Akustische Gewalt

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Mit Musik und wohltuenden Klängen können wir nicht nur unsere Seele, sondern auch unseren Körper entspannen und für einen Moment aus dem stressigen Alltag entfliehen. Unser Gehör, von vielen als Tür zur Seele bezeichnet, ist jedoch auch besonders anfällig für Gewalterfahrungen. Klänge und Musik können uns physisch sowie psychisch quälen und sogar Schmerzen auslösen. Sie können uns in den Wahnsinn treiben, überfordern und unerträglich werden. Unsere Ohren sind extrem sensibel, haben eine große Reichweite und wir können sie schwer verschließen. Akustische Gewalt begegnet uns selbst im Alltag, wird aber auch gezielt als Foltermethode in Gefängnissen oder zur Vertreibung von Jugendlichen an öffentlichen Plätzen eingesetzt. Doch wo begegnen wir akustischer Gewalt und wie wirkt sie sich auf unseren Körper aus? Wie präsent ist dieses Phänomen und sind wir ihr vielleicht schon hilflos ausgeliefert?

Akustische Gewalt durch Lärm

Mit akustischer Gewalt ist die Beeinträchtigung von Körper und Seele durch Ton gemeint. Gewalt geht nicht nur mit Begriffen wie Beeinflussung und Schädigung einher, sondern auch mit Macht. Besonders in urbanen Räumen sind wir akustischer Gewalt in Form von Lärm ausgesetzt. Nicht umsonst entwickelt sich im stressgeprägten 20. Jahrhundert der Hörsturz zur Zivilisationskrankheit. In dem Buch „Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert“ beschreiben die Autoren, wie sehr sich die akustischen Gewalteinwirkungen durch technische Innovationen der Akustik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits vervielfacht haben. Im 20. Jahrhundert würden diese eine neue Dimension der Intensität und Verfügbarkeit von Klängen in Raum und Zeit eröffnen, die die akustischen Gewalteinwirkungen auf das individuelle und soziale Leben vervielfachen. Telefon, Radio, Mikrofon, Verstärker, Lautsprecher, Mischpult und Speichermedien, wie Schallplatte, Tonband oder CD würden es möglich machen Klänge jeder Art beliebig zu reproduzieren, zu häufen, zu schichten, zu steuern und zu verstärken.[1]

städtische Baustelle © Anne Schneider

Besonders der städtische Lärm der Straßen und Maschinen macht uns in unserem Alltag zu schaffen. Man denke nur an die unzähligen Baustellen, die sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinziehen können. Diese Art der unsichtbaren Umweltbelastung nimmt in unseren heutigen Städten immer noch ständig zu. Andres Bosshard, Maler, Musiker und Klangarchitekt, bezeichnet Lärm als unkontrollierten Schall, als die Verlustenergie von unzähligen Maschinen, die in Form von Schallwellen mit hoher Geschwindigkeit nach allen Richtungen gleichzeitig abstrahlt. Er sieht Lärm als einen hohen physischen Angriff, der eine großräumige Dynamik entwickelt und mit sehr hohen Druckwellen auf uns einstürmt. Ein einziger kurzer Knall könnte unser Gehör für immer zerstören und auch kleinere Schallpegel könnten unsere Ohren schädigen. Die Stadt ist unterirdisch durch U-Bahnen, oberirdisch durch Baustellen und den Verkehr, als auch aus der Luft durch Flugzeuge mit andauerndem Lärm erfüllt. Wir empfinden Lärm als lästig, bedrohlich und er ist schädigend. Andres Bosshard sieht in Lärmschutzwänden und schalldichten Fenstern den Versuch unserer Kultur, uns vor dem Lärm zu schützen. Das Wort Lärmschutz weise klar darauf hin, dass Lärm angreife und wir ihn abwehren müssten. Er ist davon überzeugt: „Lärm übt Gewalt aus. Direkt und indirekt, kurzfristig bedrohlich, langfristig schädigend. […] Die physischen und physiologischen Auswirkungen sind individuell und sozial an der Grenze des Erträglichen.“[2]
Lärm und Geräusche können unangenehm sein, schmerzhaft sein und einfach schier unerträglich. In den falschen Händen kann Akustik zum grausamen Macht- und Folterinstrument werden.

Musik als Folterinstrument

Ein Fernsehbeitrag von Jürgen Hansen und Simone Stripp, ausgestrahlt am 07.10.2008 auf 3sat, berichtet von einer Standard-Verhörmethode, die nach Berichten ehemaliger Gefangener und Soldaten in Guantanamo und amerikanischen Geheimgefängnissen im Irak und in Afghanistan durchgeführt werden. Dabei werden schmerzhaft verdrehte und gefesselte Gefangene teilweise über Tage ohrenbetäubender Musik und Stroboskoplicht ausgesetzt, mit dem Ziel sie psychologisch zu brechen. Der Ex-Guantanamo-Häftling Ruhal Ahmed berichtet die Musik sei so laut in den Ohren, dass man nicht mehr denken könnte und das einzige was man höre sei Hämmern. Nach einer Weile lauter Musik sei es keine Musik mehr, sondern nur noch Lärm. Dem Bericht nach ist dabei die bevorzugte Musik amerikanischer Verhörspezialisten Death Metal oder Heavy Metal. Nach Angaben von Gefangenen und ehemaligen Soldaten soll es regelrechte Hitlisten geben, auf denen zum Beispiel der Rapper Eminem ganz weit oben steht. Auch Kinderlieder, wie der Titelsong der Sesamstraße werden in tagelangen Endlosschleifen abgespielt. Ein Mediziner der Medical Foundation For The Care Of Torture erzählt, die Gefangenen würden dabei unter der völligen Hoffnungslosigkeit leiden, nie mehr gerettet zu werden, was zu extremen Psychosen führen könnte. Menschen, die mit Musik gefoltert werden sind hohem Stress ausgesetzt. Die laute Musik verursacht einen Adrenalinschub und lässt die Opfer keine Ruhe mehr finden. Sie werden regelrecht traumatisiert, sagen Experten.

Die Macht der Stille

Eine weitere besondere Form der akustischen Gewalt ist Schweigen und Stille. Sie wird auch bei Verhören, Folterungen oder zur Gehirnwäsche eingesetzt, beispielsweise in Form von Isolationshaft. Völlige Stille wird als sehr unangenehm und beängstigend empfunden, weil so beispielsweise die akustische Orientierung im Raum fehlt. Hält diese Stille länger an, kann es wegen nicht vorhandenen Außenreizen zu Halluzinationen und Denkstörungen kommen.[3]

Der Mosquito © knoxsecurity.co.uk

Der Mosquito – Gewalt an Jugendlichen

Eine relativ neue und recht verbreitete Methode sich vor „herumlungernden“ Jugendlichen an öffentlichen Plätzen wie Einkaufszentren oder Bahnhöfen zu schützen, bietet ein Ultraschall-Störgeräuschsender namens Mosquito. Das Gerät wurde 2005 in Großbritannien entwickelt und wird mittlerweile in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. Die Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Gehörs für hohe Frequenzen soll mit dem Alter nachlassen. Das Gerät arbeitet mit Schallwellen in hohen Frequenzbereichen, die angeblich nur von jungen Leuten bis 25 Jahren wahrgenommen werden können und die sie im wahrsten Sinne des Wortes vertreiben.

Mosquito Hörbeispiel

Der Mosquito hat eine Frequenz zwischen 17 kHz und 18,5 kHz. Tests zufolge sollen Menschen über 25 Jahren nicht mehr in der Lage sein eine Frequenz von 18 kHz zu hören. Das Wirkungsprinzip des Mosquito liegt allerdings nicht in seiner Frequenz oder Lautstärke, sondern in der Art des Tons der ausgegeben wird. Dieser wird von den Betroffenen als extrem lästig und unangenehm empfunden. Der Ton ist moduliert und setzt sich aus einem Ton mit 17 kHz und einem Ton mit 18 kHz zusammen. Zwischen den beiden Signalen wird dann viermal pro Sekunde gewechselt. Da der Ton nicht gleichmäßig ist, kann sich das menschliche Gehirn nicht daran gewöhnen. Dies soll nach Angaben des Erfinders Jugendliche dazu veranlassen, die entsprechenden Orte zu meiden. Das Gerät kann mithilfe einer Zeitschaltuhr oder eines Bewegungsmelders gesteuert werden, um gezielt die Versammlung von Jugendlichen zu unterbinden. Ob der Mosquito langfristig gesundheitliche Schäden verursacht konnte noch nicht bestätigt werden, dennoch wird die „Waffe gegen Jugendliche“ scharf kritisiert. Der Ton soll extrem unangenehm sein, aber keine Schmerzen verursachen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schließt gesundheitliche Schädigungen des Hörvermögens allerdings nicht aus. Die Störung des Gleichgewichtssinns, Kopfschmerzen und Schwindel sind ihrer Meinung nach möglich.

Schallkanone bei der US-Navy. wikipedia.org / Tucker M. Yates

Auch wenn der Mosquito keine Schmerzen verursacht, kann man ihn trotzdem als eine akustische Waffe bezeichnen. Eine solche Methode ist diskriminierend und vertreibt Jugendliche wie Tiere. Des Weiteren können Kleinkinder und Säuglinge mitgeschädigt werden, sowie Jugendliche, die sich unfreiwillig in der Nähe aufhalten. Dass auch Erwachsene und Senioren den Ton wahrnehmen können ist nicht ausgeschlossen.
Diese Methode erinnert stark an die so genannten Sound-Laser, Lärmwaffen, die schmerzhaft laute Geräusche von sich geben und beispielsweise auf Schiffen zur Bekämpfung von Piraten eingesetzt werden oder um große Menschenmengen aufzulösen.

Musik und Geräusche können uns also nicht nur unterhalten, sondern uns auch schädigen. Gewisse Lautstärken oder Frequenzen können physische Schmerzen und Verletzungen unseres Gehörs nach sich ziehen und das Trommelfell im schlimmsten Fall zerstören. Die Formen akustischer Gewalt sind häufiger zu finden als wir annehmen. Akustik wird missbraucht, um Menschen zu quälen, zu vertreiben oder zu manipulieren. Wir sind ihr in urbanen Räumen hilflos ausgeliefert. Die Macht des technischen Fortschritts hat uns dabei fest in der Hand. Auch die Verhörmethoden in Gefängnissen, wie zum Beispiel in Guantanamo, haben gezeigt, wie mit Akustik Macht ausgeübt wird. Mit dem Mosquito übt die Öffentlichkeit sowie Privatpersonen Macht über Jugendliche aus. Akustische Gewalt ist auch akustische Machtausübung, die Menschen hypnotisieren und manipulieren kann. Man denke nur an die Propagandareden Adolf Hitlers über das heimische Radio.

[1]Vgl. Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. S. 7f.

[2] Bosshard, Andres: Hörstürze und Klangflüge. Akustische Gewalt in urbanen Räumen. In: Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. S. 85.

[3]http://de.wikipedia.org/wiki/Stille

Quellen:
Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005.

http://paedagogik-news.stangl.eu/80/ultraschall-abschreckungsgeraet-gegen-jugendbanden

http://www.stern.de/politik/ausland/musik-als-folter-die-greatest-hits-von-guantanamo-648547.html

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/pieptonfolter-gegen-jugendliche-hier-kommt-die-tinnitus-attacke-a-549176.html

http://www.heise.de/tp/artikel/20/20992/1.html

http://www.youtube.com/watchv=jbiP5TsqR4w (Kulturzeit, 07.08.2010)