Wie klingt der Schnee? – Die Stille und der Mensch (Teil 1 von 2)

Wie klingt der Schnee? © Lydia Deppe

Zu erklären, was Stille ist, ist nicht ganz einfach. Der Duden schlägt gleich mehrere Bedeutungen vor. Mitunter wird die Stille hier als ein Zustand beschrieben, welcher sich dadurch auszeichnet, dass kein Ton mehr zu hören ist. Dies werde häufig als wohltuend empfunden. Absoluter Stille ausgesetzt zu sein, kann jedoch auch schnell unerträglich werden, wodurch die Geräuschlosigkeit als Methode der weißen Folter genutzt werden kann. Was macht die Stille mit dem Menschen? Und wie gehen der Mensch und die Gesellschaft mit dieser um? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

In diesem ersten Teil des Beitrags werde ich zunächst klären, welche Auswirkungen die Stille auf den Menschen haben kann und welche Stellung sie in der Kunst und in der Literatur einnimmt. In einem zweiten Teil werde ich dann darauf eingehen, welche Rolle die Stille im Film und in der Musik spielt. Zudem soll das Schweigen als eine Art Unterkategorie der Stille näher beleuchtet werden.

Was macht die Stille mit dem Menschen?

Die Stille hat auf den Menschen verschiedene Wirkungen. Pädagogen gehen davon aus, dass sie zur Konzentration beiträgt und so ein effektiveres Lernen ermöglicht (vgl. u.a. Rosenwald 2008). Konsequenzen dieser Annahmen werden beispielsweise in Bibliotheken gezogen, in denen meist absolute Stille geboten ist und selbst die leisesten Geräusche mit bösen Blicken bestraft werden. In Schweigeklöstern wird die Stille mitunter genutzt, um die Sinne gegenüber anderen Eindrücken zu schärfen (vgl. Gasser 2012). Es findet also ebenfalls ein Prozess der Konzentration statt, auch wenn dem Schweigen hier weitere Funktionen zukommen, welche über das bloße Schaffen von Stille hinausgehen (vgl. Wie klingt der Schnee? Teil 2).

Der Stille wird auch eine entspannende Wirkung zugeschrieben. Im Duden ist eine der Bedeutungen von Stille der „Zustand des Ruhigseins“ und das Wiktionary listet als charakteristische Wortkombinationen mitunter die feierliche, friedliche und sonntägliche Stille auf. Dass Stille entspannen kann, erfahren wir in unserem Alltag häufig dann, wenn ein störendes Geräusch plötzlich stoppt wie z.B. der durch die Bauarbeiten vor der Haustür oder durch die fünfzehn Jahre alte Waschmaschine verursachte Lärm. Auf die entspannende Wirkung der Stille wird auch bei einigen Formen der Meditation gesetzt. Bei der „Zungenmeditation“ versucht man beispielsweise das innere Denken durch die Konzentration auf die Zungenmitte zum Verstummen zu bringen, um so einen Zustand der absoluten Stille zu erreichen.

Der Psychologe Felix Aeschbacher füllt gleich ein ganzes Buch mit Aussagen über die heilende Kraft der Stille (vgl. Aeschbacher 1992). Darin berichtet er, wie die Stille in der heutigen hektischen Zeit kaum mehr einen Platz in unserem Leben einnimmt bzw. von einigen Menschen gar nicht mehr ausgehalten werden kann. Es sei jedoch notwendig, die Stille aufzusuchen, um so zum eigenen Selbst und damit zu einer höheren geistigen Wirklichkeit finden zu können. „Indem wir still werden, öffnen wir uns für das wahre Leben, schaffen wir erst die Voraussetzung für wirkliche Erkenntnis, für Inspiration und Intuition“ (ebenda: 11).

Stille ist jedoch nicht durchweg positiv zu bewerten. Erhält eine Person über einen längeren Zeitraum oder in sensiblen Phasen der Kindheit keine oder nur ungenügende akustische Reize, so kann dies zu einer irreversiblen auditiven Deprivation führen (vgl. Reinhardt 2003: 1542). Im Allgemeinen wird unter der sensorischen Deprivation die Reaktion des Menschen auf den Entzug von Umgebungsreizen verstanden (vgl. Thomé 2003: 354), die auditive Deprivation bezieht sich lediglich auf die ein Individuum umgebenen Geräusche. Ihre Auswirkungen bestehen mitunter in der Störung der perzeptiven und kognitiven Funktionen, zudem kann es zu Illusionen und Halluzinationen kommen (vgl. Lefrançois 1994: 78). Forschungsergebnisse zur sensorischen Deprivation erhielt man in den 50er und 60er Jahren mitunter durch den Einsatz der sogenannten „camera silens“ (vgl. Forsbach 2011: 65). Dabei handelt es sich um einen licht- und schalldichten Raum, welcher seine Insassen von sämtlichen Sinnesreizen der Außenwelt abschottet. Ein so isolierter Raum wird auch für die weiße Folter genutzt, bei welcher man – anders als bei den klassischen Foltermethoden – versucht, keinerlei Spuren am Opfer zu hinterlassen. Der Künstler Gregor Schneider zeigte 2007 eine Installation, welche sich mit dieser Thematik auseinandersetzt.

Die Ausstellung, welche den Titel „weiße Folter“ trägt, wurde nach Aussagen Schneiders von Internetbildern der Hochsicherheitszellen aus „Camp V“ in Guantánamo Bay inspiriert und soll ein Bewusstsein für Foltermethoden schaffen, welche spurlos die Psyche des Menschen verletzen (vgl. Lorch 2007).

Was macht der Mensch mit der Stille?

Die Stille ist nicht nur ein Phänomen, mit welchem sich die Wissenschaften auseinandersetzen, sondern sie findet auch immer wieder ihren Auftritt in den kulturellen Hervorbringungen der Gesellschaft. So wird sie auch in der Kunst, im Film, in der Literatur und in der Musik thematisiert.

Die Stille in der Kunst

Die Kunst befasst sich mit der Stille nicht im Sinne der Geräuschlosigkeit, sondern als Bewegungslosigkeit. Sie findet sich vor allem in den Stillleben wieder. Bei diesen handelt es sich um Darstellungen unbelebter Gegenstände, wie Blumen, Obst, Speisen oder Möbel. Vormals wurde das Stillleben als Bestandteil des Bildhintergrunds genutzt, gewann dann jedoch als alleiniges Darstellungsobjekt ab dem 17. Jahrhundert immer stärker an Beliebtheit (vgl. Wilkins 2008: 360). Je nach Epoche kam dem Stillleben unterschiedliche Bedeutung zu. So erfüllte es im 19. Jahrhundert das Bedürfnis nach der Darstellung alltäglicher Dinge, während es beim Popkünstler Andy Warhol die Kommerzialisierung thematisiert (vgl. ebenda). Die Stille wird in der Kunst also auf sehr vielfältige Weise genutzt und kann je nach Werk unterschiedliche Bedeutung haben.

Die Stille in der Literatur

In der Literatur tritt die Stille häufig in Gedichten auf. Diverse Schriftsteller und Lyriker gaben ihren Werken den Titel „Die Stille“, darunter Rainer Maria Rilke, Friedrich Hölderlin und Joseph von Eichendorff.

1796 schrieb Wolfgang von Goethe „Die Meeresstille“. 1837 griff Eichendorff diesen Titel wieder auf. Zudem schreibt er von dem „stillen Grund“, dem „stillen Freier“ und der „stillen Gemeinde“. Robert Prutz betitelt eines seiner Gedichte „Nachtstille“ und Joachim Ringelnatz schreibt über die „Stille Winterstraße“. Beachtet man nun zudem den Inhalt verschiedener Gedichte, so lassen sich unzählige weitere Werken finden, welche sich mit unterschiedlichen Formen der Stille befassen. In Eichendorffs Mondnacht fliegt die Seele durch die „stillen Lande“. In „Emilie vor ihrem Brauttag“ von Friedrich Hölderlin ist mitunter von der „stillen Freude“, vom „stillen Ernst“ und vom „stillen Mondlicht“ die Rede. Wilhem Busch schreibt vom „stillen Glück“ in dem Gedicht „So seid denn still!“ und in Heinrich Heines „Tannenbaum, mit grünen Fingern“ ist der Mond der „stille Lauscher“. Diese Liste ließe sich nach Belieben fortsetzten und gibt zunächst zu erkennen, wie bedeutsam die Stille auch in der Lyrik ist. Darüber hinaus wird erkenntlich, dass tendenziell die Natur sowie unterschiedliche Emotionen mit der Stille verknüpft werden. Dies deckt sich in etwa mit unserem täglichen Gebrauch des Wortes. Wir sprechen von stiller Anteilnahme und stiller Trauer, von der Stille der Nacht und des Mondes und davon, dass stille Wasser tief sind.

Die Lyrik setzt sich zwar auch mit der auditiven Stille auseinander, kann von dieser jedoch keinen Gebrauch machen. Dies ist erst bei den Medien der Fall, welche auch aus Klang und Geräusch bestehen. Sie können die Stille im Sinne einer Geräuschlosigkeit nutzen. Auf welche Arten dies geschehen kann, soll im zweiten Teil dieses Beitrags hinterfragt werden.

 

Quellen

Aeschbacher, Felix. 1992. Die Heilkraft der Stille. Reichl Verlag.

Duden (Stille): http://www.duden.de/rechtschreibung/Stille (15.07.2012)

Forsbach, Ralf. 2011. Die 68er Und Die Medizin: Gesundheitspolitik Und Patientenverhalten in Der Bundesrepublik Deutschland (1960-2010). V&R unipress GmbH.

Gasser, Florian. 2012. Schweigekloster: Radikale Stille. Die Zeit, April 5.
URL: http://www.zeit.de/2012/15/A-Kloster (18. 17. 2012).

Guy R. Lefrançois. 1994. Psychologie Des Lernens. Springer DE.

Lorch, Catrin. 2007. Gregor Schneiders Skulptur Saubere Folter in Guantánamo. FAZ.NET, März 20. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/gregor-schneiders-skulptur-saubere- folter-in-guantanamo-1411452.html (17. 07. 2012).

Reinhardt, Dietrich. 2003. Therapie Der Krankheiten Im Kindes- Und Jugendalter. Gabler Wissenschaftsverlage.

Rosenwald, Gabriela. 2008. Über Stille zur Konzentration: Neue Ideen und Konzepte für eine entspannte Lernatmosphäre. 1., Aufl. Kohl-Verlag.

Thomé, Ulrich. 2003. Neurochirurgische und neurologische Pflege. Springer DE.

Wilkins, David G. 2008. Das große Buch der Kunst: Von der Höhlenmalerei bis zur Pop Art. Prestel.

Wiktionary (Stille): http://de.wiktionary.org/wiki/Stille (15.07.2012)