Mit den Ohren sehen

©Silke “Nachbau am Computer” –Flughund, Quelle: www.piqs.de‘

Die Aufgabenverteilung zwischen Augen und Ohren ist in den Köpfen der meisten Menschen sehr klar abgegrenzt: Die Augen sind dazu da, die Umgebung abzutasten, Dinge räumlich wahrzunehmen, eben „zu sehen“. Mit den Ohren dagegen nimmt man Geräusche wahr und kann bestenfalls die Richtung bestimmen, aus der sie kommen. Ein konkretes Bild von der Außenwelt, das uns zur Orientierung dient, können sie uns nicht vermitteln. Aber stimmt das auch? Oder müssen wir diese lange gehegte Meinung vielleicht revidieren?

Auch Wissenschaftler, die sich mit „Sound“ und „Hören“ beschäftigen, grenzen meist das auditive stark von dem visuellen und dem „Sehen“ ab. „Sound“ wird definiert als primär zeitlicher Sinn, der mit „Innenräumen“ verbunden ist. Das „Sehen“ dagegen als räumlicher Sinn, der auf „Oberflächen“ abzielt. Der Sound-Wissenschaftler Jonathan Sterne schreibt in der Einleitung seines Buches „The Audible Past“, dass diese gängige Definition veraltet sei und auf wackligen Füßen stehe. Das Argument einer oberflächenorientierten Räumlichkeit des Sehens als Gegensatz zur Innenorientierung des Hörens ist für ihn nicht haltbar: Es handele sich dabei um eine sehr selektive Wahrnehmung der Oberfläche. Das Hören, so Sterne, hat viele räumlich Aspekte, die wir normalerweise gar nicht beachten. So könne das Hören von Fingernägeln auf einer Tafel oder Fußtritten auf einem hölzernen Fußboden dem Lauschenden einige Informationen über die Beschaffenheit dieser Oberflächen geben.

Dass die Möglichkeiten der räumlichen Wahrnehmung durch das Ohr noch viel weiter gehen, beweisen seit einigen Jahren blinde Menschen. Da sie ihre Sehkraft verloren oder sie nie besessen haben, können sie einen Raum oder einen Gegenstand visuell nicht (mehr) erfassen, was sie in ihrer Orientierung behindert. Bisher bedeutete dies für einen Blinden eine starke Einschränkung in seiner Bewegungsfreiheit und bei jeglichen Aktivitäten. Um sich in ihrer Umwelt, und insbesondere in nicht vertrauten Umgebungen zurechtzufinden, waren Blinde bisher auf die Hilfe anderer Menschen oder eines Blindenhundes angewiesen. Der Blindenstock, ein unverzichtbares Utensil, ermöglicht es zwar, Hindernisse und Stolperfallen der näheren Umgebung in Bodennähe zu ertasten, weiter entfernte Gegenstände oder die Tiefe eines Raumes können damit jedoch nicht wahrgenommen werden. Auch die Größe und Form der Gegenstände können Blinde durch den reinen Tastsinn manchmal nicht ganz erfassen. Diese Lücke, die das Fehlen des Sehsinnes hinterlassen hat, können immer mehr Blinde nun mithilfe ihrer Ohren schließen oder zumindest schmälern.

Klick-Sonar heißt die Technik, die bei uns in Deutschland erst seit Kurzem bekannt ist. Anstatt, wie die Sehenden das Licht, können Blinde dabei den Klang nutzen, um ein Bild ihrer Umgebung zu erzeugen. „Erfunden“ hat die Technik der Amerikaner Daniel Kish. Nachdem ihm als Junge ein Tumor beide Augen genommen hatte, begann der kleine Daniel seine Umgebung mit den Ohren zu erkunden. Er schnalzte mit der Zunge und lauschte auf die Echos, die von den Gegenständen um ihn herum zurückgeworfen wurden. Wie in einem Blitzlicht tauchte dann kurz ein räumliches Bild seiner Umgebung mit allen Gegenständen in seiner Wahrnehmung auf. So war es ihm möglich, wie sehende Kinder auch, auf Bäume zu klettern und sogar Fahrrad zu fahren.

Das Geheimnis hinter seinen anscheinend außergewöhnlichen Fähigkeiten entdeckte Kish Jahre später: Dahinter steckten keine übernatürlichen Fähigkeiten, sondern eine Technik, die aus dem Tierreich schon lange bekannt ist und auch in der Luft- und Schifffahrt verwendet wird: die Echoortung.

Bei der Echoortung werden aktiv oder passiv ausgesendete Schall- oder Radiowellen von einem Objekt oder Hindernis, auf das sie treffen, zurückgeworfen. Aus der Zeit, die zwischen dem Aussenden des Signals und dem Eintreffen des Echos beim „Sender“ vergeht, kann die Entfernung zu dem Objekt ermittelt werden. Nicht nur die genaue Richtung, in der sich ein Objekt befindet, kann erfasst werden, sondern auch seine Form und Größe oder wann es sich bewegt. Fledermäuse und Zahnwale nutzen die aktive Echoortung für die Jagd und zur Orientierung. Zahnwale, wie beispielsweise Delfine, stoßen mittels ihrer Stimmlippen klickende Geräusche zur Orientierung aus. Fledermäuse produzieren die Ortungslaute, die sich oft im für den Menschen nicht mehr hörbaren Ultraschallbereich befinden, in ihrem Kehlkopf. Eine Gattung der mit den Fledermäusen eng verwandten Flughunde dagegen erzeugt die Schallwellen durch Klickgeräusche mit der Zunge.

Mit Klicklauten, die durch die Zunge erzeugt werden, funktioniert auch die aktive Echoorientierung beim Menschen, die Daniel Kish inzwischen seit 20 Jahren an andere Blinde weitergibt. Die zurückgeworfenen Echos können ab einer Entfernung von 30 cm bis etwa 200 m ausgewertet werden. Gegenstände die kleiner sind als 2 cm können nicht erfasst werden, da die Länge der erzeugten Wellen zu klein ist. Das schärfste Bild von der Umgebung erzeugt ein scharfes, trockenes Klicken. Für Gegenstände in der Nähe eignet sich am besten ein schwacher, hoher Knall, der vorne am Gaumen erzeugt wird, in der Ferne dagegen funktioniert ein lauterer Klicklaut, der hinten am Gaumen erzeugt wird, am Besten. Für den geübten Schnalzer ergibt sich so ein recht detailliertes Bild der Umgebung. Während der räumliche Eindruck der Umgebung sehr präzise wiedergegeben wird, können Informationen wie Farben von der Echoortung nicht entschlüsselt werden. Das Bild, das erzeugt wird, hat außerdem eine sehr viel geringere Auflösung als die Bilder, die ein Sehender von seinen Augen erhält. Um dauerhaft ein Bild der Umgebung zu erhalten, ist kontinuierliches Schnalzen nötig, da ein einzelner Schnalzlaut die Umgebung nur blitzlichtartig für einige Sekunden „erhellt“.

Weil gerade Anfänger oft Schwierigkeiten mit den Feinheiten haben, hat Daniel Kish ein Gerät entwickelt, das die Erzeugung der Schallwellen vervollkommnen soll: Einen kleinen Kasten, den man sich auf den Kopf schnallen kann und der eine Reihe deutlicher, konstanter Klicklaute liefert. Inzwischen hat die Firma Alcon, die sich auf Produkte und Geräte rund um das Auge und das Sehen spezialisiert hat, den Kasten und dem Namen „SoundFlash“ auf den Markt gebracht. So werden die Blinden in Zukunft ein noch detaillierteres Bild von ihrer Umgebung erhalten.

Die Wissenschaft stand dem Phänomen zunächst sehr skeptisch gegenüber. Obwohl schon seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt, hielt die Debatte, ob das Gehör wirklich das detaillierte Bild eines Baumes im Kopf erzeugen kann, bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts an. Heute beginnt die Wissenschaft langsam, der menschlichen Echoortung auf den Grund zu gehen. Kanadische Forscher führten kürzlich ein Experiment durch, an dem sowohl Daniel Kish, als auch der in seinem 14. Lebensjahr erblindete Brian Bushway teilnahmen. Man wollte herausfinden, welche Hirnareale, bei der Aufnahme der Echos durch das Gehör, aktiv sind. Dazu mussten sich die Probanden in einen MRT legen und die Wissenschaftler spielten ihnen eigene sowie fremde und zuvor aufgenommene Echoortungsgeräusche vor. Dabei kam Erstaunliches zutage: Wurden die Echoortungsgeräusche aus dem normalen Umgebungslärm (beispielsweise Straßengeräusche), herausgefiltert, war der auditive Kortex, also das Hörzentrum des Gehirns, nicht aktiv. Dagegen stieg die Aktivität im visuellen Kortex, jenem Bereich der Großhirnrinde, die normalerweise mit dem Sehen verknüpft ist, stark an. Damit erbrachten die Wissenschaftler einen ersten biologischen Beweis dafür, dass es anscheinend tatsächlich möglich ist, mit den Ohren zu „sehen“. Die beiden Blinden konnten bei allen Tests Gegenstände nahezu hundertprozentig richtig identifizieren. Dabei ist die Echoortung keineswegs etwas, was nur Blinde erlernen können, obwohl sie es darin oft zu einer besonderen Meisterschaft bringen. Auch ein Sehender kann diese Fähigkeit bis zu einem gewissen Grade erlernen. Normalerweise wird jedoch die räumliche Wahrnehmung durch das Gehör von unserem Sehsinn überlagert.

Trotz solcher Experimente und der zahlreichen Blinden, die sich mittels der Echoortung selbst in schwierigem Gelände zurechtfinden tut man sich in Deutschland noch schwer mit der offiziellen Anerkennung der Echoortung bei Blinden. Offizielle Stellen, wie der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, wollen erst einmal groß angelegte Studien als Beweis, dass die Echoortung wirklich funktioniert und für jeden erlernbar ist.

Obwohl die Echoortung in Amerika schon seit Jahren gelehrt wird, war den Blinden hierzulande bis vor Kurzem der Zugang zu dieser neuen Methode verwehrt. Erst im November letzten Jahres kamen auf Initiative des Vereins „Anderes Sehen e.V.“, der sich insbesondere für die Frühförderung blinder Kleinkinder einsetzt, Trainer aus den USA nach Deutschland. 100 Frühförderer, Mobilitätstrainer, Blinde und die Eltern blinder Kinder wurden in Berlin in der Klicksonartechnik unterrichtet. Schon Kleinkinder können diese erlernen und mit ihrer Hilfe fast wie sehende Kinder durch Leben gehen. So wie die zweijährige Juli und die vierjährige Frieda, die zu den ersten Kindern zählen, die mithilfe der Klicksonartechnik nun ihre Umgebung erkunden wie sehende Kinder. Die beiden gehören zu den ersten blinden Kindern in Deutschland, die das Klicken lernen. Aber schon bald, so ist zu hoffen, könnte die Technik auch an deutschen Blindenschulen gelehrt werden, sodass möglichst viele Blinde lernen können, mit ihren Ohren zu sehen.

Quellen und Websites zum Thema:

Sterne, Jonathan [2003]: The Audible Past. Cultural Orignis of Sound Reproduction, Duke University Press, Durham & London.

http://www.anderes-sehen.de/akustische-orientierung-mobilitat/aktive-echoortung-flash-sonar/

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-30977824.html

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,767941-2,00.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,764699,00.html

http://news.nationalgeographic.com/news/2009/07/090706-humans-bats-echolocation.html

http://www.gehirn-und-geist.de/alias/sinneswahrnehmung/blinde-koennen-sich-per-echo-orientieren/1072577

http://www.spektrum.de/alias/sinne/klickblitze-im-dunkeln/1130592/d_sdwv_artikelcontroller