Wie klingt der Schnee? – Die Stille und der Mensch (Teil 2 von 2)

Wie klingt der Schnee? © Lydia Deppe

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde untersucht, wie sich die Stille im Sinne der Geräuschlosigkeit auf den Menschen auswirkt. Positive Effekte lasse sich dabei im Bereich der Entspannung und Konzentration, sowie auf den Gebieten der Meditation und Selbstfindung finden. Negativ wirkt sich die Stille dann aus, wenn sie absolut ist, wenn der Mensch also von sämtlichen akustischen Außenreizen abgeschirmt wird. Halluzinationen und Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten können die Folgen einer solchen Deprivation sein.

Was macht der Mensch mit der Stille?

Nachdem im erste Teil auch die Bedeutung der Stille innerhalb der Kunst und der Literatur beschreiben wurde, soll nun darauf eingegangen werden, welche Rolle sie im Film und in der Musik spielt.

Die Stille im Film

Auch der Film als ein verhältnismäßig neues Medium setzt sich mit der Stille auseinander. In „Jenseits der Stille“ (1996) von Caroline Link wird mitunter die Lebenswelt von gehörlosen Menschen dargestellt.

„Welches Geräusch macht die Sonne, wenn sie aufgeht?“ und „Wie klingt der Schnee?“ sind Fragen, welche der gehörlose Vater seiner Tochter stellt und welche dem Rezipienten eine Vorstellung davon vermitteln, wie es ist, in einer geräuschlosen Welt zu leben. Die Stille ist hier, anders als in der Malerei, wo es um die Darstellung bewegungsloser Objekte geht, auditiv.
Auch der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm „Die große Stille“ (2005) von Philip Gröning widmet sich der akustischen Stille. Gezeigt wird das Leben im Schweigekloster Grande Chartreuse.

Es handelt sich um einen Film, „in dem die Ruhe und die Stille das zentrale Thema sind; ein Film, der Menschen dabei zusieht, wie sie versuchen, sich Gott anzunähern. Eine ihrer Methoden ist es, möglichst wenig zu reden, möglichst viel allein zu sein“ (Suchsland 2005). Gemäß der Grundsätze der Karthäuser kommt der Film nahezu ohne Sprache und gänzlich ohne Filmmusik aus. „Grönings These zufolge kann Zeit nur erlebt werden, wenn Stille einkehrt“ (vgl. Jaeger 2005). Frédéric Jaeger berichtet zudem davon, wie ihm die vielen Geräusche des Alltag, die Musik in den Supermärkten oder im Café nebenan nach dem Kinobesuch wieder besonders stark aufgefallen sind (vgl. ebenda).
Beide Filme rühren ein Thema an, welches eine Art Unterkategorie der Stille betrifft: das Schweigen. Auch dies nimmt innerhalb der Gesellschaft wichtige Funktionen ein.

Exkurs über das Schweigen

Dem Duden zufolge ist das Schweigen eine andere Bezeichnung für „das Nichtreden“ oder auch „das Nicht-mehr-Reden“. Damit wird zunächst die Notwenigkeit des Schweigens deutlich. Einerseits ist es dem Menschen aus biologischen Gründen nicht möglich, pausenlos zu sprechen. In Situationen beispielsweise, in denen wir uns stark konzentrieren müssen, ist Reden nicht mehr möglich. Andererseits verlangen die sozialen Normen danach, Sprechpausen einzulegen, um z.B. ein Gespräch führen zu können. Wir schweigen, wenn unser Gesprächspartner spricht und befolgen damit die gültigen kommunikativen Verhaltensregeln, auch wenn das Schweigen in einem solchen Fall nicht als Stille erlebt wird. All dies sind ganz offensichtliche Gründe, welche das Schweigen untrennbar mit dem Leben verknüpfen. Die Funktionen, welche das Nichtreden für den Menschen übernehmen kann, gehen jedoch weit darüber hinaus.

Ohne das Schweigen können beispielsweise keine Geheimnisse gewahrt werden, weshalb geheime Gesellschaften mitunter auf das Schweigegelübde zurückgreifen, um ihre Geheimhaltung zu gewährleisten (vgl. Simmel 1908: 256ff). Ein Geheimnis wahren zu wollen, kann darüber hinaus diverse andere Gründe haben. Dazu zählt z.B. das Verheimlichen von Straftaten zum Selbst- oder Fremdschutz. Neben der Geheimniswahrung kann das Schweigen auch der Respektbezeugung dienen (vgl. Duman 1999: 20). Dies erleben wird bei Beerdigungen oder noch radikaler bei Schweigeminuten. In Schweigeklöstern wird wiederum auch aus Respekt vor Gott geschwiegen bzw. um sich selbst und zu Gott finden zu können. Eine weitere Funktion kann das Nichtreden in Therapiesituationen übernehmen. „Beim Arzt kann das Schweigen als bewusstes Sich-Zurückziehen im Sinne eines Hörers, bzw. als eine Strategie, um Informationen vom Patienten zu erlangen, interpretiert werden“ (Duman 1999: 6). Schweigt hingegen der Patient so kann dies sowohl Anzeichen von Ratlosigkeit, Orientierungslosigkeit oder Nachdenklichkeit sein, als auch auf Machtspiele mit dem Therapeuten hinweisen (vgl. Streeck/ Leichsenring 2011: 130f). Pausen beim Reden können auch in alltäglichen Gesprächen eine strukturierende und dramaturgische Funktion übernehmen. Macht man vor oder nach einem wichtigen Wort oder Satz eine Pause, so wird das Gesagte hervorgehoben und erhält eine besondere Bedeutung (vgl. Scheerer 2010: 63). Die Pause als dramaturgisches Element tritt jedoch nicht nur in Gesprächen auf, sonder findet sich auch in Filmen und in der Musik wieder.

Die Stille als Stilmittel im Film

Die Stille ist nicht nur dann im Film enthalten, wenn der Film sich explizit mit dieser beschäftigt, sondern sie wird häufig gezielt als dramaturgisches Mittel eingesetzt. Ebenso wie dieser Text durch Pausen in Form von Zeilenumbrüchen strukturiert ist, braucht es Pausen im Film, um dem Zuschauer die Verarbeitung der Informationen zu erleichtern. Darüber hinaus können Pausen Spannung erzeugen, wie wir es aus Horrorfilmen kennen. Gemeint sind hier nicht etwa Werbeunterbrechungen, sondern jene Momente, in denen kein Ton zu hören ist oder das Bild des Films wie eingefroren erscheint z.B. dann, wenn der Protagonist einige Sekunden zögert, bevor er seine Handlung fortsetzt. Teilweise wird die Bewegungslosigkeit der Figuren auch genutzt, um dem Rezipienten Zeit zu geben, sich in dessen Gefühlswelt hineinzudenken bzw. um zu verdeutlichen, dass die im Film gezeigte Person in Gedanken versunken ist. Pausen treten auch da auf, wo ein Handlungsstrang unterbrochen und nach einiger Zeit wieder aufgenommen wird. Diese Methode kann helfen, die Spannung zu erhalten oder zu erhöhen.

Die Stille in der Musik

Als dramaturgisches Mittel fungiert die Stille auch in der Musik. „Sie wird hier zu einer strukturellen Größe und zu einem gegenüber Klang und Sprache emanzipieren Element, vielfach sogar zur Matrix musikalischen und theatralischen Denkens“ (Elzenheimer 2008: 18). Die Stille tritt innerhalb der Musik in Form von Pausen auf. Diesen nicht gespielten Noten kommt eine ebenso große Bedeutung zu, wie den gespielten Noten. Sie sind nicht nur Teil des Musikstücks, sondern können darüber hinaus verschiedene Funktionen übernehmen. So beginnt das Anfangsmotiv Ludwig van Beethovens 5ter Sinfonie mit einer Pause, wodurch der darauf folgende Ton umso gewaltiger erscheint. Auch in anderen Stücken hat Beethoven mit Pausen experimentiert. Joachim Kaiser, ehemaliger Professor für Musikgeschichte und Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung erläutert, wie viele verschiedene Bedeutungen die Pause in Musikstücken haben kann.

Wie Kaiser hier berichtet, verkörpern die Pausen bei Beethoven den Tod, während sie bei Franz Schubert Entfernungen herstellen sollen. Stille wird innerhalb der Musik also nicht nur eingesetzt, um die Stücke zu strukturieren, sondern sie kann auch symbolischen Wert haben.

Künstler und Komponist John Cage geht noch einen Schritt weiter. Sein Stück „4:33“ besteht in seiner gesamten Länge ausschließlich aus Stille.

Die 1952 veröffentlichte Fassung dieses Stücks besteht aus drei Sätzen, welche jeweils mit der Anmerkung „TACET“ versehen sind (vgl. Bormann 2005: 221f). Dabei handelt es sich um eine Spielanweisung in der Musik, welche bestimmte Stimmen oder Instrumente dazu anhält, im gekennzeichneten Abschnitt auszusetzen. Die Anweisung stellt jedoch „nicht nur Stille oder Schweigen dar, sondern sie gibt dem Leser zu verstehen, dass es nichts zu lesen gibt (weder Klang noch Stille) (Bormann 2005: 224). Durch dieses Vorgehen kann letztlich Stille wie Cages sie definiert erzeugt werde. Er bezeichnet mit der Stille die Gesamtheit aller unbeabsichtigten Geräusche (vgl. Elzenheimer 2008: 113). Es müssen also sämtliche intendierten Klänge und Stimmen eliminiert werden, um die Stille selbst zum Musikstück werden zu lassen. Je nach Situation erfährt der Rezipient die Stille dann auf ganz individuelle Weise.

Die Stille ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Wir finden sie im akustischen oder im übertragenen Sinn in diversen kulturellen Hervorbringungen wieder. Wir brauchen sie nicht nur, um uns konzentrieren oder entspannen zu können, sondern nutzten sie auch, um Inhalte zu strukturieren und so besser verständlich zu machen. Die akustische Stille muss dabei nicht nur als absolute Geräuschlosigkeit verstanden werden, sondern kann, wie Cage es beschreibt, sämtliche nicht intendierten Geräusche umfassen. Es lohnt sich also, einmal danach zu fragen, welchen Klang die Stille hat?

 

Quellen

Bormann, Hans-Friedrich. 2005. Verschwiegene Stille: John Cages performative Ästhetik. Wilhelm Fink Verlag.

Duden (Schweigen): http://www.duden.de/rechtschreibung/Schweigen (23.07.2012)

Duden (Stille): http://www.duden.de/rechtschreibung/Stille (15.07.2012)

Duman, Seyyare. 1999. Schweigen. Waxmann Verlag.

Elzenheimer, Regine. 2008. Pause. Schweigen. Stille: Dramaturgien der Abwesenheit im postdramatischen Musik-Theater. Königshausen & Neumann.

Jaeger, Frédéric. 2005. Die große Stille. URL: http://www.critic.de/film/die-grosse-stille-356/ (20.07.2012)

Simmel, Georg. 1908. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Duncker & Humblot Verlag, Berlin.

Scheerer, Harald. 2010. Reden müsste man können: Wie Sie durch Ihr Sprechen gewinnen. GABAL Verlag GmbH.

Streeck, Ulrich und Falk Leichsenring. 2011. Handbuch Psychoanalytisch-interaktionelle Therapie: Behandlung Von Patienten Mit Strukturellen Störungen Und Schweren
Persönlichkeitsstörungen. Vandenhoeck & Ruprecht.

Suchsland, Rüdiger 2005: Es ist nie zu spät, aber lange zu früh. Der Film als Kloster. URL:
http://www.heise.de/tp/artikel/21/21337/1.html (20.07.2012)