Woo-Girls und Grunzgeräusche – Klanglandschaften als Wissenschaftsgebiet

 

Vancouver Skyline ©Lydia Deppe

„Erstellen Sie eine Liste aller Geräusche, die ausschließlich oder vorwiegend von Männern gemacht werden, und eine entsprechende für Frauen“ (Schafer 2006: 143). Dies ist eine der Aufgaben, welche der kanadische Musikforscher und Komponist Raymond Murray Schafer vor einigen Jahrzehnten seinen Studenten stellte.
Bereits in den 1960ern begann Schafer, sich mit der Erforschung der – von ihm so benannten – Soundscapes auseinanderzusetzen.

Ins Deutsche übersetzt, bedeutet dieser Begriff soviel wie Klanglandschaft. Schafer zufolge umfasst er „die gesamte akustische Umwelt mit all ihren Geräuschen: Musik, natürliche, menschliche und technische Klänge“ (Schafer 2006: 141). Doch wozu sollte man sich die Mühe machen, diese Geräusche zu untersuchen? Was kann die Existenz einer Wissenschaft, die sich mit diesen alltäglichen Klängen auseinandersetzt, rechtfertigen; welcher gesellschaftliche Wert entsteht daraus?

Wortneuschöpfung Soundscape

Den Begriff Soundscape schuf Schafer nach eigenen Angaben aufgrund der von ihm empfundenen Notwenigkeit, die Klänge und Geräusche, welche jeden von uns den ganzen Tag über begleiten, besser fassen zu können. Für Schafer gilt Soundscape als ein „neutrales Wort für jede akustische Umwelt: alle Klänge, die in einer Ladenpassage, auf einem Bauernhof, in einem Flughafen oder in einem Rundfunksender zu hören sind, jede Umgebung, die man zeitweise einrahmen könnte, um sie zu untersuchen“ (Schafer 2006: 142).
Abzuleiten ist der Begriff aus dem englischen Wort landscape (Landschaft). Dies im Hinterkopf kann man sich eine Soundscape leicht vorstellen. So wie eine Landschaft mit den Augen erfasst werden kann, kann die Klanglandschaft mit den Ohren wahrgenommen werden.
Jeder, der schon einmal versucht hat, ein Bild zu beschreiben, der weiß, wie schwierig es sein kann, Wahrnehmung in Worte zu fassen. Noch schwieriger dürfte es sein, sein Lieblingslied zu beschreiben ohne es zu summen, zu pfeifen oder gar vorzusingen. Den Weg der Soundscape in die Wissenschaften ist also zunächst nur schwer vorstellbar; denn wie soll man über etwas schreiben, sprechen und diskutieren, das man nicht in Worte fassen kann?

World Soundscape Project und die akustische Skyline Vancouvers

In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren wurde von Schafer an der Simon Fraser Universität in Burnaby östlich von Vancouver das Forschungsprojekt „World Soundscape“ ins Leben gerufen. Mithilfe dieses Projektes wollte Schafer mehr Aufmerksamkeit auf unsere akustische Umwelt lenken, sowie auf seine persönliche Abneigung gegenüber der lärmenden und sich schnell verändernden Soundscape Vancouvers.

Die Projektgruppe erarbeitete neben mehreren Schriften und Aufsätzen (vgl. u.a. Schafer 1971) auch eine Analyse der akustischen Skyline von Vancouver. Hörbeispiele der Tonmontage lassen sich hier finden.

Die Wissenschaftliche Relevanz der Soundscape

Heute sind derartige Aufnahmen u.a. von historischem Interesse. Welche Klänge sind inzwischen aus dem akustischen Stadtbild Vancouvers verschwunden; welche sind neu hinzugekommen? Was bedeutet das für die Bewohner der Metropole?

Durch die Methode der Aufnahme können die sonst so flüchtigen Geräusche festgehalten und in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht werden. So kann auch Jahre später noch über die damaligen Geräusche gesprochen werden. 2006 beispielsweise beschrieb Hans-Ulrich Werner (Professor für Audioproduktion & Sound Design) auf Grundlage der Tonaufnahmen von 1972 die hörbare Skyline Vancouvers wie folgt: „Die Natur ist verwoben mit der Stadt, das Meer bestimmt den Grundton des Lebens. Die weit tragenden Nebelhörner mit ihren Echos, die ZeitRaum Rufe der Eisenbahnen überlagern das Transportgeräusch des Verkehrs, die Stimmen der Menschen, Straßenmusik, die Feste in Chinatown, europäisch klingende Glocken“ (Werner 2006: 28).
Der Rezipient dieser Beschreibungen hat beim Lesen nicht nur die Geräusche in den Ohren, sondern zugleich die entsprechenden Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Dies zeigt, dass durchaus effektive Möglichkeiten bestehen, über Klänge zu sprechen, wie es eine Grundvoraussetzung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema ist.

Weiterhin begab sich im Rahmen des World Soundscape Projects 1975 eine Forschungsgruppe auf eine Tour durch Europa. Sie beschäftigte sich intensiv mit der Klanglandschaft fünf verschiedener Städte in Schweden, Deutschland, Italien, Frankreich und Schottland. Schafer ging es bei diesem Projekt vor allem darum, die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften zu untersuchen. Dazu analysierte er die Geräusche, welche für bestimmte Gemeinschaften, sowie für deren alltäglichen Rhythmus charakteristisch sind (vgl. Bonz 2011: 116). Eine solche Vorgehensweise macht das Phänomen Soundscape folglich auch für die Soziologie interessant. Kulturvergleichende Studien haben einen hohen Stellenwert innerhalb der Sozialwissenschaften.
Das Europaprojekt vervollständigte die Sammlung der analogen Aufnahmen des World Soundscape Project. Diese Bibliothek umfasst insgesamt rund 300 Tonbänder. An der Simon Fraser Universität beschäftigt man sich nach wie vor mit dem Thema Soundscape.

Die Klanglandschaftsforschung und ihr Wert für unsere Gesellschaft

Die Erforschung von Klanglandschaften ist jedoch nicht nur für die Wissenschaften interessant, sie kann auch einen Einfluss auf unser persönliches Leben nehmen. Immer wieder stehen Themen wie Lärmschutz und Phonopollution (die akustische Umweltverschmutzung) in der öffentlichen Diskussion.
Auf derartige Probleme machte auch Schafer im Rahmen seiner Untersuchungen aufmerksam. Für die Charakterisierung von akustischen Umwelten führte er die Begriffe high fidelity und low fidelity ein (vgl. Wrightson 2000: 10ff). Fidelity bedeutet in diesem Zusammenhang etwa soviel wie Klangtreue. Nach Schafer zeichnet sich die vorindustrielle Zeit durch eine high fidelity Soundscape aus. Das bedeutet, dass sich die Klänge weniger stark überlappen und man leichter zwischen Geräuschen im Vordergrund und im Hintergrund unterscheiden kann. Zudem sind natürliche Geräusche wie z.B. der Regen oder der Gesang von Vögeln in der vorindustriellen Klanglandschaft über eine längere Distanz hinweg und in wiederkehrenden Zyklen zu vernehmen.
Anders verhält es sich in der postindustriellen low fidelity Soundscape (vgl. Truax 2001: 23). Hier sind derartige Geräusche nur über kurze Entfernungen zu hören. Der Raum, welcher vom Individuum akustisch wahrgenommen werden kann (aural space, Schafer 1977: 115), verkleinert sich. In großen Städten beispielsweise kann man noch nicht einmal seine eigenen Schritte hören. Der Hörende wird folglich von seiner Umgebung isoliert. Darüber hinaus können einzelne Klänge häufig nicht mehr herausgefiltert werden, sondern gehen in einem Brei aus Geräuschen unter. Schafer bezeichnet dieses postindustrielle Phänomen, welches ebenfalls zur akustischen Isolierung der Individuen beiträgt, als „Sound Wall“ (Schafer 1977: 95).
Die beschriebenen Probleme der low fidelity Soundscape führen dazu, dass die Mitglieder einer postindustriellen Gesellschaft versuchen, die sie umgebende Klanglandschaft zu ignorieren oder auszublenden (vgl. Wrightson 2000: 12). Für den Menschen ist es jedoch sehr wichtig, sich selbst in seiner akustischen Umgebung wahrnehmen zu können und akustische Informationen als Rückmeldung zu erhalten (vgl. Truax 2001:23). Denn nur so kann das Individuum sich in der Gesellschaft orientieren und sich selbst in Relation zu anderen wahrnehmen. Der Griff nach den Kopfhörern oder besser gleich nach den Oropax kann nicht dauerhaft der einzige Ausweg sein.

Die verbesserte Soundscape

Schafer zufolge gibt es zwei Wege, die uns umgebene Soundscape zu verbessern (vgl. Wrightson 2000: 13). Zum einen müsse die akustische Kompetenz der Bevölkerung sowie ihr Verständnis für die sie umgebene Klanglandschaft gefördert werden. Zum anderen müsse unser akustisches Umfeld so verändert werden, dass man dessen Klänge wieder akzeptieren und genießen kann. Dies hätte zur Folge, dass wir weniger Energie auf den Lärm ver(sch)wenden müssten. Um entscheiden zu können, welche Geräusche uns wichtig sind, und welche wir lieber vermeiden möchten, ist es jedoch zunächst nötig, richtig hinzuhören (vgl. Schafer 2004: 3).

Es konnte gezeigt werden, dass die Soundscapeforschung sowohl für die Wissenschaften, als auch für unsere Gesellschaft wichtig ist. Gerade in die Untersuchungen der Soziologie und der Geschichte muss auch die Klanglandschaft einbezogen werden, sofern hier umfassend gearbeitet werden soll. Als Schafer den Begriff Soundscape erschuf, war es längst an der Zeit, den Geräuschen einen Platz in der Wissenschaft einzuräumen. Auch in unserem privaten und gesellschaftlichen Leben sind Geräusche in den letzten Jahrzehnten immer dominanter geworden. Hier kann uns die Erforschung der Klanglandschaften helfen, die Geräusche unserer Umwelt wieder mit anderen Ohren zu hören. „Hearing is a way of touching at a distance“ (Schafer 2004: 9).

Quellen

Bernius, Volker: Der Aufstand Des Ohrs- Die Neue Lust Am Horen. Reader Neues Funkkolleg. Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

Bonz, Jochen: Soziologie des Hörens. Akustische Konventionalität und akustische Materialität als Kategorie subjektorientierter Popkulturforschung. In: Jacke, Christoph, Jens Ruchatz, und Martin Zierold, (Hg).: Pop, Populäres und Theorien: Forschungsansätze und Perspektiven zu einem prekären Verhältnis in der Medienkulturgesellschaft. LIT Verlag Münster, 2011. S. 113-138.

Schafer, R. Murray: Die Schallwelt in der wir leben. Universal Edition, 1971.

Schafer, R. Murray: The Tuning of the World. Knopf, 1977.

Schafer, R. Murray: Soundscapes and Earwitnesses. In: Smith, Mark Michael (Hg.): Hearing History: a Reader. University of Georgia Press, 2004. S. 3-9.

Truax, Barry: Acoustic Communication. Greenwood Publishing Group, 2001.

Werner, Hans U: Soundscape-dialog: Landschaften Und Methoden Des Horens. Vandenhoeck & Ruprecht, 2006.

Wrightson, Kendall: An Introduction To Acoustic Ecology. In: Soundscape: The Journal of Acoustic Ecology, Volume 1, Number 1, 2000, S. 10-13.

Links

World Soundscape Projekt (http://www.sfu.ca/~truax/wsp.html)

Hörbeispiel Vancouver Skyline (http://www.sfu.ca/sonic-studio/excerpts/excerpts.html#Vanscape)

Five Village Soundscape (http://www.sfu.ca/~truax/FVS/fvs.html)

Phonopollution (http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/natur/naturwissenschaften/indexoffline,page=4477584,chunk=1.html)