Der Klang der Glocke – kling Glöckchen…

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Zur vollen Stunde hört man sie, jede Viertelstunde hört man sie, zur Mittagszeit besonders lange und um 19 Uhr schon wieder. Die Glocken der Nikolaikirche in Siegen.1 Sie informieren die Bürger der Stadt nicht nur zuverlässig über die aktuelle Uhrzeit, sondern haben auch eine lange Geschichte zu erzählen. Doch oft hört man gar nicht mehr so genau hin. Ihr Klang scheint für uns unwichtig geworden zu sein und man hört nur noch mit einem Ohr zu. Bis vor einiger Zeit ertönte im „Dicken Turm“ des Unteren Schlosses der Stadt sogar noch ein Glockenspiel und ich gebe zu, ich finde es schade, dass es nicht mehr spielt.

Aber wie kommt der Klang einer Glocke überhaupt zustande und wie wird der typische Ton einer Glocke erzeugt? Heute gibt es viele Verwendungen für Glocken, die neben ihrer Akustik und Funktion im Folgenden dargestellt und erläutert werden sollen.

Die Glocke als Musikinstrument

Kann man eine einzelne Glocke überhaupt als Musikinstrument betrachten? Leicht lässt sich die Vermutung aufstellen, ein Musikinstrument ist dadurch als solches ausgewiesen, weil es das Erzeugen mehrerer, verschiedener Töne möglich macht. So würde erst das Zusammenspiel verschiedener Glocken in Form eines Glockenspieles als Musikinstrument verstanden werden können.

Die Frage, ob die Glocke zu den Musikinstrumenten gehört, wird von Gerhard Wagener, Professor an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg, jedoch eindeutig bejaht. Er gibt folgende Antwort: „Wem erst einmal bewußt geworden ist, welcher Ton- und Klangreichtum in einer Glocke steckt, der wird jede einzelne Glocke als Musikinstrument zu würdigen wissen. […] In der durch Sachs und Hornbostel 1914 aufgestellten „Systhematik der Musikinstrumente“ zählt die Glocke zu den Instrumenten der vierten Hauptgruppe, die folgendermaßen definiert ist: „Schwingende Platten, durch Klöppel angeschlagen – mit oder ohne Tasten.“ 2
Da Glocken keine separaten Resonatoren benötigen, um einen Ton zu erzeugen, sondern dieser allein durch das Schlagen gegen die Glocke erzeugt wird, gehören sie zu den Idiophonen.

Wie erzeugt die Glocke ihren Ton

Querschnitt einer Glocke © Kurt Kramer

Spricht man heute von „der Glocke“, so meint man in der Regel die Läuteglocke oder Kirchenglocke, wie sie in jeder noch so kleinen Kapelle zu finden ist. Der Anschlag der Glocke durch einen Klöppel im Inneren, erzeugt den Ton. Das so genannte Glockenschlagen erfolgt entweder durch die pendelnde Bewegung der gesamten Glocke (schwingend aufgehängte Glocken), oder durch das ausschließliche Schwingen des Klöppels (arretierte Glocke). Jede Glocke hat ihren ganz eigenen Ton, der durch sehr viele verschiedene Faktoren zustande kommt. Der Klang einer Glocke hängt nicht nur von ihrer Form ab, sondern auch von dem Glockenturm, in dem sie sich befindet, der Montage und dem Wartungsdienst, der regelmäßig ausgeführt werden muss. Man kann sich kaum vorstellen, dass sogar die Konstruktion und die Materialen des Glockenturms eine Auswirkung auf den Klang der Glocke haben können.3

Der Klöppel ist jedoch die wichtigste Komponente für die Klangentfaltung der Glocke. Vor allem seine Gestalt ist dabei ausschlaggebend. Durchmesser, Höhe, Material, die Stärke der Außenwand der Glocke, Gewicht und Schwerpunktlage der Glocke müssen dabei berücksichtigt werden. Die Proportionen des Klöppels und seine richtige Positionierung sind vor allem wichtig, für die Intensität, mit der er auf den Glockenschlagring aufprallt und den Ton, der so erzeugt wird.

Der Ton, den eine Glocke erzeugt, hängt also von vielen verschiedenen Faktoren ab, die beim Gießen der Glocke berücksichtigt werden müssen. Jobst P. Fricke macht in seinem Text „Schwingungsformen der Glocke“ zusätzlich darauf aufmerksam, dass es sich bei dem Ton einer Glocke um eine Mischung aus Harmonie und Disharmonie handelt. Hört man beim Glockenschlag genau hin, so ist gut zu erkennen, dass es sich nicht um einen reinen und ganz klaren Ton handelt. Das hängt mit den Schwingungen der Glocke zusammen, die durch den Aufprall des Klöppels entstehen. Diese können je nach Gestalt der Glocke völlig unterschiedlich sein und so einen ebenso vielfältigen Ton erzeugen.4 

Zwei Glockenmotive zum Nachhören:

Glockenmotiv: Te Deum

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Glockenmotiv: Gloria

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Die Glocke als Symbolträger

In der europäisch-abendländichen Kultur steht die Glocke schon seit dem Mittelalter vor allem für die Messung und die Anzeige der Zeit. In unserem täglichen Leben ist sie nach wie vor ein Symbol für die Zeit, „Die Glocke, welche uns die Stunde schlägt“. Aber allein die Position der Glocke, hoch oben über den Häusern, in einem großen Turm untergebracht, verweiset auf eine weitere Symbolwirkung. Das Glockengeläut dient auch als Rufzeichen, für die Gemeinde. Heute kündigt die Glocke  in erster Linie den Gottesdienst an, doch im Mittelalter galt sie vor allem als Herrschaftsinstrument und diente als Signal für das Volk zur Versammlung.5 Das Öffnen und Schließen der Stadttore, Hinrichtungen von Straftätern, Arbeitsbeginn und –ende wurden durch das Läuten der Glocke angekündigt und städtische Verordnungen waren ohne das Läuten ungültig. Als Warnsignal wurde sie ebenfalls eingesetzt und konnte so vor Gefahren schützen.

Vor allem als Symbol für religiöse Gemeinschaft ist die Glocke besonders wirkungsvoll und zeigt ihre Stärke. So war das Läuten der Kirchenglocken in der ehemaligen DDR verboten worden und viele Glocken wurden zerschlagen, um die durch das Läuten entstehende Zusammengehörigkeit zu unterbinden.6

Die Glocke, ein Symbol für Recht, Freiheit und Macht, ist auch in unserer heutigen Zeit nicht wegzudenken. Man kann jedoch behaupten, dass viele ihrer ursprünglichen Funktionen schon seit einiger Zeit durch moderne Geräte oder Institutionen ersetzt wurden und die Glocke an Bedeutung für den Einzelnen verloren hat. Trotzdem gestaltet ihr Läuten nach wie vor den akustischen Raum mit, in dem wir uns befinden.


1. http://nikolai.kirchenkreis-siegen.de/index.php?uid=23

2. Wagener, Gerhard: Die Glocke als Musikinstrument. in: Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde, Band 2, Karlsruhe 1997, S. 45/46.

3. Kramer, Kurt: Die Voraussetzung für eine gute Klangentfaltung des Geläutes. in: Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde, Band 2, Karlsruhe 1997, S. 174-181.

4. Fricke, Jobst P.: Schwingungsformen der Glocke. – Obertonaufbau und Doppelereffekt der schwingenden Glocke -, in: Glocken in Geschichte und Gegenwart. Beiträge zur Glockenkunde, Band 2, Karlsruhe 1997, S. 143-153.

5. Bund, Konrad: Die Entwicklung der mittelalterlichen Glocke vom Signalgeber zum Musikinstrument. In: Michaelsteiner Konferenzberichte 56. Glocken und Glockenspiele, Michaelstein 1998, S. 46-48.

6. http://domradio.de/aktuell/artikel_56262.html

Literatur:

Bartmann, Manfred; Böhme, Ulrich; Bossin, Jeffery; et al.: Glocken in Geschichte und Gegenwart. – Beiträge zur Glockenkunde – , Band 2, Hrsg.: Beratungsausschuß für das Deutsche Glockenwesen, Karlsruhe 1997.

Schrammek, Winfried; Seidel, Wilhelm; Lustig, Monika; et al.: Glocken und Glockenspiele. Michaelsteiner Konferenzberichte 56, Michaelstein 1998.

Onlinequellen:

http://domradio.de/aktuell/artikel_56262.html

http://www.earsugar.de/instrumente/idiophone/

http://nikolai.kirchenkreis-siegen.de/index.php?uid=23

http://commons.wikimedia.org