Sensory History – Der Klang der Geschichte

Quelle: www.history.org

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Sound Studies und den Geschichtswissenschaften? – Dem Ein oder Anderen wird sicherlich sofort die Verbindung zwischen den Friedenbewegungen der 1960er Jahre und der gleichzeitig entstehenden Musikkultur einfallen oder auch die Verstaatlichung des Radios und dessen Missbrauch als Propagandainstrument zur Zeit der Nationalsozialisten. Aber wie sieht es aus mit Klängen oder dem Sinn des Hörens im Laufe unserer jahrtausendalten Geschichte? Welche Bedeutung hatten die Sinne, in unserem Fall der Gehörsinn, zur Zeit Aristoteles? Klangen im 19. Jahrhundert die Südstaaten anders als der Norden der USA?

Das Feld der „Sensory History“  setzt sich mit solchen Fragen auseinander. Die Wahrnehmung und Bedeutung der Sinne wird dabei im Zusammenhang mit dem jeweiligen historischen Hintergrund seiner Zeit erforscht. Der amerikanische Geschichtsprofessor Mark M. Smith schreibt dazu, dass die Sinne, von den Menschen im Laufe der Geschichte unterschiedlich wahrgenommen und verstanden wurden (vgl. Smith, S.3), wodurch die Bedeutung einzelner Sinne nicht ohne den Blick auf die gesellschaftlichen Einflussfaktoren analysiert werden können. So haben beispielsweise wahrgenommene Klänge für die Menschen früherer, auf Grund der gegebenen Umstände, einen anderen Sinngehalt gehabt, als sie es heute für uns haben. Lässt man den historischen Kontext bei einer Untersuchung eines Sinnes außen vor, kann es zu falschen Ergebnissen kommen, da der Blick möglicherweise verfälscht wird. Denn die Wahrnehmung der Sinne ist laut Constance Classen nicht nur physisch geprägt, sondern auch kulturell. Die Wissenschaft der „Sensory History“ schließt diese kulturellen Aspekte in ihrer Untersuchungen mit ein. Neben dem kulturellen Aspekt, wird aber auch die Veränderung der menschlichen Wahrnehmung im Laufe der Zeit berücksichtigt. Damit löst sich die Sensory History von der „Naturhaftigkeit“ von Sinneswahrnehmungen (vgl. Jütte, S.18).

Der Hörsinn

Von den fünf Sinnen spricht man schon seit der Antike. Aristoteles (384 – 322 v.u.Z.) entwickelte eine Sinneslehre, die bis weit über das christliche Mittelalter hinaus bestand hatte. So schreibt er über den Hörsinn, dass unsere Ohren ein Geräusch wahrnehmen, der Schall aber von außen kommt und nicht im Ohr ist (vgl. Jütte, S.50). Für die Wahrnehmung des Schalls macht Aristoteles ein luftartiges Organ in der Paukenhöhle verantwortlich. Aristoteles Auffassung wurde bis in die Frühe Neuzeit beibehalten, da das innere Ohr weitestgehend unerforscht war. Auch seine Abhandlungen über die anderen Sinnesorgane sind prägend für weitere Schriften im Laufe der Zeit. Neben der Funktionsweise der Sinne, gibt Aristoteles auch eine Rangordnung dieser an. Der Hörsinn wird in der klassischen Rangordnung der Sinne hinter dem Sehsinn auf der zweiten Stelle eingeordnet. Mittelalterliche Geistliche sahen jedoch im Hören den wichtigsten Sinn, denn dieser sei unabdingbar, um die göttliche Wahrheit sowie Glaubensunterweisungen wahrzunehmen, denn wer auf Gott hört, findet Erlösung (vgl. Jütte S.78). Auch bildlich weist die Kirche dem Ohr eine hohe Stelle zu. Denn einige mittelalterliche Bilder stellen die unbefleckte Empfängnis der Maria durch das Ohr dar, indem das Jesuskind auf Strahlen zu Marias Ohr geleitet wird (vgl. Jütte, S.105f.). Auch das Fehlen oder der Verlust des Hörsinns wird schon lange dokumentiert. Viele alte Schriften von Gelehrten aus unterschiedlichen Zeiten weisen auf Ursachen hin, die den Hörverlust erklären, wie zum Beispiel die Blockierung des Gehörgangs durch Ohrenschmalz. Schon die Römer legten gesetzlich fest, dass Taubstumme einen Vormund benötigen, um Rechtsgeschäfte abzuschließen.

Der Wandel von Klanglandschaften

Im Laufe der Zeit hat sich die Klanglandschaft um uns herum sehr verändert. Dieser Wandel zeigt sich zum Beispiel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA. Der Norden kennzeichnete sich durch die Klänge der Industrialisierung und das Gerede über Demokratie, wie Mark M. Smith es beschreibt (Smith, S. 49). Der Süden hingegen war durch Stille geprägt. Auf den Baumwollplantagen des Südens waren nur die Anweisungen der Sklavenhalter an ihre Untergebenen zu hören. Die geforderte Ruhe war Teil ihres Verständnisses der sozialen Rangordnung. Auf den Plantagen war es den Sklaven erlaubt zu singen, denn ihre Besitzer versprachen sich dadurch eine höhere Leistung ihrer Leibeigenen. War der Sklave nicht auf dem Feld, hatte er ruhig zu sein. Dieses Verlangen nach Stille konnten sich einige Sklaven zu Nutze machen. Da sie gelernt hatten leise zu sein, gelang einigen durch dieses Verhalten die Flucht aus der Sklaverei. Nach dem Sezessionskrieg näherten sich die unterschiedlichen Klanglandschaften des Südens und Nordens einander an.

Ein weiteres Beispiel für den Wandel der Klanglandschaft zeigt sich im Theater. Der Historiker James H. Johnson stellt fest, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich ruhiger im Theater war als noch hundert Jahre zuvor. Das Publikum hatte aufgehört zu reden und begonnen dem Geschehen auf der Bühne aufmerksam zuzuhören und es auch zu beurteilen. Für uns ist es heute unvorstellbar, dass ein Theaterbesuch von einem Gemurmel aller Zuschauer begleitet wird. Heute gehört es zum guten Ton, dass man dem Vorgetragenen seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Ein Pläuschchen mit dem Sitznachbarn wird als unhöflich empfunden. Durch das nun aktive Zuhören im Theater entwickelten die Menschen eine neue Sensibilität für Musik. Sie fingen an sich ihrer eigenen Meinung  über die Klänge zu bilden. Aber diese neue Stille wurde auch hier ein Zeichen der sozialen Rangordnung. Wer leise war, war gebildet und hatte Geschmack.

Literatur:

Jütte, Robert (2000): „Geschichte der Sinne – Von der Antike bis zum Cyberspace“. Verlag C. H. Beck: München.

Morat, Daniel (2010): „Sound Studies – Sound Histories“.

Smith, Mark M. (2007): „Sensing the Past: seeing, hearing, smelling, tasting and touching in history“. University of California Press.