Festivalkultur – Dabeisein ist alles

© Daniel Helmes

Seit Woodstock hat die ‚Veranstaltungsform‘ Musikfestival immer weitere Kreise gezogen. Seit fast 30 Jahren haben sich in Deutschland Größen wie Rock am Ring und Wacken etabliert; dauerhaft eröffnen mehrere kleinere Festivals und freuen sich immer größerer Beliebtheit. Oftmals werden mittlerweile auch lokale Bands supportet und viele Konzertausschnitte der Festivals werden, beispielsweise über die digitalen Kanäle der ARD und des ZDF, übertragen. Über den ganzen Sommer verteilt findet sich wohl kaum ein Wochenende, wo KEIN Festival stattfindet.

In meinem vorigen Beitrag „Von der grauen Masse abheben – Musikgeschmack als Selbstfindungsprozess“ habe ich mich mit der Wirkung von Musik zur Bildung von Identitäten beschäftigt. Hat man sich schließlich für „das eigene“ Musikgenre entschieden, zeigt man dies wohl gerne auch nach außen und genießt die, meist dreitägigen, Festivals in vollen Zügen. Wer einen ganzen Sommer auf Festivals war, ist spätestens an den Bändern an seinem oder ihrem Arm erkennbar. Oliver Uschmann schreibt in seinem Buch „Überleben auf Festivals“ dazu, dass „(s)ie den Menschen untereinander (signalisieren), dass alles gut ist und man zusammenpasst, weil man demselben Reservat entstammt.“ (S. 184) Festivalbesucher sind eine große Familie. Doch was macht (gerade Rock-) Musik zu einem so verbindenden Medium?

Nach Walter Ludwig Bühl ist „Musik im soziologischen Sinn ist in erster Linie zelebrierte Gemeinschaft“. (Bühl, S. 188). Wenn mehrere Menschen an dem Musikgenuss, dieser zelebrierten Gemeinschaft,  teilhaben, so Bühl, ist Musik „auch (wenn auch meist „stumme“) Kommunikation.“ (Bühl, S. 188) Bühl spricht auch von Musik als Kommunion, sprich ‚Erneuern‘. Diesen Aspekt des Musikgenusses auf Festivals und Besuch eines Festivals bestätigt die Soziologin Babette Kirchner. In einem aktuellen Bericht des DeutschlandRadio: „Die Festivalbesucher trennen sich geografisch und mental vom Alltag, um dann wiederum erneuert und verändert zurückzukehren.“ Es gehe nicht darum, besonders viel zu erleben, sondern das Erlebte intensiver zu spüren. In den Vordergrund rücken hier also in erster Linie der Sinn der Gemeinschaft und der Kommunikation. Es geht um das kollektive Musikerlebnis; sich fremde Menschen fallen sich in die Arme oder unterstützen sich bei dem Vorhaben des „Crowdsurfing“.  An den Tagen eines Festivals kümmert sich niemand um zu Lärmbelästigung auf dem Campingplatz, Müll, unhygienische Zustände oder den Umstand, dass immer Menschen durch den „Vorgarten“ laufen.

Das Besuchen von Festivals ist ein Erlebnis, welches von den meisten Gästen zelebriert wird. „Eine ordentliche Festival-Anfahrt hat mit allem Schnipp und Schnapp mindestens 15 Stunden zu dauern – egal wie kurz die Nettostrecke ist. Es gilt, gepflegt Zeit zu verschwenden und das Ritual zu strecken“ (Uschmann, S. 179) „Die Handlungsweisen in der Musik sind rituell bestimmt. (..) Musik ist Ritus, wird praktisch immer als Ritus zelebriert (..) und sie ist ebenso wie der Ritus Tun ohne Denken oder auch Denken (..) ohne Tun.“ (Bühl, S. 185)

Thomas Vorreyer, Mitarbeiter des Musikmagazins „Spex“,  sagte dazu, „(es) dass (…) die spannendste Form geworden ist, Musik zu konsumieren, wahrzunehmen. Mit seinen Freunden. Mit anderen Tausenden. An einem See oder an einem Wald, Musik zu hören.“ (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1768352/)

Der Soziologe und ‚Festivalforscher‘ Gregor Betz stellt den Gemeinschaftsaspekt in den Vordergrund. „Man kommt zusammen mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, die ähnliche Musik hören.“ Es geht um Solidarität, Gemeinschaft, Zusammensein. Er sagt, dass es hier um den Moment, nicht um die Zukunft oder Vergangenheit gehe: „Da braucht man nicht viel zu kommunizieren, Da muss man einfach nur man selbst sein, ohne viel nachdenken zu müssen“. Festivals geben also der Musik die Chance, nicht nur „online“ gehört zu werden oder nebenbei heruntergeladen werden. Früher wusste man, auf welchem Album welches Lied und auch an welcher Stelle es war. Heute hört man ein Lied, findet es gut und lädt es sich – ob nun legal oder illegal – aus dem Netz. Bei Festivals geht es um das Fan-Sein, Fan-Kult, die Lieblingsband zu unterstützen und zu feiern.

Doch nicht nur auf dem Festivalgelände selbst kommt man in den Genuss von Musik. Auf den Campingplätzen hört man einen dauerhaften Mix aus allen Musikrichtungen – denn bloß weil man ein Rockfestival besucht, wird noch lange nicht nur dieses Genre von den Besuchern gespielt. Die „Nachbarn“ übertönen sich gegenseitig mit großen Anlagen, Verstärkern und teilweise auch selbstgebauten Instrumenten. Man könnte das Spiel „Welche Lieder hörst du gerade?“ spielen und würde noch lange nicht alle erkennen und benennen können. Sperrstunde? Fehlanzeige. Wer schlafen möchte, braucht einen guten Schlaf oder Ohropax. Doch um Schlaf geht es auf einem Festival schließlich nicht. Wenig Schlaf, mehr oder weniger viel Alkohol, Ravioli und rund um die Uhr brennende Grills. Und natürlich Musik, eine scheinbar undurchdringliche Geräuschkulisse, wohin das Ohr auch hört.

 

Quellen:

Bühl, Walter Ludwig. Musiksoziologie, Band 3. Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaft. Bern (2004)

Uschmann, Oliver. Überleben auf Festivals, Expeditionen ins Rockreich. Wilhelm Heyne Verlag. München (2012)

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1768352/