Ton über eine Entfernung von bis zu 8 km vernommen werden.

Eine andere Trommelart, die gerne genutzt wird, ist die Tama, wie sie beispielsweise in Senegal Verwendung findet. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie  an beiden Enden des Holzkörpers mit Fell, Fischhaut oder anderen Häuten überzogen ist, die mit einem hölzernen Band befestigt werden. Außerdem laufen lederne Schnüre oder Zapfen über die Länge des Trommelkörpers und werden jeweils miteinander verknotet. Der Trommler hat die Möglichkeit die Tonhöhe des Instruments zu verändern, indem er die Schnüre zusammendrückt, da sich somit die Spannung des Trommelfells ändert.

Internet statt Trommel

Die Erfindung der Trommelsprache zeigt, dass in manchen Kulturen Sound praktikabler ist als Schrift. Eine Buchstabenschrift kann den Tonsprachen nur sehr umständlich gerecht werden. Die Trommelsprache hingegen ist ihr gemäß.

Heutzutage beherrschen nur noch wenige, meist ältere Menschen die Trommelsprache. Die meisten Siedlungen in Afrika verfügen mittlerweile über einen Internet- und Telefonanschluss. Der Buschfunk der Afrikaner stirbt also – ebenso wie der des StudiVZ – aufgrund von Konkurrenz aus und ist vermutlich bald für die Sound Studies Geschichte. Getrommelt wird heutzutage nur noch aus traditionellen Gründen, beispielsweise bei Festen, bei denen man mit Geistern und Göttern in Kontakt treten möchte. Auch hier wird die Trommelsprache genutzt, ob sie aber ebenso erfolgreich einen Empfänger findet, wie beispielsweise damals bei der Verbreitung, dass die Kolonialisten kommen, darf bezweifelt werden.

Video

Quellen

Bildnachweise
Abbildung 1: Afrikanische Trommler. Online unter: http://www.nato-leipzig.de/php/upload/2003111055_wagogo%20queens%201.jpg (Stand 28.07.2012)

Abbildung 2: Tama. Online unter: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/TalkingDrum.jpg (Stand 28.07.2012)