Wenn Worte meine Sprache wär’n – Auditive Agnosie

©Uni-Kiel‘

Kennen Sie die Situation? Jemand will Ihnen etwas sagen und Sie verstehen ihn nicht. Nicht, weil ihr Gesprächspartner viel zu leise redet oder von einem für Sie zu komplexen Zusammenhang erzählt, sondern einfach, weil die Botschaft nicht bei Ihnen ankommt. Sie bitten die Person, sich noch einmal zu wiederholen. Verstehen Sie sie nun, ist alles in Ordnung. Falls nicht, bitten Sie Ihr Gegenüber ein weiteres Mal zu sagen, was es Ihnen mitteilen möchte.

Doch wieder verstehen Sie es nicht. Langsam finden Sie es peinlich, Sie wissen, dass Sie langsam verstanden haben sollten, worum es geht, dreimal hat ihr Gesprächspartner sich nun in angemessener Lautstärke wiederholt und Sie haben dennoch keine Ahnung, was er von Ihnen will. Damit die andere Person nicht völlig genervt ist und Sie nicht zeigen müssen, dass Sie immer noch nichts verstanden haben, nicken Sie nun einfach freundlich und tun so, als ob Sie jetzt wüssten, worum es ging.

Wer sich in dieser Situation wiedererkennt, sollte sich einmal vorstellen, sein ganzes Leben so zu verbringen, dass er die Leute um sich herum nicht versteht, obwohl er sie hören kann. Was für die meisten nur in einem fremden Land mit einer anderen Sprache denkbar ist, ist für manche in ihrem Heimatland Alltag. Und das, obwohl sie der Sprache, die um sie herum gesprochen wird, mächtig sind.

Hören, ohne zu verstehen

Eine derartige Störung des auditiven Sprachverständnisses bezeichnet man als verbale auditive Agnosie (reine Worttaubheit). Menschen, die unter dieser Krankheit leiden, verstehen Gesprochenes schlecht, können Sätze nicht ohne weiteres Nachsprechen und haben Schwierigkeiten beim Schreiben von Diktaten, obwohl keine Gehörschäden vorliegen. „Oft erleben die Patienten ihre eigenen Äußerungen und die verbalen Mitteilungen anderer Menschen ‚als Geräusch‘“ (MAYER, 2012) , aber nicht als etwas, das für sie Sinn macht. Die Betroffenen sind allerdings in der Lage eigene Sätze (sowohl sprachlich als auch schriftlich) zu formulieren und verfügen über eine normale Intelligenz. Am ehesten kann man sich vermutlich in die Lage dieser Menschen versetzen, wenn man sich folgendes Video anschaut:

Man weiß, dass man das, was gesagt wird, begreifen müsste, versteht aber nichts.

Doch wie kann das sein? Wieso verstehen Menschen, die eine Sprache beherrschen und hören können, die Worte dieser Sprache nicht, wenn sie gesprochen werden? Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst geklärt werden, wie Hören überhaupt funktioniert.

Vom Trommelfell zum Gehirn

Aufbau des Menschlichen Ohrs

Abbildung 1: Aufbau des menschlichen Ohrs

Jedes Geräusch ist zunächst nur eine Schalldruckwelle, die sich durch die Luft (oder beim Tauchen durch das Wasser) fortbewegt. Trifft diese Schalldruckwelle auf das Trommelfell, das das Außenohr vom Mittelohr abgrenzt, fängt dieses an zu schwingen und überträgt seine Bewegungen auf die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel, welche die Schwingungen wiederum an das Innenohr weitergeben. Das Innenohr besteht aus den Bogengängen, die dem Gleichgewichtssinn dienen, und der Hörschnecke.

In der Hörschnecke befindet sich eine Flüssigkeit, die sogenannte Lymphe. Durch die Bewegungen des Trommelfells wird diese ebenfalls in Bewegung versetzt und stimuliert dabei die Hörsinneszellen, die sich auch in der Schnecke befinden. Die so stimulierten Hörsinneszellen senden elektrische Impulse über Nervenbahnen an das Gehirn, bei dem die Schallwellen als Geräusche ankommen. Dieser Teil des Hörens funktioniert bei Personen die unter Agnosie leiden ganz normal.

Der Schläfenlappen macht´s

Der Fehler ist im Gehirn. Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften und wird zudem durch quer verlaufende Furchen in vier Hirnlappen unterteilt. Jeder dieser vier Lappen ist für spezifische Aufgaben zuständig. Die Impulse, die von unseren Hörsinneszellen ans Gehirn geschickt werden, gelangen in den Schläfenlappen, denn dieser ist unter anderem für das Hören zuständig. Eine bestimmte Stelle des Schläfenlappens haben Hörforscher dabei besonders im Visier: „Sie ist nicht größer als ein Daumennagel und […] scheint ein Dreh- und Angelpunkt des Hörens zu sein, Anfang und Ende vieler wichtiger Hör-Prozesse. Ihr Name: primärer Hörcortex.“ (OEHLER, 2008). Der Hörcortex analysiert nicht nur die Geräusche, sondern interpretiert sie zugleich. Unser Gehirn ergänzt fehlende Informationen (etwa fehlende Silben) oder blendet störende Geräusche (beispielsweise das Stimmengewirr einer Party) aus, damit wir uns auf das Wesentliche, wie zum Beispiel die Stimme unseres Gesprächspartners, konzentrieren können. Bei Menschen mit einer auditiven Agnosie finden sich beidseitig Verletzungen des Schläfenlappens, was aller Wahrscheinlichkeit nach der Grund dafür ist, dass sie zwar hören, aber nicht verstehen können. Diese Verletzungen können von Geburt an vorliegen, sie können aber auch die Folge eines Unfalls sein.

Die verschiedenen Gesichter der Agnosie

Allgemein beschreibt der Begriff Agnosie, dass ein Betroffener einen Sinneseindruck nicht (richtig) interpretieren kann, obwohl das zugehörige Sinnesorgan intakt ist. Neben der reinen Worttaubheit (verbale auditive Agnosie) gibt es noch andere Ausprägungen der Agnosie:

Bei der nonverbalen auditiven Agnosie haben Betroffene Probleme mit nichtsprachlichen Geräuschen. Sie können Geräusche, die unabhängig von unserer Sprache sind (zum Beispiel Flugzeuglärm, das Bellen eines Hundes, eine Autohupe), nicht identifizieren.

Eine weitere Form ist die partielle Agnosie, bei der die Verständnisstörung nur auf einzelne Sprachlaute, wie z.B. wenige Konsonanten, begrenzt ist. Die Betroffenen haben typischerweise Probleme mit der Aussprache, was oft dazu führt, dass die Agnosie mit Stammeln verwechselt wird.

Als letzte und umfassendste Form der auditiven Agnosie gibt es die totale Agnosie: Sie ist gekennzeichnet durch das Fehlen oder den Verlust des Verständnisses für jede Art von Schallereignis. Sie betrifft also Sprachlaute sowie nonverbale Geräusche.

Doch nicht nur das Hören kann von einer Agnosie betroffen sein. Sieht ein gesunder Mensch einen gelben, länglichen und gebogenen Gegenstand in der Küche liegen, der einige braune Stellen und einen kurzen Stiel an einem Ende aufweist, würde er diesen als „Banane“ identifizieren. Für Menschen mit visueller Agnosie (auch Seelenblindheit genannt; dies ist die  am meisten erforschte Form der Agnosie) ist dies jedoch nicht möglich. Sie müssen den Gegenstand erst betasten oder gar schmecken, um ihn als Banane zu erkennen, obwohl sie das Aussehen des Gegenstandes ohne weiteres beschreiben können.

Abbildung 2: Prosopagnosie

Eine Unterform der visuellen Agnosie ist die Gesichtsblindheit (Prosopagnosie), bei der Betroffene Gesichter zwar wahrnehmen, aber nicht wiedererkennen können. Dabei ist es egal, ob es das Gesicht eines Fremden auf der Straße, eines Kollegen oder gar des eigenen Kindes ist: Erkrankte erkennen  Menschen an ihrer Haarfarbe, der Frisur, der Kleidung, den Bewegungen, der Stimme usw. aber nicht am Gesicht. Gesichtsblind sind etwa 2 Millionen Menschen in Deutschland. Bei vielen ist die Krankheit genetisch bedingt und damit erblich. Menschen, die mit Prosopagnosie geboren werden, legen sich andere Mechanismen zu, um Menschen zu erkennen und können daher in der Regel gut mit ihrer Krankheit leben. Schwieriger ist es für Menschen, bei denen die Krankheit nach einer Hirnerkrankung oder einem Schlaganfall auftritt: Sie konnten ihr Leben lang Menschen am Gesicht erkennen und müssen nun umlernen. Doch auch für Personen die von Geburt an unter Agnosie leiden gilt, sehen sie beispielsweise nur das Gesicht ihres Kindes (ohne Haare, Brille, Muttermale etc.) auf einem Foto, so können sie dieses nicht zuordnen. Dass es auch gesunden Menschen schwerfällt, einen Menschen nur anhand seines Gesichts zu erkennen, kann man sich hier verdeutlichen.

Weiterhin gibt es die taktile Agnosie, bei der Menschen Dinge durch Befühlen nicht erkennen können, sowie die räumliche Agnosie, bei der Betroffene sich keinen Überblick über räumliche Gegebenheiten verschaffen können und die körperliche Agnosie, bei der eigene Körperteile als „fremd“ und nicht dem eigenen Körper zugehörig empfunden werden.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Wird eine auditive Agnosie bereits im Kindesalter festgestellt, ist es wichtig, schnell zu handeln. Empfohlen wird der Unterricht in einer Sprachheilschule, in dem die Kinder beispielsweise Methoden des Gehörlosenunterrichts anzuwenden lernen. So kann es Betroffenen leichter fallen, Wörter und Sätze von den Lippen des Gegenübers zu lesen, da dies ein visueller und kein akustischer Vorgang ist. Auch eine Musiktherapie und/oder rhythmische Übungen können helfen, das auditive Verständnis zu verbessern. Allerdings stammeln betroffene Kinder oft noch jahrelang. Als Bekannter eines Betroffenen kann man diesem helfen, zu verstehen, indem man langsam und deutlich spricht. Auch die (mehrfache) Wiederholung von Sätzen kann Betroffenen helfen.

Wer nicht unter Agnosie leidet, sollte die Gelegenheit beim Schopf packen und auch nach dem dritten Mal nicht verstehen noch einmal nachfragen, was der andere gesagt hat. Immerhin gehört man zu den Glücklichen, die die Möglichkeit haben, die Botschaft dann zu begreifen.

 

Quellen

Blattmann (2012): Die Agnosie. Veröffentlicht im Internet: http://gesundheit.kioskea.net/contents/memoire/les-etranges-agnosies

Mayer, K. C. (2012) : Agnosie. Veröffentlicht im Internet: http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=53

Multhaup, U. (2002) : Hirnareale und ihre Funktionen. Veröffentlicht im Internet: http://www2.uni-wuppertal.de/FB4/anglistik/multhaup/brain_language_learning/html/brain_macrostructures/3_hirnareale_hirnfunktionen_txt.html

Oehler, R. (2008) : 9. Vom Schall zum Sinn – Die Neurobiologie des Hörens. Veröffentlicht im Internet: http://www.hr-online.de/website/specials/wissen/index.jsp?rubrik=19012&key=standard_document_28060304

Wirth, G. (2000) : Sprachstörungen, Sprechstörungen, Kindliche Hörstörungen: Lehrbuch für Ärzte, Logopäden und Sprachheilpädagogen, 5. Auflage, Köln: Deutscher Ärzte-Verlag GmbH.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aufbau des menschlichen Ohres. Veröffentlicht im Internet: http://www.tomatis-hoerzentrum.de/img/ohr.jpg

Abbildung 2: Familienfoto aus der Sicht eines an Prosopagnosie Erkrankten. Veröffentlicht im Internet: http://www.podcastscience.fm/wp-content/uploads/2011/08/flickr_prosopganosia_krissen.jpg